Psychodynamik und Manuale scheinen kaum zusammen in einen Buchtitel zu passen und man könnte fast schon von einem Tabubruch" sprechen. Die Skepsis" psychodynamisch Arbeitender gegenüber Manualen bezieht sich dabei meist auf die fehlende Individualisierung, möglicherweise unter unzureichender Beachtung, dass Struktur und Individualität dialektische Zustände beschreiben. So beinhalten strukturierte Vorgehensweisen durchaus Freiheitsgrade und auch Therapie-Freiheit braucht nicht gerade wenig an Strukturen.
S. O. Hoffmann, den meisten bekannt als Autor des legendären Hoffmann/Hochapfel" und exponierter Querdenker in der Gilde der Psychoanalytiker, ziert sich für den hier vorgestellten Ansatz nicht, Studienergebnisse aus der organischen Medizin anzuführen. So weist er darauf hin, dass große Durchbrüche in der Behandlung schwerer somatischer Erkrankungen durch rigide Schematherapien erzielt wurden. Erst als alle Behandler durch Leitlinien zum Stand der Kunst verpflichtet wurden, stiegen auch die Chancen der Patienten auf sachgerechte Behandlung." Für die Verhaltenstherapie zitiert er Schulte 1992, der belegen konnte eine Schemabehandlung von phobischen Angststörungen hinsichtlich der Ergebnisse erfolgreicher ist als eine stärker individualisierte Therapie - zumindest was die Rückbildung der Ängste angeht. Dies könnte- so Hoffmann - für Phobiker durchaus im Vordergrund des Interesses stehen" und kann etwa auch für Tinnitus Patienten gelten, die zwar seltenen an einem Teufelskreislauf" im Kopf leiden, aber bei der Bearbeitung ihrer mitgebrachten Lebenskonstellationen dankbar für eine Symptomminderung sind.
So steigt S. O. Hoffmann, der sich nach seiner Erimitierung aus dem Psychotherapeutenleben zurückziehen und sich seinem Hobby, der Archäologie widmen wollte, noch mal in den Ring, die scheinbare Quadratur des Kreises, zumindest für Angststörungen, zu wagen.
Dabei darf er sich auf Freud berufen, der sich schon 1919 dafür ausgesprochen hatte, Patienten mit Phobien, insbesondere Agoraphobien, einer neuen Aktivität" auszusetzen, um die Bearbeitung der Angst überhaupt zu ermöglichen. In der Psychoanalyse wurde diese direkte Aufforderung zu einer aktiven, konfrontativen Angstexposition allerdings weitgehend übergangen, zu(un)gunsten der Vorstellung, dass innerhalb einer langen Behandlung die Symptome sich langsam zurückbildeten, nie aber wirklich schwänden.
Wenn man Freud kritisch lese und seine Zeitgebundenheit und seine Irrtümer auch als solche bewerte, so überraschten - so Hoffmann - seine immer noch anhaltende Weitsicht und Modernität vor allem in den Therapieanweisungen.
Die psychodynamische Therapie stellt nun eine eigenständige Modifikation" der psychoanalytischen Therapie hinsichtlich der Konzepte des dynamischen Unbewussten, der Abwehr, der Übertragung und der Gegenübertragung dar. Fokussiert werden soll dabei die Beziehung im Hier und Jetzt in der Gegenwart (nicht in der Vergangenheit), sie ist stärker symptomorientiert und enthält auch übende sowie supportive Elemente.
Speziell hinsichtlich der Angst, ermöglicht diese Vorgehensweise eine therapeutische Situation, in der viele Patienten angsterregende Inhalte und die Wahrnehmung negativer Affekte und Impulse leichter zulassen und bearbeiten können. Struktur bringt eben Sicherheit - auch für den Therapeuten: wer weiß, was er tut, tut es bewusster.
Dann beschreibt Hoffmann - erstmalig für Psychodynamischen Kurztherapie - die symptomspezifische Anwendung bei der Behandlung von Angsterkrankungen. Hoffmann führt er in die gegenwärtig verfügbaren Manuale zur Kurztherapie verschiedener Angststörungen ein, ehe er seine eigenen konkreten, klar strukturierte Richtlinien für die psychotherapeutische Behandlung in Klinik und Praxis ableitet für
* soziale Ängste
* generalisierte Ängste
* Panikstörungen und Agoraphobie
Wenn Behandler dem Stand der Kunst entsprechen, steigen die Chancen der Patienten auf sachgerechte Behandlung, mag man mit Hoffmann erwarten.
Gelesen werden kann das Büchlein gleichermaßen als Einführung für Neue" wie als upgrade" für Erfahrene und manchmal festgefahrene, dazu ist das Buch mit seiner persönlichen Alters- und Weisheitsnote" auch noch angenehm zu lesen, was man von vielen Manualen nicht behaupten darf.