Kurzbeschreibung
Dem steht gegenüber, dass die meisten Schwindelsymptome eine gutartige Ursache haben und sich erfolgreich behandeln lassen, wenn nach korrekter Diagnose eine suffiziente Therapie durchgeführt werden kann, was allerdings sowohl am Behandler wie am Patienten scheitern kann.
Schwierig ist, dass der psychogene Schwindel alle Qualitäten annehmen kann, die ein meist vorangegangener oder vorher erlebter organischer Schwindel beinhalten kann. Die Begleiterscheinungen sind in aller Regel durch die psychische Erkrankung geformt, so dass dafür eine genaue Kenntnis der Psychopathologie für die Diagnostik und vor allem für die Therapie notwendig ist.
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Auszug aus Psychotherapie bei Schwindel von Helmut Schaaf. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Etymologie des Begriffes Schwindel
Das deutsche Wort Schwindel lässt sich auf die althochdeutschen Begriffe swintan und swintilon zurückführen. Im Mittelhochdeutschen entstand das Substantiv swindel mit der innewohnenden Bedeutung des systematischen Schwindels und das swinden, das unter anderem abnehmen, vergehen und bewusstlos werden bedeutete. Dabei geht es um ein Schwinden der Sinne, des Körpers oder des Bewusstsein. Diese Bedeutungskomponente ist etwa in dem Begriff Schwindsucht zu finden.
Ab dem 9. Jahrhundert taucht das Wort verschwinden im Sinne von unsichtbar oder unwirklich werden, aber auch vergehen, auf. Dies kam in einer Zeit auf, in der so Ch. von Braun das Christentum eine tiefe Spaltung in der Frage der Bilderverehrung und des Verhältnisses von sichtbarer und unsichtba-rer Welt erfährt.
Ebenso wie man vom Schwindel befallen oder ergriffen werden kann, kann man ihn ausüben oder dazu beitragen, dass einem selbst schwindlig wird, was auf der Subjekt Objektbeziehung immer ein Stück Unsicherheit beinhaltet. Der Schwindel als - aktives - Erzählen der Unwahrheit, bzw. der modifizierten Wahrheit ist mit dem Moment der Täuschung im Sinne der Erzeugung von Scheinwahrnehmung verbunden.
Diese zweite, heute geläufige Bedeutung des Wortes Schwindel im Sinne von Täuschung und Betrug bürgerte sich ab dem 16. Jahrhundert ein parallel zur kopernikanischen Wende mit teilweise fundamentalen Neuerungen in der Sicht- und Betrachtungsweise der Welt und sich selbst.
Bis ins 17. Jahrhundert wurde als Schwindler ein Schwärmer und Phantast bezeichnet, der unglaubwürdige Geschichten erzählt. Zu Zeiten des Sturm und Drangs wurde unter Schwindel häufig der Taumel verstanden, ausgelöst durch heftige Empfindungen als ein gefühlsbetontes Erleben.
Ende des 18. Jahrhunderts wurde unter dem Einfluß des englischen swindler aus dem Schwärmer und Phantasten begrifflich ein Betrüger. Dem vorangegangen war die Umstellung der Geldwirtschaft auf die Schein-wirtschaft. Schon mit der Einführung des Wechsels, eines vom Schuldiger gegebenen schriftlichen Versprechens auf spätere Auszahlung, begann der Schwindel mit dem Verschwinden manchmal des Gläubiger, manchmal auch nur des Geldes. Endgültig wurde dem Betrug Tür und Tor geöffnet, als mit der Einführung des Papiergeldes statt der bis dato harten sichtbaren, in ihrem Wert an Materie gekoppelten Geldstücke gedruckte Zahlen auf Scheinen in Umlauf kamen. Damit vergrößerte sich der Schwindel, nicht zuletzt im deutschholländischen Geschäftsverkehr. Ein Schwindler war der, wer Geld und Güter durch Vorspiegelung falscher Tatsachen erlangt.
Das Grimmsche Wörterbuch beschreibt - den zu seiner Entstehungszeit noch neuen Bedeutungswandel - folgendermaßen: Eine weitere Bedeutungs-entfaltung zeigt Schwindel, besonders in der neueren Sprache, indem es einen unbesonnenen, unsoliden Handel bezeichnet, meist als Ausdruck moralischer Verurteilung.
Janz, R.P, Stoermer und Hiepko, A. haben 2003 aus geisteswissenschaftli-cher Betrachtung darauf hingewiesen, dass der Schwindler auf die psycholo-gische Kooperation der Betrogenen aufbaue, die an der vom Schwindler er-zeugten Scheinwirklichkeit durch die Projektion ihrer Ängste und Wünsche mitwirkten. Eine erfolgreiche Hochstapelei decke dabei auch die imaginären Züge und gelegentlich auch zweifelhaften Grundlagen in den Mechanismen sozialer Autorisierung auf, durch die die objektive Wirklichkeit konstituiert werde. Dass sie auf diese Weise auch die fiktiven Züge der normalen Realität vorführten, dürfte eine der Gründe für Sympathien sein, die den Hochstaplern und Schwindlern - zumindestens von den nicht unmittelbar Betroffenen - oft entgegen gebracht wird, was sie u.a. als Protagonisten literarischer und filmi-scher Erzählungen besonders interessant macht, etwa beim Der Hauptmann von Köpenick.
Auch liege in der für den Schwindel im übertragenen Sinne kennzeichnenden Relativierung der Gegensätze von Wahrheit und Lüge, Wirklichkeit und Sein und Schein ein befreiendes Moment der Dispension von Zwängen und der Erweiterung des Spielraums von Möglichkeiten, aber auch das Beunruhigende an der Virtualisierung der Welt (Janz, R.P, Stoermer, Hiepko, A. (2003).
So wird das Schwindeln oft auch als minderschwere Form der Lüge ange-sehen, die sich moralisch nicht allzu streng beurteilen lässt, weil sie die Züge einer phantasievollen Modifikation der Wirklichkeit trägt und eher der Ver-meidung unnötiger Konflikte als der Vorteilsgewinnung zu dienen scheint.
Der aktuelle Duden definiert Schwindel als Taumel, Gefühle des Schwankens, auch unnützes Zeug, Erlogenes. Im Englischen und Französi-schen hingegen wird zwischen Schwindelsensationen (engl. vertigo, frz. verti-ge) und Unwohlsein (engl. dizziness, frz. malaise) unterschieden.
Schwindel als Symptom in der Medizin und Psychologie:
Medizinisch bezeichnet man als Schwindel eine (meist unangenehme) Stö-rung der räumlichen Orientierung oder die fälschliche Wahrnehmung einer Bewegung des Körpers (Aufdrehen und Schwanken) und/oder der Umgebung (Brandt 2004). Subjektiv wird der Begriff Schwindel für das Gefühl des Schwankens, der Unsicherheit und des Taumels hinsichtlich des Körpererlebens sowie des Schwindens der Sinne benutzt.
Schwindel ist ein Phänomen, das jeder Mensch kennt, sei es von mehr oder weniger lustvoll ausgeführten kreisenden Bewegungen oder vom übertriebenen Alkoholgenuß. So beschrieb der Neurologe Oppenheim 1894 den Schwindel noch als "Symptom von einem geringen Wert". Aber der Umstand, dass er das einzige oder auch das wesentliche Symptom eines krankhaften Zustandes sein kann, rechtfertigt seine Besprechung
Inzwischen ist Schwindel nach den Kopfschmerzen das zweithäufigste Leitsymptom geworden (Brandt 2004), dann, wenn er zu einer Einschränkung des Bewegungsradius und einer Verminderung der Lebensqualität führt, sei es aus organischen (objektivierbaren) oder aus psychogenen (subjektiven?) Gründen.
Als Folge der Schwindelsymptomatik kann es zu Ängsten vor deren Wie-derauftreten kommen, so dass sich als komorbide Störung eine sekundäre Angsterkrankung oder, aufgrund der Einschränkung der Lebensqualität, eine depressive Störung entwickeln kann. Diese psychischen Störungen können wie-derum mit einer Schwindelsymptomatik einhergehen.
Dabei handelt es sich beim Schwindel immer um ein körperliches und seeli-sches Simultangeschehen, wie schon der Berliner Arzt Marcus Herz 1786 in seinem Versuch über den Schwindel beschrieb. Er sah die Zweideutigkeit des Schwindels als psycho-physisches Grenzphänomen und definierte den Schwindel als denjenigen Zustand der Verwirrung, in welchen die Seele wegen der zu schnellen Folge der Vorstellungen sich befindet. Dabei vertrat er die Über-zeugung, dass die Seele nicht nur auf sensorische Reize reagiert, sondern auch aus eigenem Antrieb Vorstellungen hervorbringt und somatische Reaktionen provoziert.
Beachtenswert ist aber, dass bei allem Schwindel und Dahin-Schwinden, ob als Krankheit oder als Ausnahmezustand, als Übergangsphänomen zwischen Taumel und Täuschung, als Zustand lustvoller oder bedrohlicher Sinnesverwirrung der Begriff des Schwindel phänomenologisch so gefasst ist, dass die Wiederherstellung des Gleichgewichts angestrebt wird.
Zustände des Schwebens und der Trance werden dann schwin-delerregend, wenn sie von dem Bewusstsein, abstürzen zu können, oder dem Empfinden einer nahenden Ohnmacht eingeholt werden. So ist das Bedürfnis und das Bemühen, Gleichgewicht und Orientierung zu finden für die Genese des Schwindels ebenso entscheidend wie die Überforderung des Gleichge-wichtssinns und Orientierungsvermögens. Schwindel ist so auch eine Erfahrung des Übergangs an der Grenze zwischen der Sicherung und dem Verlust von Subjektivität.
Schwindel in der Philosophie
Geistesgeschichtlich ist der Schwindel bei Platon und Hegel eng mit dem Zweifel am Bestehenden als Grundlage jeder Philosophie verknüpft. Kant charakterisiert den Schwindel durch eine Überforderung der Fassungskraft des Subjektes.
Die enge Verbindung zur Angst und - wohl nicht zufällig - mit der Moral-frage hob Kierkegaard hervor. Er bezeichnete in einer Abhandlung über den Begriff Angst (!) den Schwindel als elementare Erfahrung des menschlichen Bewusstseins. Dabei ging er fundiert auf den Sündenfall mit dem Schwindel der Schlange und Evas und dem schwindenden Gehorsam Adams gegenüber seinem Gott ein, dem ein Erkennen, dass Adam und Eva nackt waren, folgte.
Schwindel komme auf zwischen dem Zustand der Unschuld und Unwis-senheit und dem Zustand der Schuld und des Wissens um die sexuelle Diffe-renz. Dieser Zwischenzustand sei die Stimmung der Angst, die im Unterschied zum Gefühl der Furcht kein konkretes Objekt habe. Demgemäß sei die Angst jener Schwindel der Freiheit, der aufkomme, wenn die Freiheit hinunter in ihre eigene Möglichkeit schaue und dann die Endlichkeit ergreife, um sich daran zu halten.
So geht es Kierkegaard um jenen Zustand von Freiheit und Notwendigkeit, der zwischen dem paradiesischen Zustand der Unschuld und dem irdischen Leben liegt. Er selber bemerkt aber auch, dass die philosophische Würdigung des Schwindels eine gewisse Leidenschaft des Absurden voraussetzt, und die Bereitschaft, in der Ambivalenz der Freiheit auszuhalten.
Absurd mag im Nachhinein auch erscheinen, dass sich 1530 der gottes-fürchtige Martin Luther seinen real organisch bedingten MenièreSchwindel nicht anders erklären konnte als ein Werk des Teufels: Ich dacht, es sei der schwarze zotticht Geselle aus der Hölle gewest, der mich in seinem Reich auf Erden wohl nicht leiden mag. ... Niemand glaubt mir, wie viel Qual mir der Schwindel, das Klingen und Sausen der Ohren verursacht. Erst 1861 konnte Prosper Menière den organischen Kern dieser Schwindel-Erkrankung im In-nenohr lokalisieren. Dies trug zumindestens dazu bei, das ganzheitliche An-sätze, die in Verrücktheit und Schwindel seelische Erkrankungen, diese aber als Sünde und Frevel sahen, verlassen werden konnten. Der Vorteil war, dass man nicht automatisch Gefahr lief, als Hexe verbrannt oder als besessen erschlagen zu werden.