Gustave Le Bon (1841 Nogent-le Rotrou - 1931 Marnes-la-Coquette) war ein französischer Arzt, Soziologe und Schriftsteller. Nachdem er sich ab 1870 als Militärarzt betätigte, unternahm er ab 1881 etliche Reisen, unter anderem nach Nordafrika und Indien, um diese Völker zu studieren. Immer mehr angezogen vom Problem der Massen, beschäftigte er sich bis zu seinem Tode mit der Psychologie von Menschenmassen, deshalb gilt er auch als Begründer der Massenpsychologie. Seine Schriften über die Massenproblematik übten großen Einfluss auf Sigmund Freud, Max Weber und insbesondere auf den Nationalsozialismus aus. Adolf Hitler studierte regelrecht dieses Buch und stützte sich beim Entwurf seiner Propaganda auf einige der darin enthaltenen Thesen.
Die Massenthematik wird unter anderem auch in folgenden mir bekannten Büchern untersucht:
Die Massenpsychologie des Faschismus von Wilhelm Reich (1946) und
Der Aufstand der Massen von José Ortega y Gasset (1930).
Psychologie der Massen erschien 1895, das heißt in einem Zeitraum, als es noch keine so großen Massenveranstaltungen wie heute gab. Gustave Le Bon erkannte bereits, dass das das ihm nachfolgende Zeitalter ein "Zeitalter der Massen" sein würde. Treffend beschrieb er in diesem Buch, wie sich Menschenansammlungen verhalten. Ein Mensch in der Masse wird zu einem anderen Menschen. Verstand und Persönlichkeit lösen sich auf, Gefühle bekommen die Oberhand über rationale, logische Überlegungen:
"Sorgfältige Beobachtungen scheinen nun zu beweisen, dass ein Einzelner, der lange Zeit im Schoße einer wirkenden Masse eingebettet war, sich alsbald - durch Ausströmungen, die von ihr ausgehen, oder sonst eine noch unbekannte Ursache - in einem besonderen Zustand befindet, der sich sehr der Verzauberung nähert, die den Hypnotisierten unter dem Einfluss des Hypnotiseurs überkommt. Da das Verstandesleben des Hypnotisierten lahm gelegt ist, wird er der Sklave seiner unbewussten Kräfte, die der Hypnotiseur nach seinem Belieben lenkt. Die bewusste Persönlichkeit ist völlig ausgelöscht, Wille und Unterscheidungsvermögen fehlen, alle Gefühle und Gedanken sind in die Sinne verlegt, die durch den Hypnotiseur beeinflusst werden. Ungefähr in diesem Zustand befindet sich der einzelne als Glied einer Masse."
Le Bon geht jedoch von kleinen Menschenansammlungen aus bzw. er unterscheidet zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft von zwei oder mehreren Menschen. Insofern bildet er lediglich eine Grundlage zum Phänomen der Masse, die heute jedoch gedanklich überschritten werden muss. Wenn Le Bon meint, dass die Masse hypnotisiert werden kann bzw. mit einfachen Parolen in eine bestimmte Richtung gelenkt werden kann, dann zeigt dies, dass die Quantität insofern eine Rolle spielt, als dass man eine Ansammlung von Tausenden von Menschen nicht mehr so leicht in den Griff bekommt. Massenveranstaltungen bergen nicht zu unterschätzende Gefahren in sich. Man denke nur an Duisburg oder an manche Fußballstadien, wo Gewalt regelrecht herausgefordert wird. Heute gibt es Niemanden mehr, der eine Menschenmasse lenkt oder unterdrückt, wie es im Nationalsozialismus zum Beispiel in negativer Form geschah.
Le Bons Überlegungen sind insofern wichtig, als dass er dem Leser vor Augen führt, wie und warum es dazu kommt, dass sich Menschen in der Masse hauptsächlich unvernünftig und aggressiv verhalten. Die Verantwortung dafür tragen sowohl die Schule als auch die Erziehung:
"Die Schule bildet heute Unzufriedene und Anarchisten und bereitet für die lateinischen Völker die Zeiten des Niedergangs vor."
Was Le Bon seitenweise kritisiert, ist die Unfähigkeit der Eltern, Erwachsenen und Lehrern, die Kinder zu selbstbewussten, wertvollen, selbst denkenden Wesen zu erziehen. Aus diesem Grunde werden Kinder zu unzufriedenen, im besten Fall zu gleichgültigen Erwachsenen, die jeden Anlass zur Empörung und Gewalt ergreifen werden. Insofern spürt man in den Gedanken Le Bons eine Nähe zu John Stuart Mills Buch
Über die Freiheit. Die Herrschaft der Masse unterdrückt den Einzelnen, wenn der Einzelne jedoch nicht einmal stark genug ist, sich als Einzelner zu behaupten, dann hat er in der Masse erst recht keine Chance.
Le Bon beschreibt auch die Auswirkungen politischer Entscheidungen, die deshalb fragwürdig bleiben, weil sie von mehreren Menschen getroffen werden. Stark, autark und vernünftig kann nur ein einzelner Mensch sein. Deshalb konnte auch Hitler von diesem Buch profitieren. Le Bon zeigt nämlich, dass jede Masse sich freiwillig einem führenden Kopf unterwirft. Dieser führende Kopf wird dadurch erfolgreich, als dass er Behauptungen aufstellt, sie auf die anderen überträgt und durch Wiederholung derselben in den anderen festigt. Je abstrakter und vage eine Behauptung ist, je unbestimmbar und allgemein die darin enthaltenen Wörter sind, desto mehr wird die Masse davon beeinflusst:
"Die Macht der Worte ist mit den Bildern verbunden, die sie hervorrufen, und völlig unabhängig von ihrer wahren Bedeutung. Worte, deren Sinn schwer zu erklären ist, sind oft am wirkungsvollsten. So z.B. die Ausdrücke Demokratie, Sozialismus, Gleichheit, Freiheit u.a., deren Sinn so unbestimmt ist, dass dicke Bände nicht ausreichen, ihn festzustellen. Und doch knüpft sich eine wahrhaft magische Macht an ihre kurzen Silben, als ob sie die Lösung aller Fragen enthielten. In ihnen ist die Zusammenfassung der verschiedenen unbewussten Erwartungen und der Hoffnung auf ihre Verwirklichung lebendig."
Le Bon zeigt in diesem Buch schön auf, aus welchen Individuen sich eine Masse bildet und gibt Regierenden Vorschläge zur Führung und Lenkung derselben, ohne jedoch einige Missstände auf beiden Seiten unberücksichtigt zu lassen. Etwas veraltet ist seine Sicht der Dinge eben deshalb, weil wir heute mit weit größeren und andersartigen Massenphänomenen konfrontiert sind als Ende des neunzehnten Jahrhunderts. Einerseits gibt es eine größere Anzahl an unterschiedlichen Gruppierungen, andererseits wird die Masse, aufgrund unseres technischen Informationsalters, unsichtbar, nicht mehr greifbar und konkret, wie Le Bon sie noch erlebte.
Interessant ist die Entwicklung, die die Massenpsychologie in den Gedanken der Intellektuellen und Philosophen durchgemacht hat. Zunächst wird die Masse als etwas Konkretes, Lenkbares aufgefasst, im Laufe der Zeit entschwindet das Konkrete zugunsten einer nicht mehr definierbaren Verschwommenheit, die ins Nichts zu münden scheint. Gustave le Bon war noch der Meinung, dass die Masse genau beschreibbar und lenkbar sei, bereits Ortega y Gasset, der die Masse 35 Jahre später untersuchte, erklärte die Masse zu einer subjektiven, rein aus Gefühlen bestehenden Ansammlung von Menschen bis schließlich Jean Baudrillard (1929-2007), ein postmoderner Philosoph, in der Masse eine "schwammige, undurchsichtige, aber zugleich durchlässige Realität, ein Nichts" sieht.
Heute können Massen aufgrund beliebiger Äußerungen und Entscheidungen gelenkt und geführt werden. Launen bestimmen immer mehr den Fortgang des sozialen Lebens. Die Masse an sich gibt es nicht mehr, außer bei unwichtigen Ereignissen wie Fußballspielen und Konzerten. Die Masse als zu lenkende und führende Menschenansammlung ist aufgrund ihrer enormen Größe in tausende Richtungen zersplittert und deshalb nicht mehr greifbar.