War es der Titel, der Hinweis auf die zweite Auflage oder einfach Desinteresse, was mich das kleine Logo auf dem Umschlag übersehen liess. Jedenfalls hatte ich nicht damit gerechnet, dass mich dieses Buch vor allem in das Glaubenssystem von Kienbaum Executive Search Human Resource & Management Consulting einführt. Die Überraschung wäre durchaus positiv gewesen, wenn die beiden Autoren von Kienbaum Management Consultants GmbH einen Ansatz vorstellen würden, der neuere Erkenntnisse mit Altbekanntem verbindet. Aber dem ist nicht so. Boris von der Linde und Anke von der Heyde benutzen traditionelles Schulbuchwissen über Psychologie, um eine Plattform für Kienbaum Kompetenztests, Kienbaum Expertentipps und Kienbaum-Motivationsanalysen zu bauen. Und weil ein wissenschaftlicher Hintergrund immer gut ist, heisst es dann manchmal schlicht: "Die Psychologie und die einschlägige Literatur unterscheidet verschiedene Typen von..." Dass wir aber von dieser einschlägigen Literatur weder im Text noch im Anhang etwas erfahren, finde ich ein starkes Stück.
"Lernen Sie hier die psychologischen Grundbausteine kennen und entwickeln Sie so einen wirksamen Führungsstil", lautet die Werbebotschaft auf dem Klappentext. Diese Aufforderung deutet auf den alten Glauben hin, Verhaltensweisen liessen sich durch Einsicht verändern. Zwar geben auch die beiden Autoren zu, dass es nicht ganz einfach ist, das Verhalten von Mitarbeitern nachhaltig zu verändern, aber ihre Kienbaum-Tipps lassen solche Geständnisse zu rhetorischen Floskeln verkommen. Das gilt auch für Typologisierungen. So lesen wir auf Seite 87, dass Typologien nichts weiter als Wahrnehmungsschubladen und nur in Ausnahmefällen praktikabel sind, werden aber trotzdem immer wieder dazu ermuntert, uns auf solche Typologien einzulassen und sie anzuwenden. Wenn eine Führungskraft also erkannt hat, dass sein Mitarbeiter zum Treiber-Typ gehört, soll er diesen dazu führen, mehr Geduld aufzubringen. Der Zuverlässige muss Konflikte besser ansprechen und austragen können. Der Ausdrucksvolle muss Kontrolle und bewusste Steuerung eigener Emotionen lernen. Der Analytiker soll mehr Toleranz in Konfliktsituationen und Umgang mit Fehlern lernen.
Je stärker ein Buch unser Selbstbild und unser Verhalten bestätigt, desto eher erhält es unsere Sympathie. Es wundert mich daher nicht, dass diese Grundbausteine der Psychologie bei denen auf Begeisterung stossen, die im gleichen Glaubenssystem wie die beiden Autoren zuhause sind. Aber inzwischen deutet allzu vieles darauf hin, dass sich menschliche Verhaltensmuster nicht so einfach ändern lassen, wie uns Managementtrainer weismachen wollen. Statt einer Ente den Flug des Adlers beizubringen, sollten wir lieber dafür sorgen, dass sie ihr Umfeld erhält, in dem ihre Eigenschaften gefragt sind und zum Tragen kommen. Irgendwie fand ich es bezeichnend, unter dem Kapitel Formulare und Hilfsmittel lediglich vier Kopiervorlagen zu finden, die in der Praxis herzlich wenig nützen.
Mein Fazit: Führen à la Kienbaum ist eine Möglichkeit. Wer sie kennen lernen will, kaufe dieses Buch. Nur darf er nicht damit rechnen, er wisse nach der Lektüre auch, was der Stand der gegenwärtigen Diskussion psychologischer Fachkreise ist. Das wäre nicht weiter schlimm, wenn die Befolgung des Kienbaum-Modells zum erwünschten Erfolg führt. Aber das bezweifle ich aufgrund meiner Glaubensmodelle sehr.