Psychologie des Seins (Abraham A. Maslow, 1973 München)
19.05.2005
Der Titel „Psychologie des Seins" ist verwirrend, da Psychologie und Sein nicht so recht zusammen zu passen scheinen. Sein ist ein Kardinalausdruck aus der Philosophie. Maslow, der vielleicht berühmteste Vertreter der humanistischen Psychologie, verwendet diesen Begriff um seine Psychologie in die nähe des Existenzialismus zu rücken. Das ist besonders schockierend, da der Mensch vor allem in Sartres Existenzialismus den Machtspielen in der „sozialen Marix" bedingungslos ausgeliefert ist, wohingegen die dritte Kraft in der Psychologie, die humanistische Psychologie, nur auf die positiven menschlichen Eigenschaften verweist. Gemeinsam ist Sartre und Maslow, daß Sie dem Menschen ständige Entscheidungsfähigkeit zubilligen. Bei Sartre ist das aber eher ein Fluch des Seins.
Maslow definiert die Neurose als Defizit-Krankheit, welche durch Deprivation an Befriedigungen entstanden ist. Das erinnert an neueste Strömungen in der Psychotherapie und vor allem an die Primärtherapie. Die humanistische Psychologie hat somit das Bedürfnis als Seins-konstituierend in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt.
Die Bedürfnisse werden bei Maslow in Sicherheits- und Wachstumsbedürfnisse unterteilt. Der Mensch strebt nach Sicherheit und wenn er diese erreicht hat, strebt er höherwertige Bedürfnisse an. Dieses positive Menschenbild wird wohl nicht von jedem Wissenschaftler akzeptiert. Sicherheit und Wachstum sind wohl unzweifelbar Kardinalprinzipien in unserem Leben. Aber warum müssen wir erst die Sicherheitsbedürfnisse befriedigen? Ein Äquivalent für Sicherheit könnte Bindung sein. Für Wachstum könnte man Individuation setzen. So hätte man den Menschen in das Konfliktfeld Bindung - Individuation gesetzt. Auffällig ist aber das Bindung zur Last werden kann. Bindung kann einengen und fesseln. Sie kann uns die Individuation versperren. Bei Maslow ist der Weg zum Wachstum erst über gesicherte Sicherheit möglich. Sicherheit ist bei Ihm nie einengend. Außerdem ist sein Model ein Stufenmodel. Der Mensch muß sich nicht ständig zwischen Bindung und Individuation entscheiden. Er Oszilliert nicht zwischen diesen Polen. Der Mensch kann zwar auch wieder einige Schritte abwärts schreiten, aber er verliert nicht auf einmal den festen Boden unter den Füßen. Der Mensch strebt nach einem letzten Ziel und kommt diesem wohl von Tag zu Tag etwas näher. Bei Sartre war das aber ganz anders. Durch das Ständige wählen zwischen Bindung und Individuation erkennt er die Absurdität des Seins. Sein ist mit Ekel behaftet. Existieren bedeutet diesen Balanceakt zu meistern. Der Mensch lebt also nur für den Augenblick und nicht für ein Fernziel.
Interessant ist noch Maslows Stellung zur Liebe. Für Ihn ist sie nur ein Defizit-Bedürfnis. Das bedeutet es gibt noch eine Steigerung. In der aktuellen Psychotherapie steht Liebe für ein erfülltes Leben. Liebe erfährt man durch Bindung die aber nicht fesseln darf und uns so keinen Stein auf dem Weg zur Selbstverwirklichung in den Weg legen darf. Selbstverwirklichung ist so ein Produkt aus Liebe, wohingegen Sie bei Maslow nichts mehr mit Liebe zu tun hat sondern eine göttliche Errungenschaft ist, vor der der Mensch oft zurückschreckt.
Bernhard Peter
Deutsche Gesellschaft für Psychohistorie