Dass ein Wissenschaftler vom Range Norbert Bischofs ein Einführungsbuch in die Psychologie für Studienanfänger schreibt, ist ein bemerkenswertes Ereignis. Dass ein Werk von 600 Seiten dabei herauskommt, das in seiner thematischen Spannweite von den erkenntnistheoretischen und naturphilosophischen Grundlagen der Psychologie über die Auseinandersetzung mit den die Psychologie des 20. Jahrhunderts prägenden Strömungen des Behaviorismus und des Kognitivismus bis hin zu einer breit angelegten modernen psychologischen Anthropologie reicht, ist noch bemerkenswerter. Es zeigt, was dem Autor wichtig ist. Norbert Bischof ist kein junger Mann mehr, er feierte in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag. Er wird sich genau überlegt haben, wofür er seine Zeit und seine Kraft einsetzt. Und so belegt dieses Buch: Norbert Bischofs Herz schlägt für die Psychologie.
Auf wenigen Seiten zusammenfassen lässt sich ein so inhaltsvolles und gedankenreiches Buch nicht. Nur einige Schwerpunkte und Highlights können benannt werden: die unverzichtbare Unterscheidung von phänomenaler und funktionaler Ebene; der Zusammenhang von Adaptation und Semantisierbarkeit finaler Systeme; das Prinzip der semantischen Komplementarität von Kognition und Intention; der Begriff einer natürlichen Umwelt, der selektive, alimentative und stimulative Einflüsse unterscheidet; die Differenzierung von innerem und äußerem Sinn; die Argumentation, dass die Psychologie als Strukturwissenschaft (im Gegensatz zur Materialwissenschaft) sich nicht an der Physik, sondern an der Biologie zu orientieren hat; das demiurgische Prinzip; die Unterscheidung von Primärzeit und Sekundärzeit und die Antizipation künftiger Motivlagen ... Und Bischof zeigt: wer das Plausible mit dem Wahren verwechselt, hat mit Wissenschaft noch gar nicht angefangen.
Eine besondere Erwähnung verdient Bischofs Stil der Darstellung. Bischof schreibt klar, verständlich und pointiert. Er nimmt kein Blatt vor den Mund und scheut keine Auseinandersetzung, sondern äußert seine Kritik unmissverständlich. Eine besondere Bedeutung kommt den vielen Zeichnungen und Graphiken zu, die wichtige Gedanken in die Sprache der Bilder übersetzen. Man merkt, dieser Autor denkt auch in abstrakten Zusammenhängen bildhaft und mit dem steten Bezug zum konkreten Beispiel.
Explizit wendet sich Bischof mit seinem Grundkurs an junge Menschen, die darüber nachdenken, sich dem Studium der Psychologie zuzuwenden, oder dies gerade getan haben. Neben ihnen hat das Buch jedoch noch einen geheimen Adressaten: dies sind Bischofs Fachkollegen, die Professoren und Dozenten, die an deutschen Universitäten das Fach Psychologie unterrichten. Ihnen möchte Bischof zeigen, was gute und fruchtbare Psychologie ist. Er fordert sie auf, sich nicht mit bequemer Pseudowissenschaft zufrieden zu geben, sondern zu den Sachen selbst" zurückzukehren.
Bischofs Grundkurs Psychologie ist kein Lehrbuch im üblichen Sinne. Es bietet keinen Stoffkanon, mit dem man eine Prüfung besteht. Es liefert auch keinen Überblick über das Gesamtgebiet der Psychologie. Vielmehr ist es ein Lehrbuch in einem ungebräuchlichen Sinne des Wortes: Der aufmerksame und gründliche Leser des Buches geht tatsächlich in gewissem Sinne bei Norbert Bischof in die Lehre. Was er vermittelt bekommt, ist ein Denkstil. Es ist der Stil psychologischen Denkens, den Bischof bei seinen Lehrern Erich von Holst, Konrad Lorenz und Wolfgang Metzger gelernt und in einem langen, fruchtbaren wissenschaftlichen Leben konsequent angewandt hat:
- semantisch orientiert (im Gegensatz zum Behaviorismus), jedoch stets der Einsicht verpflichtet, dass jede Semantik realisiert sein muss;
- dem Detail seine hohe, ja entscheidende, Bedeutung einräumend, ohne das Ganze aus dem Blick zu verlieren;
- in der Theoriebildung daran orientiert, dass sich jede gute Theorie auch als falsch herausstellen können muss (im Gegensatz zur Psychoanalyse);
- den fundamentalen Stellenwert des Evolutionsgedankens und des Gewordenseins aller biologischen Systeme für die Psychologie anerkennend;
- darum ringend, die Methoden dem Gegenstand anzupassen und nicht umgekehrt;
- die höchst mögliche Präzision anstrebend - im Bewusstsein, wie weit man meistens von dieser noch entfernt ist -, ohne den Gegenstand voreilig zu reduzieren.
Insofern ist Bischofs Grundkurs" ein höchst subjektives Buch. Es führt vor, was aus der Perspektive seines Autors die Psychologie als Wissenschaft sein soll und sein kann. Damit bietet dieses Lehrbuch ein Gegengewicht gegen die starken Strömungen der Vereinheitlichung und Nivellierung, die der Bologna-Prozess an den Universitäten ausgelöst hat. Und das ist genau das, was wir brauchen!