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5.0 von 5 Sternen
über ein bereicherndes Buch, 24. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Psychotherapie bei Schwindelerkrankungen (Broschiert)
Es gibt mindestens drei gute Gründe, sich als Psychotherapeut und Psychotherapeutin mit „dem Schwindel", seinen vielfältigen Facetten und seinen Therapiemöglichkeiten zu beschäftigen:
1.Als ein Symptom, das immer eine somatische und psychische Erlebnisdimension beinhaltet, ist Schwindel nach den Kopfschmerzen zum zweithäufigsten Leitsymptom geworden
2.Gesichert scheint, dass gut 30 % aller Schwindelformen psychogen zu verstehen sind; zumin-dest eine relevante psychogene Mitbeteiligung weisen 30 % bis 50 % der an Schwindel Leidenden auf.
3.Patienten mit psychogen verursachtem Schwindel sind meist stärker beeinträchtigt als Patienten mit organischem Schwindel.
Trotzdem hält sich die „Begeisterung" von Psychotherapeuten für Schwindelpatienten in engen Grenzen. Dies hat seine Gründe sicherlich in der Vielfältigkeit des Krankheitsbildes, aber auch in dem oft von Therapeuten empfundenen „Sog" des Schwindelgeschehens, der oft selbst schwindlig machen kann. Hinzu kommen vielfältige, teilweise reale Assoziationen hinsichtlich der Täuschungskomponente und manchmal auch der Verdacht des „Unechten".
Beim Erscheinungsbild und in der Erlebnisqualität ist verwirrend, dass der psychogene Schwindel alle Qualitäten annehmen kann, die ein meist vorangegangener oder vorher erlebter organischer Schwindel beinhalten kann. Das heißt, es wird ein Maximum nicht nur an psychotherapeutischer Standfestig-keit gebraucht, sondern auch zumindest Interesse an den organischen Erkrankungsmöglichkeiten. Gleichzeitig wird oft die Kooperation mit dem ärztlichen Gegenüber nötig, so dass sich nicht nur Probleme in der Behandlung mit dem Patienten ergeben, sondern oft auch noch vielfältige Spaltungsphänomene erlebt und erlitten werden müssen, die noch über die schon bekannten Schwierigkeiten mit Somatisierungspatienten hinausgehen können.
Wenn aber dieser Nebel gelichtet ist, so sind die dahinterliegenden Wirkfaktoren, die ein Schwindelleiden verstärken oder eine Habituation verhindern können, in aller Regel gut identifizierbar und oft auch gut angehbar. So liegen meist eine Angst- oder Panikerkrankung, ein depressives oder zunehmend häufiger ein somatoformes Geschehen vor, seltener schon einmal eine dissoziative Störung oder ein psychiatrisches Krankheitsbild im engeren Sinne bei affektiven, schizophrenen oder Demenzerkrankungen.
Oft werden - vor allem reaktiv nach primär organischen Erkrankungen - zusätzlich aufgrund falscher (Eigen-) Annahmen und möglicherweise auch aufgrund falscher ärztlicher Instruktionen Aktivitäten oder Umgebungen, die die Symptome subjektiv verstärken könnten, vermieden. „Nehmen Sie mal xx, statt machen Sie" - so dass der Betroffene durch die Vermeidung an Fähigkeiten verliert, mit der Situ-ation umzugehen und die neuro-psychologische Adaption unterbleibt. So zeigen Patienten mit komplexen somatoformen Schwindelerkrankungen - trotz der eigentlich möglichen Therapierbarkeit - im Krankheitsverlauf auch nach mehreren Jahren in etwa 70 % noch Schwindelsymptome und eine Beeinträchtigung ihrer Berufs- und Alltagsaktivitäten.
Ist es aber möglich, die psychischen und psychosomatischen Komponenten mitzubeachten, könnte meist früher und effektiver eine günstigere Weichenstellung erfolgen und eine adäquatere Therapie eingeleitet werden. Ansätze, die medizinische und psychologische Faktoren als prädisponierend, auslösend und aufrechterhaltend berücksichtigen, können dabei die Brückenfunktion zwischen „Organ" und „Psyche" bilden, die zu einem besseren Verständnis der Patienten und ihres subjektiven Leidens führen können.
Der Autor bietet dafür aus der inzwischen über 10-jährigen Erfahrung einer psychosomatisch arbeitenden Klinik - mit dem primären Schwerpunkt auf dem HNO-Bereich - das notwendige organische und psychotherapeutische Grundlagenwissen an.
Er zeigt darüber störungsorientiert, was helfen kann, die psychogenen Anteile des Schwindelleidens zu verändern. Dazu werden tiefenpsychologische Herleitungsmodelle ebenso geschildert wie überwiegend verhaltenstherapeutische Ansätze, die mit Grafiken und Illustrationen unterstützt werden. Hilfreich sind dabei die Herleitung der eigenen Checkliste der Klinik in Arolsen sowie auch testdiagnostische Ansätze aus dem englischsprachigen Raum.
Obwohl der eigene tiefenpsychologische Ansatz des Autors unverkennbar ist, werden insbesondere die aufrechterhaltenden Faktoren entlang den verhaltenstherapeutischen Vorstellungen ausführlich skizziert und für eine Kasuistik von Schwindel im Rahmen einer sozialen Phobie eine verhaltenstherapeutische Analyse mit Mikro- und Makroanalyse vorgestellt.
Ausführlich werden der Ansatz der systematischen Desensibilisierung und die notwendigen Elemente eines hilfreichen Gleichgewichtstrainings geschildert, das dem Patienten bei aller Theorie und Psychotherapie hilft, wieder auf die Beine zu kommen, soweit dies möglich ist.
Letztlich endet der Autor mit dem Plädoyer, dass es für den vom Schwindel Betroffenen wichtig ist, seine - oft schon für den Behandler - schwer verstehbare Erkrankung selber nachvollziehbar begreifen zu können. Um dann wieder real in die Bewegung zu kommen, sei dies in einem parallel zu organisierenden Gleichgewichtstraining oder in einem direkt körperlichen Komponenten mit einbeziehendem Vorgehen zu bewerkstelligen.
Abgeschlossen wird das Buch auch durch Hinweise zu Begutachtungsfragen und instruktive Zusammenfassungen und Tabellen.
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