Vorab zur redaktionellen Gestaltung: Sie ist etwas nachlässig. Orthographisch scheint beim Verlag de Gruyter inzwischen alles erlaubt zu sein ' mit Ausnahme der herkömmlichen Rechtschreibung. Gleich der erste Beitrag verwandelt, obwohl er keineswegs aus der Schweiz stammt, jedes ß in ss. Sonst herrscht die Reformschreibung, aber ebenso fehlerhaft wie in anderen neuen Büchern des Verlags.
Oft fehlen einzelne Buchstaben, manchmal stehen auch welche zuviel (gegegebene). Der Autor Pylyshin heißt in Wirklichkeit Pylyshyn, so daß auch im Register nur ein einziger Eintrag notwendig ist. Auch S. Harnad und S. H. Harnad sind dieselbe Person. Weitere Namen sind in diesem Sinne zu überprüfen. Gardenne heißt in Wirklichkeit Gadenne, so daß auch hier ein Eintrag zu streichen (und im Beitrag 16 nebst Bibliographie zu korrigieren) wäre. (Das Namenregister führt auch sämtliche Namen an, die lediglich in den Einzelbibliographien vorkommen, z. B. als Herausgeber; das ist irreführend und frustriert den nachschlagenden Leser.) Zipf hieß George und nicht John.
Es gibt auch kleinere inhaltliche Fehler, die ich im folgenden nicht mehr berücksichtigen werde. Wie schon in früheren Arbeiten führt Herrmann als Mustersatz mit Agens und Patiens ausgerechnet "Otto liebt Anna" an, wo nun gerade kein Agens-Patiens-Verhältnis vorliegt (falls man "lieben" nicht in krudester Weise interpretieren will).
Das Werk ist radikal mentalistisch orientiert und daher sehr einseitig. Seinen bahnbrechenden Aufsatz von 1982 erwähnt Herrmann an keiner Stelle, und doch sind die tiefgehenden Bedenken, die er damals gegen "stilunreine" Modelle vorgetragen hat, bis heute nicht aus dem Weg geräumt. Die meistzitierten Autoren sind die drei Herausgeber sowie ihre Schüler und Levelt. Ohne die Verdienste der Genannten schmälern zu wollen: in einem "internationalen Handbuch" der sprachpsychologischen Forschung scheint das nicht ganz angemessen.
Skinner kommt weder im Text noch im Namenregister vor. Clemens Knobloch schreibt: "In welchem Maße der von Chomsky niedergemähte 'Behaviorismus' ein Pappkamerad war, zeigt ICKLER 1994" (S. 20). Mein im Literaturverzeichnis nicht ganz korrekt zitierter Aufsatz hieß aber "Skinner und 'Skinner' " ein Theorienvergleich". Sogar hier also wird der Name des großen Teufels im laufenden Text nicht erwähnt. An keiner Stelle des dicken Buches kommen Lerntheorie, Konditionierung, Verstärkung (oder deren Synonyme) vor, diese Art von Lernen scheint es überhaupt nicht zu geben. Auch Bereitschaftspotentiale und Namen wie Kornhuber oder Libet (und deren neuere Mitstreiter) sucht man vergebens, obwohl es doch naheliegt, daß Sprachverhalten im Organismus ebenso wie anderes Verhalten vorbereitet wird. Empirisches wird nur zur Stützung der mentalistischen Modelle herangezogen.
Die Vernachlässigung der Verhaltenstheorie kommt auch in der Unterbelichtung des Spracherwerbs zum Ausdruck. Spracherwerb ist v. a. durch Klix vertreten, der nicht gerade als Spracherwerbsforscher bekannt geworden ist. Für die Mannheimer Schule war Klix allerdings ein kongenialer Partner, wie sich schon an seinen früheren Büchern (zum Beispiel 1992: Die Natur des Verstandes) zeigte: dieselbe Vermischung von akteurs- und systembezogener Diktion, dieselbe Pseudokybernetik in starker, wenn auch polemisch verleugneter Abhängigkeit von Miller/Galanter/Pribram. (Auch auf einer später veröffentlichten Wunschliste Theo Herrmanns [Mannheimer Beiträge Sonderheft 1998] steht eine nähere Verbindung der Kognitionspsychologie zu Klix! Herrmann widmete 2006 ein ganzes Buch dem verstorbenen Freund.)
Die Vermischung von System- und Akteursmodellen ist geradezu programmatisch durchgehalten. Man könnte das ganze Mannheimer Modell als ein System aus Akteuren bezeichnen. Wie man sieht, ist das nur ein Synonym für Gesellschaft, und so stellt sich das Modell schon auf den ersten Blick eigentlich als multiples Homunkulusmodell dar. Dies läßt sich aber noch genauer charakterisieren.
Hier nur wenige Beispiele für die typische akteursbezogene Diktion:
"Der Sprecher wählt einen bestimmten Teil der kognitiven Äußerungsbasis für die Formulierung und Artikulation aus." (230)
"Der Sprecher aktiviert seine Wissensstruktur" usw. (!)
Wenn das nur eine bequeme Abkürzung sein sollte - wie wäre es denn in unanfechtbarer System-Redeweise zu fassen?
Am Schluß seines zweiten Beitrags äußert sich Herrmann selbst über den Konstrukt-Charakter von "Propositionen" (241), aber sehr zaghaft und ohne Konsequenzen. Vor allem scheint der eigentliche Ort für Propositionen nicht richtig gesehen zu werden, denn Propositionen sind keine natürlichen Gegenstände oder Ereignisse, sondern gehören in die Sprache. Im Gehirn kann es nur dann Propositionen geben, wenn man sich zur Annahme einer Gedankensprache bekennt. Dieses Bekenntnis wird, soweit ich sehe, nirgends ausgesprochen. Sollte es sich jedoch nur um eine nützliche Fiktion handeln, dann muß klar sein, daß hier Verhalten durch Handeln erklärt wird statt umgekehrt (wie es doch wohl sein sollte). Man macht sich die unbekannten Prozesse im Innern des Organismus scheinbar vertraut, indem man sie in alltagsnaher handlungsbegrifflicher Diktion modelliert. Einen Fortschritt kann ich darin nicht sehen.
Wenn man die erste Stufe der Aktualgenese sprachlich oder sprachnah konzipiert, ist sprachliches Verhalten sogar leichter zu erklären als nichtsprachliches. Das sollte aber doch schwersten Verdacht erregen, denn das Sprachverhalten ist komplizierter als das nichtsprachliche. Die Neurophysiologie kann noch nicht einmal vollständig erklären, wie es zugeht, wenn ein Ball in die Luft geworfen und wieder aufgefangen wird. Wie erklärt das Mannheimer Modell diesen Vorgang? Und wenn dabei von Propositionen kein Gebrauch gemacht werden muß - warum dann bei Sprachverhalten? Aber ich fürchte, das Mannheimer Modell kommt auch bei der Analyse des Ballwerfens nicht über ein rein formales Reden mit kybernetischen Schnörkeln wie Soll-Wert und Ist-Zustand hinaus.
Was Herrmann liefert, ist in Wirklichkeit eine begriffliche, logische Rekonstruktion des Sprachverhaltens. Dazu braucht man nicht einmal ein Psychologiestudium; Pragmalinguisten und Philosophen (wie Grice und viele andere, die daher auch im vorliegenden Werk zitiert werden, obwohl sie mit Psychologie nichts zu tun haben) können das genauso gut.
Die informationstheoretischen und kybernetischen Begriffe sind auch nur usurpiert. Weder "Information" noch "Sollwert" usw. werden in ihrem eigentlichen wissenschaftlichen Sinn gebraucht. Wenn jemand etwas "soll", z. B. wiedergrüßen, so hat das beinahe gar nichts mit dem kybernetischen Begriff des Sollwertes zu tun.
Die Rekonstruktion der Aktualgenese ist aber nicht einmal zwingend oder auch nur plausibel. Schon die Annahme, daß die Bedeutung einer Äußerung am Anfang des Prozesses steht, ist begrifflich inkonsistent. Bedeutung (auch wenn sie als "Protoinput", "kognitive Struktur" o. ä. umschrieben und verunklart wird) ist ein relationaler Begriff; sie ist immer Bedeutung von etwas, von Zeichen, von Sprache ... Damit ist also gar nichts erklärt, denn die notwendigerweise anzunehmende Gedankensprache muß ja ihrerseits erklärt werden. Wie entsteht die Botschaft, die es zu enkodieren gilt?
(Nach Herrmann gehen alle gegenwärtigen Sprachproduktionsmodelle von der "Bereitstellung des kognitiv-nichtsprachlichen Inputs" aus; S. 217.)
Die Verfasser erwägen nie, daß die Bedeutung nicht am Anfang, sondern am Ende des Prozesses stehen könnte: als vollendete Angepaßtheit der Reaktion an ihre Umgebung. Aber dem scheint nach wie vor die alltägliche Erfahrung im Weg zu stehen: "Ich weiß, was ich sagen will." Herrmann (218) erkennt zwar, daß "man" nicht immer schon zu Beginn weiß, was man sagen will. Aber selbst dies ist schief, denn auch "Ich weiß nicht genau, was ich sagen will" ist schon ein gesellschaftlich approbiertes Sprachverhalten und grundsätzlich von derselben Art einer unbrauchbaren Auskunft über die wirklichen Vorgänge.
Die Bereitschaft zu sagen "Der Junge liebt das Mädchen" wird offenbar als Existenz einer Proposition im Geist des Sprechers gedeutet. Diese Proposition ist ein gleich gebauter Satz, nur eben mit den ominösen "Konzepten" anstelle der Wörter und Proposition statt Satz - es ist aber im wesentlichen dasselbe.
Ich meine dagegen, daß die Bereitschaft zu einem solchen Sprachverhalten in völlig anderen Begriffen zu formulieren ist, keinerlei Ähnlichkeit mit Sprache hat und daher nicht in die endgültige Äußerung "übersetzt" werden kann. Wenn wir - was zur Zeit unmöglich erscheint - keine neurophysiologische Beschreibung geben können, müssen wir uns mit einer Erklärung des Verhaltens durch Herleitung aus der Konditionierungsgeschichte (auf der Grundlage ererbter Verhaltensanteile) begnügen.
Die Analyse von "Auffordern" zeigt übrigens, daß seit einem Vierteljahrhundert keinerlei Fortschritt mehr erzielt worden ist; es bleibt bei der alltagsnahen begrifflichen Analyse, ohne eindringende Verifikation an wirklichen Vorgängen. Was hat das Ganze mit Psychologie zu tun, wenn es die Philosophen, Rhetoriker und Juristen genauso gut können? (Die juristische Rhetorik hat die frühesten und bis heute kaum überholten Handlungsanalysen erarbeitet.
Lesen Sie weiter... ›