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Psychotherapie auf Krankenschein. Gutachten und Diagnosen (Leben Lernen 185)
 
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Psychotherapie auf Krankenschein. Gutachten und Diagnosen (Leben Lernen 185) [Broschiert]

Tilmann Moser
1.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Mehr Transparenz bei psychotherapeutischen Gutachten und Diagnosen *** Erfolgreiche Antragstellung in der Kassenpsychotherapie erfordert viel Erfahrung. Die hier veröffentlichten Gutachten geben dem angehenden Therapeuten Einblick in genehmigte Kassenanträge und informieren auch den Patienten über einen ihm sonst nicht zugänglichen Teilbereich der Psychotherapie.

Klappentext

»Berichte zum Antrag des Patienten« an die Krankenkasse zu schreiben, welche die Behandlungskosten übernehmen soll, gehört zu den ebenso unabdingbaren wie ungeliebten Tätigkeiten in einer psychotherapeutischen Praxis. Diese »Fronarbeit« erfordert ein hohes Maß an therapeutischer Phantasie, Struktur und Psychodynamik eines noch kaum bekannten Patienten in der erwarteten begriff lichen Präzision und Voraussagekraft zu beschreiben. Immerhin hängt vom Gelingen dieses Schriftstücks für den Patienten die Finanzierung seiner Therapie ab, für den Therapeuten das zuverlässig fließende Einkommen. Gerade für junge Psychotherapeuten dürfte es von großem Wert sein, einem erfahrenen Kollegen dabei »über die Schulter zu schauen«. Doch Tilmann Moser beabsichtigt mehr: Er will Patienten und allen, die sich für eine Psychotherapie interessieren, Einblick in die Wirklichkeit der Gutachten und Diagnosen geben. Da sämtliche Gutachtenanträge authentische Texte sind, die in dieser Form genehmigt wurden und zur Aufnahme einer psychoanalytischen oder tiefenpsychologischen Therapie geführt haben, kann auch der nichtpsychotherapeutische Leser einen Blick hinter die Kulissen werfen.

Über den Autor

Tilmann Moser, Dr. phil., geboren 1938, ist als Psychoanalytiker und Körperpsychotherapeut in freier Praxis in Freiburg tätig. Besondere Tätigkeitsfelder: seelische Nachwirkungen von NS-Zeit und Krieg; die Verbindung von Psychoanalyse und Körpertherapie; Nachwirkungen von repressiven Gottesbildern. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, u. a. Bekenntnisse einer halb geheilten Seele (2004), Berührung auf der Couch (2001), Gottesvergiftung (1980), alle bei Suhrkamp.

Auszug aus Psychotherapie auf Krankenschein von Tilmann Moser. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Vom Gutachten zur Therapie
Das Gutachten hat eine paradoxe Stellung bei der Vorbereitung, aber auch für den Verlauf der Therapie. Die meisten Patienten wissen heute, dass der Therapeut Material braucht für seine Diagnose und die Begründung von Dauer und Setting der Therapie.
Also liefern sie es und verabschieden sich gleichzeitig von dem künftigen Urteil. Der Gutachter entscheidet sozusagen über ihre Patientenzukunft. Er erhält die Darstellung ihres Lebens und ihrer Neurose, aber der Text bleibt in der Regel »geheim«. Die Wichtigkeit der Prozesse merkt er oder sie daran, dass er warten muss, vier bis acht Wochen. Er weiß also, dass »irgendwo« über ihn entschieden wird, und dass nicht nur er, sondern auch der Therapeut von dieser fernen undurchschaubaren Entscheidung abhängt. Irgendwann kommt ein Plazet oder eine Kürzung oder Verlängerung des Gewährten. Wem gehört also das Gutachten? Eine Kopie bleibt beim Gutachter und gehört ihm, treuhänderisch. Der Therapeut besitzt natürlich auch ein Exemplar, und in vielen Fällen hat er das Gefühl, er habe einen Schulaufsatz mit ungewissem Ergebnis abgegeben. Auf jeden Fall erhält er nach einigen Wochen eine Bewertung, Zustimmung, Lob oder Tadel oder beides gleichzeitig, manchmal freundlich, gelegentlich mäkelnd, anerkennend oder besserwisserisch, und er nimmts niedergeschlagen oder wütend auf, wenn entweder die beschriebene Neurose kassentechnisch nichts taugt oder die Art seiner Darstellung. Immerhin gegen achzig Prozent der Gutachten passieren die Prüfung ohne Einwände. Wem gehört also das Gutachten? Der Inhalt ist ja bei allen Aneignungsformen des Textes der gleiche: das therapeutische Schicksal des Patienten. Das Gutachten über das Gutachten, also ein sehr indirektes Fragment der ausführlichen Diagnose, landet in einer oft wertenden Form beim Therapeuten, in einer ganz rudimentären bei der Krankenkasse, und die informiert dann den Therapeuten wie den Patienten, dass die Arbeit beginnen könne.
Als ich ganz zu Anfang des Projekts einige meiner Gutachten durchsah, hatte ich ein heftiges Gefühl: Sie gehören mir, es sind meine Hervorbringungen. Aber kann etwas nur mir gehören, das die Diagnose eines anderen enthält, der durch meine professionelle Kompetenz Autonomie erwerben soll und zum Teil wohl auch erworben hat? Hat er nicht einen professionellen Anspruch darauf, wenigsten spät oder post festum zu erfahren, unter welchen Bedingungen ich ihn angenommen und zur Therapie vorgeschlagen habe, und unter welchen Bedingungen seine Neurose halbstaatlich anerkannt worden ist?
Natürlich nur wenn er will, und ich würde ihn nicht drängen, aber vielleicht doch diese Begegnung mit einem Stück gemeinsamer Vergangenheit schmackhaft zu machen versuchen.
Was ich damit sagen will: Dass ich den ersten Teil, das Angebot der Lektüre und des gemeinsamen Sprechens darüber, als ausgesprochen fruchtbar, heilsam, zum Teil auch entkrampfend empfunden habe. Wichtig war für mich auch, dass ich das Angebot mehreren ehemaligen Patienten gleichzeitig machte und also die Verschiedenartigkeit der Reaktionen, aber auch der Bedürfnisse beobachten konnte. Doch wäre natürlich genauso gut denkbar, dass man einen nach dem anderen fragt, in einem ganz individuell zu wählenden Moment und zeitlichen Abstand. Dass ich es sozusagen als Gruppenexperiment machte, hängt sicher mit dem zweiten Teil meines Anliegens zusammen: Darf ich eine für eine Publikation angemessene Anzahl von Gutachten veröffentlichen, mit einer ausdrücklichen jeweiligen Zustimmung, die nicht kollusiv, also nur aufgrund einer positiven Übertragung oder aus Dankbarkeit oder aus einem Mangel an Widerstandskraft und -bereitschaft gegeben wurde? Das emotionale Erlebnis bei den meisten befragten Patienten, mit denen ich zuerst einmal das Gutachten durchging, war ein Gefühl der Anerkennung als »Person, die eingeweiht werden kann«, wenn man den sonst üblichen Geheimnischarakter noch einmal hervorheben will. Aber es ging auch um die weitgehende Rückschau auf Dinge, die eben bis jetzt ungesehen, ohne seine Kenntnis, aber doch in intensivem Bezug zum Patienten geschehen waren. Die dabei eine Rolle spielenden Affekte könnte man, was den regressiven Aspekt angeht, mit denen vergleichen, die Kinder empfinden, wenn sie in ihren späteren Jahren von den Eltern informiert werden über innerfamiläre Vorgänge, die damals hinter ihrem Rücken abgehandelt wurden und dennoch mit ihrem seelischen und geistigen Fortkommen verbunden waren: Entscheidungen über die Schulart, die Förderung bestimmter Hobbys oder Ausbildungen, die religiöse Unterweisung, die Einleitung von Auslandsaufenthalten, die Einleitung von Nachhilfeunterricht, usw. Was vorher eine Teilung in die Dyade und unbekannte Vorgänge außerhalb des engeren Settings war, wird jetzt zusammengefügt, und die bei fast allen feststellbare Aufgeregtheit spricht dafür, dass dieses Zusammenführen divergenter Stränge nicht ohne starke affektive Bedeutung ist.
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