Diese Rezension bezieht sich auf die Auflage von 2005, wird jedoch größtenteils auf die neue Auflage zutreffen.
Das Positive an diesem Buch ist natürlich sein Umfang. Es deckt alle Bereiche der Psychologischen Diagnostik ausführlich und - mehr oder weniger - verständlich ab. Als ein Standardwerk für die Psychologische Diagnostik kann es allerdings nicht betrachtet werden, denn dazu bezieht es zu eindeutig Position.
Beziehen wir uns auf den immerwährenden Konflikt zwischen Klassischer Testtheorie und Probabilistischer Testtheorie, so macht Kubinger keinen Hehl daraus, dass er die erstere nur als lästig und fehlerbehaftet empfindet. Das Problem ist, dass Kubinger selbst diagnostische Verfahren entwickelt und dementsprechend eine eindeutige Position vertritt, wie solche Verfahren auszusehen haben: Probabilistische Testtheorie, vorzugsweise Raschmodell, sowie notwendigerweise Computerdiagnostik. Alles andere erfüllt die Gütekritieren nicht und ist dementsprechend hinfällig. Diese Argumentationskette zieht sich leider durch das gesamte Buch und beginnt auf Dauer sehr sauer aufzustoßen, da man sich als Leser doch einen neutralen Standpunkt wünschen würde und nicht nur die Contras sondern auch die Pros der Klassischen Testtheorie hören möchte. Oder umgekehrt die Contras der Probabilistischen Testtheorie, die da z.B. seien, dass es für die Persönlichkeitsdiagnostik kaum möglich ist, entsprechende Verfahren nach diesem Modell zu konstruieren usw. Um auf den Punkt zu kommen: Kubinger bezieht hier zu eindeutig Position. Gerade ein Lehrbuch sollte weitestgehend neutral sein und Pro wie Contras kommentarlos listen, damit sich der Leser selbst ein Bild verschaffen kann.
Auch empfinde ich die Argumentationsketten Kubingers als sehr fragwürdig. Seine selbst entwickelten Verfahren (z.B. AID2) werden übertrieben ausführlich (genaue Erkärung einzelner Subtests) und viel zu kritiklos dargestellt, was jedoch wieder mit besagter Lehrmeinung zusammenhängt. Die Nützlichkeit seiner Verfahren unterlegt Kubinger mit von ihm selbst durchgeführten Studien. Ähnlich verhält es sich bei von ihm aufgestellten Thesen und Behauptungen, die abermals mit eigenen Zitaten aus anderen Werken rechtfertigt werden. Im Klartext heißt das: "Es stimmt, weil ich es so sage." Das halte ich für ein sehr zweifelhaftes Vorgehen, da ein Verweis auf die Meinung oder Studien anderer Forscher zu den eigenen aufgestellten Thesen wesentlich mehr Aussage- und Überzeugungskraft hätte.
Einen weiteren Kritikpunkt sehe ich in der völlig unverständlichen Definitions-"Wut" Kubingers. In diesem Buch wird jeder Fachbegriff nochmals, meistens von ihm selbst oder in Anlehung an bestimmte Werke, neu definiert. Das macht bei manchen Begriffen zwar durchaus Sinn und erhöht die Übersichtlichkeit, allerdings "Anamneseerhebung" als "Sammlung der typischerweise mit dem gegebenen Sachverhalt in Verbindung stehenden Informationen" neu zu erfinden, ist eine absolut unnötigte und unverständliche Verkomplizierung.
Die Ironie des Ganzen findet sich schließlich in den Beispiel-Gutachten, von denen im Buch einige gelistet sind, bei denen die vielen Standards, die Kubinger für ein gutes Gutachten definiert, kaum Niederschlag finden. Kubinger meint zwar, dass gerade das als Provokation dienen sollte, wie wenig sich die Diagnostik um Güterkritieren, Prinzipien und Standards schert, aber sollte man sich nicht auch fragen, ob es dafür auch gute Gründe gibt? Aber da wären wir wieder beim Thema Lehrmeinung.