Buch der 1000 Bücher
Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Psychopathia sexualis
OA 1886 Form Sachbuch Bereich Sexualwissenschaft
Psychopathia sexualis wurde weltweit Vorbild für eine Wissenschaft der Sexualpathologie; es war die erste systematische Klassifikation des gesamten Wissens der Zeit über ein bis da-hin verpöntes Forschungsgebiet. Eigentliche Ursache für sexuelle Abweichungen ist nach Richard von Krafft-Ebing die »Entartung«, eine angeblich durch Vererbung und durch die moderne Zivilisation bedingte Schwächung des Gehirns und des Zentralnervensystems.
Inhalt: Im ersten Teil erläutert Krafft-Ebing die Unterschiede der Geschlechter, die er in der Stärke und Kontinuität des Sexualtriebes begründet sieht. Im Gegensatz zum Mann sei das sinnliche Verlangen der Frau nur gering, sie verhalte sich von Natur aus passiv. Ihr Leben sei der Liebe und Mutterschaft gewidmet; der Mann wende sich hingegen anderen Interessen zu, wenn sein Trieb befriedigt ist. Die Frau sei im Wesentlichen monogam, der Mann eher polygam. Im dritten Kapitel kommt Krafft-Ebing zur allgemeinen Neuro- und Psychopathologie. Im Mittelpunkt steht die »Parästhesie des Sexualtriebes«. Hier wird der Begriff »pervers« definiert als jegliche Äußerung des Geschlechtstriebes, die nicht den Zwecken der Natur (Fortpflanzung) entspricht. Zur Erläuterung werden kolportierte und eigene Beobachtungen mit wesentlichem Augenmerk auf die Lust am Grausamen aufgeführt.
In Anlehnung an den Psychiater Carl F. O. Westphal (18331890) bezeichnet Krafft-Ebing die Homosexualität als »konträre Sexualempfindung« und sieht sie als meist angeborenes Leiden, als einen Mangel an sexueller Empfindung dem anderen Geschlecht gegenüber. Der Grund liege in Anomalien der Hirnfunktionen. Sie wird als »funktionelles Degenerationszeichen« bezeichnet. Es gebe keine Therapie, doch könne bei normalen Menschen der Trieb durch Erziehung eingedämmt werden. In der Regel angeboren, könne bei psychisch belasteten Individuen auch Masturbation Gelegenheit zur Ausbildung der erworbenen »konträren Sexualempfindung« geben.
Die letzten 15 Seiten widmet Krafft-Ebing dem Sexualtäter, wobei er zwischen der krankheitsbedingten Perversion natürlicher Triebe und dem kriminellen Vergehen eines »pervertierten Gemütes« gegen die Gesetze von Moral und Anstand unterscheidet. Er plädiert für eine Zusammenarbeit von Richtern und medizinischen Experten, sodass der kriminelle »Perverse« nicht bestraft, aber »zeitlebens unschädlich gemacht« werde.
Wirkung: Psychopathia sexualis wurde vor allem bei den Homosexuellen, die hier erstmals Verständnis fanden, ein großer Erfolg. Die Fachwelt hingegen nahm das Werk sehr reserviert auf. Einige Kritiker meinten, diese Art von Literatur könne sogar Perversionen hervorrufen. Krafft-Ebing verlor beinahe die Ehrenmitgliedschaft in der British Medical Association. Von 110 Seiten der Erstauflage 1886 erhöhte sich der Umfang bis zur siebten Auflage 1892 auf 432 Seiten. Besonders die Fallberichte und der Abschnitt über (erworbene) Homosexualität wurden erweitert und die Begriffe des Fetischismus, Sadismus und Masochismus (von Krafft-Ebing geprägt) eingeführt. Das Werk löste eine grundlegende wissenschaftliche Kontroverse über die Frage aus, ob sexuell abweichendes Verhalten auf Degenerations- oder auf Umweltfaktoren zurückzuführen sei. B. W. B.
Psychopathia sexualis
OA 1886 Form Sachbuch Bereich Sexualwissenschaft
Psychopathia sexualis wurde weltweit Vorbild für eine Wissenschaft der Sexualpathologie; es war die erste systematische Klassifikation des gesamten Wissens der Zeit über ein bis da-hin verpöntes Forschungsgebiet. Eigentliche Ursache für sexuelle Abweichungen ist nach Richard von Krafft-Ebing die »Entartung«, eine angeblich durch Vererbung und durch die moderne Zivilisation bedingte Schwächung des Gehirns und des Zentralnervensystems.
Inhalt: Im ersten Teil erläutert Krafft-Ebing die Unterschiede der Geschlechter, die er in der Stärke und Kontinuität des Sexualtriebes begründet sieht. Im Gegensatz zum Mann sei das sinnliche Verlangen der Frau nur gering, sie verhalte sich von Natur aus passiv. Ihr Leben sei der Liebe und Mutterschaft gewidmet; der Mann wende sich hingegen anderen Interessen zu, wenn sein Trieb befriedigt ist. Die Frau sei im Wesentlichen monogam, der Mann eher polygam. Im dritten Kapitel kommt Krafft-Ebing zur allgemeinen Neuro- und Psychopathologie. Im Mittelpunkt steht die »Parästhesie des Sexualtriebes«. Hier wird der Begriff »pervers« definiert als jegliche Äußerung des Geschlechtstriebes, die nicht den Zwecken der Natur (Fortpflanzung) entspricht. Zur Erläuterung werden kolportierte und eigene Beobachtungen mit wesentlichem Augenmerk auf die Lust am Grausamen aufgeführt.
In Anlehnung an den Psychiater Carl F. O. Westphal (18331890) bezeichnet Krafft-Ebing die Homosexualität als »konträre Sexualempfindung« und sieht sie als meist angeborenes Leiden, als einen Mangel an sexueller Empfindung dem anderen Geschlecht gegenüber. Der Grund liege in Anomalien der Hirnfunktionen. Sie wird als »funktionelles Degenerationszeichen« bezeichnet. Es gebe keine Therapie, doch könne bei normalen Menschen der Trieb durch Erziehung eingedämmt werden. In der Regel angeboren, könne bei psychisch belasteten Individuen auch Masturbation Gelegenheit zur Ausbildung der erworbenen »konträren Sexualempfindung« geben.
Die letzten 15 Seiten widmet Krafft-Ebing dem Sexualtäter, wobei er zwischen der krankheitsbedingten Perversion natürlicher Triebe und dem kriminellen Vergehen eines »pervertierten Gemütes« gegen die Gesetze von Moral und Anstand unterscheidet. Er plädiert für eine Zusammenarbeit von Richtern und medizinischen Experten, sodass der kriminelle »Perverse« nicht bestraft, aber »zeitlebens unschädlich gemacht« werde.
Wirkung: Psychopathia sexualis wurde vor allem bei den Homosexuellen, die hier erstmals Verständnis fanden, ein großer Erfolg. Die Fachwelt hingegen nahm das Werk sehr reserviert auf. Einige Kritiker meinten, diese Art von Literatur könne sogar Perversionen hervorrufen. Krafft-Ebing verlor beinahe die Ehrenmitgliedschaft in der British Medical Association. Von 110 Seiten der Erstauflage 1886 erhöhte sich der Umfang bis zur siebten Auflage 1892 auf 432 Seiten. Besonders die Fallberichte und der Abschnitt über (erworbene) Homosexualität wurden erweitert und die Begriffe des Fetischismus, Sadismus und Masochismus (von Krafft-Ebing geprägt) eingeführt. Das Werk löste eine grundlegende wissenschaftliche Kontroverse über die Frage aus, ob sexuell abweichendes Verhalten auf Degenerations- oder auf Umweltfaktoren zurückzuführen sei. B. W. B.
Kurzbeschreibung
Im ersten Teil erläutert Krafft-Ebing die Unterschiede der Geschlechter, die er in der Stärke und Kontinuität des Sexualtriebes begründet sieht. Im Gegensatz zum Mann sei das sinnliche Verlangen der Frau nur gering, sie verhalte sich von Natur aus passiv. Ihr Leben sei der Liebe und Mutterschaft gewidmet; der Mann wende sich hingegen anderen Interessen zu, wenn sein Trieb befriedigt ist. Die Frau sei im Wesentlichen monogam, der Mann eher polygam. Im dritten Kapitel kommt Krafft-Ebing zur allgemeinen Neuro- und Psychopathologie. Im Mittelpunkt steht die >>Parästhesie des Sexualtriebes<<. Hier wird der Begriff >>pervers<< definiert als jegliche Äusserung des Geschlechtstriebes, die nicht den Zwecken der Natur (Fortpflanzung) entspricht. Zur Erläuterung werden kolportierte und eigene Beobachtungen mit wesentlichem Augenmerk auf die Lust am Grausamen aufgeführt. In Anlehnung an den Psychiater Carl F. O. Westphal (1833-1890) bezeichnet Krafft-Ebing die Homosexualität als >>konträre Sexualempfindung<< und sieht sie als meist angeborenes Leiden, als einen Mangel an sexueller Empfindung dem anderen Geschlecht gegenüber. Der Grund liege in Anomalien der Hirnfunktionen. Sie wird als >>funktionelles Degenerationszeichen<< bezeichnet. Es gebe keine Therapie, doch könne bei normalen Menschen der Trieb durch Erziehung eingedämmt werden. In der Regel angeboren, könne bei psychisch belasteten Individuen auch Masturbation Gelegenheit zur Ausbildung der erworbenen >>konträren Sexualempfindung<< geben. Die letzten 15 Seiten widmet Krafft-Ebing dem Sexualtäter, wobei er zwischen der krankheitsbedingten Perversion natürlicher Triebe und dem kriminellen Vergehen eines >>pervertierten Gemütes<< gegen die Gesetze von Moral und Anstand unterscheidet. Er plädiert für eine Zusammenarbeit von Richtern und medizinischen Experten, sodass der kriminelle >>Perverse<< nicht bestraft, aber >>zeitlebens unschädlich gemacht<< werde.
Autorenporträt
Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Krafft-Ebing, Richard von dt. Psychiater *14.8.1840 Mannheim, 22.12.1902 Graz Psychopathia sexualis, 1886 Mit Psychopathia sexualis, deren Veröffentlichung für die Anerkennung der Sexualpathologie als Wissenschaft entscheidend war, und mit dem Lehrbuch der Psychiatrie (1879/80) begründete Richard von Krafft-Ebing seine weltweite Reputation. Krafft-Ebing studierte in Zürich und Heidelberg, wurde 1863 promoviert, arbeitete fünf Jahre als Assistenzarzt an der "Anstalt für Geisteskranke" in Illenau (Baden) und praktizierte danach als Nervenarzt in Baden-Baden. 1872 wurde er Professor an der Universität Straßburg. Ein Jahr später folgte ein Ruf nach Graz, wo er 16 Jahre Psychiatrie lehrte. 1892 übernahm Krafft-Ebing eine Professur an der Psychiatrischen Klinik des Allgemeinen Krankenhauses Wien, die er bis zu seiner Pensionierung 1902 leitete. Krafft-Ebing war Forscher und klinischer Lehrer in Psychiatrie, Neurologie und forensischer Medizin. Mit seiner Psychopathia sexualis wandte er sich ausdrücklich nur an Forscher "auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und der Jurisprudenz" und verwendete vorwiegend dem Laien unverständliche lateinische Fachausdrücke. Besonders "anstößige" Stellen sind in lateinischer Sprache geschrieben
Krafft-Ebing, Richard von dt. Psychiater *14.8.1840 Mannheim, 22.12.1902 Graz Psychopathia sexualis, 1886 Mit Psychopathia sexualis, deren Veröffentlichung für die Anerkennung der Sexualpathologie als Wissenschaft entscheidend war, und mit dem Lehrbuch der Psychiatrie (1879/80) begründete Richard von Krafft-Ebing seine weltweite Reputation. Krafft-Ebing studierte in Zürich und Heidelberg, wurde 1863 promoviert, arbeitete fünf Jahre als Assistenzarzt an der "Anstalt für Geisteskranke" in Illenau (Baden) und praktizierte danach als Nervenarzt in Baden-Baden. 1872 wurde er Professor an der Universität Straßburg. Ein Jahr später folgte ein Ruf nach Graz, wo er 16 Jahre Psychiatrie lehrte. 1892 übernahm Krafft-Ebing eine Professur an der Psychiatrischen Klinik des Allgemeinen Krankenhauses Wien, die er bis zu seiner Pensionierung 1902 leitete. Krafft-Ebing war Forscher und klinischer Lehrer in Psychiatrie, Neurologie und forensischer Medizin. Mit seiner Psychopathia sexualis wandte er sich ausdrücklich nur an Forscher "auf dem Gebiete der Naturwissenschaften und der Jurisprudenz" und verwendete vorwiegend dem Laien unverständliche lateinische Fachausdrücke. Besonders "anstößige" Stellen sind in lateinischer Sprache geschrieben