Während Reddemann`s Buch "Imagination als heilsame Kraft" an Laien richtet, ist das vorliegende Manual an Fachleute gerichtet (Wie die Autorin zu Anfang selbst schreibt). Es ist für Laien allerdings dennoch gut lesbar und ohne größere Gefahren umsetzbar (Zumindest auf die eigene Person).
Menschen, die die zugehörige und gleichnamige CD mit Imaginationsübungen besitzen, kann ich unbedingt zu dem Buch raten. Denn es enthält einige wesentliche Hinweise, die für die Anwendung der Imaginationsübungen wesentich und leicht zu übersehen sind. Mir passierte es während des vorigen Hörens der zugehörigen Übungen z. B. häufig, dass ich mich mit früheren Ich-Zuständen identifizierte. Dies soll nicht geschehen. Es kann mit früheren Zuständen agiert werden und die eigene frühere Person in andere (imaginierte) Umwelten wie den sicheren Ort oder eine "ideale Kindheit" überführt werden. Dabei behält man jedoch stets die Perspektive der erwachsenen und heute sicheren Person bei (Dies beugt auch Flashbacks und einem Rückfall in frühere Muster vor). Der Ansatz von Reddemann darf dabei nicht als Verdrängung oder Negierung der Kindheit verstanden werden, die tatsächlich stattgefunden hat (Insbesondere müssen schlimme Erfahrungen in ihrer Schwere ernstgenommen werden und dürfen keinesfalls irgendwie negiert werden). Im Ansatz geht es um eine alternative Kindheit und mögliche Geschehnisse, wie sie hätten sein können.
Von manchen Kritikern Reddemanns wird erklärt, es sei unsinnig, sich etwas (z. B. in Form einer imaginierten lieben Helferin) "vorzumachen" (Der Ansatz von Reddemann wird heute aber weitestgehend angenommen, positiv bewertet und in Teilen in andere Therapien übernommen). Zur Kritik des scheinbaren Flüchtens in eine "Scheinwelt" muss ich deutlich eines einwerfen: Mit was man sich gegenwärtig befasst, bewirkt auch in starkem Umfang, welche Teile der eigenen Vergangenheit man gerade wahrnimmt. Stelle ich mir etwa eine "ideale Bekannte" vor, die mich liebevoll in den Arm nimmt, so verbinde ich damit auch andere positive Erfahrungen in meinem Leben (z. B. freundliche Umarmungen meiner Kommilitoninnen oder schöne Erfahrungen ganz anderer Art.). In einem Vortrag verglich Gunther Schmidt die eigenen Erfahrungen und die Fokussierungen darin mit einem dunklen Raum, in dem man mit einem gezielten Lichtstrahl verschiedene Dinge wahrnehmen kann. Letztlich beeinflusst das dadurch hervorgerufene Empfinden auch nochmals, wie weit man sich in der Gegenwart orientieren und dort handlungsfähig ist.
In Abständen gibt es immer wieder kleine Abschnitte mit Fragen und Antworten darauf. Die Fragen setzen sich zusammen aus solchen, die häufig gestellt werden und anderen, die naheliegend wären. Die Antworten fallen stets prägnant, aber sehr treffend und befriedigend aus.
Durchgängig verweist Luise Reddemann immer wieder darauf, wie man die Dinge in andere Therapieansätzen sieht (z. B. der Ego-State-Therapie). Dabei erklärt sie hier und da dann auch, weshalb sie bestimmte Ansätze nicht übernehmen oder selbst umsetzen kann. Die Teile im Buch gefielen mir recht gut. Denn sie geben einige Anstösse, welche anderen Ansätze ebenfalls interessant wären und welche Sichtweisen alternative Kollegen haben und praktisch umsetzen.