Man stelle sich vor: Brian Wilson wird in Brooklyn von Lou Reed und Moe Tucker entführt, man speist im Chelsea Hotel jede Menge Cornflakes mit Heroin statt Milch, heuchelt gegenseitige Wertschätzung, schließt sich sechzig Sekunden vor Mitternacht in eine übel duftenden Garage ein, stellt die von den Sex Pistols geklauten Verstärker und Verzerrer auf MAX und dann donnert das ungleiche Trio kurzerhand Teenage-Angst-Hymnen in die verschneite Adventsnacht. An den Reglern hockt das Skelett von Phil Spector und knabbert an kubanischen Filterzigaretten.
Okay, der Prolog strotzt vor Hyperbeln, aber wir sprechen hier auch nicht von irgendeinem Album, sondern von PSYCHOCANDY, der womöglich wichtigsten Platte Vinyl der frühen 80er Jahre. Nachdem die New-Wave-Frisurenzombies alle Keyboardläden in und um London aufgekauft hatten, stellten die Brüder Jim und William Reid das Heiligtum des Rock'n'Roll ins Zentrum des chaotischen, vor depressiver Vitalität überberstenden Geschehens: Die Gitarre.
Zu dem apokalyptischen Lärm, der zäh fließt wie Lava in Richtung Honolulu, gesellen sich die monotonen Neandertaler-Rhythmen von Bobbie Gillespie (heute PRIMAL SCREAM) und Douglas Hart. Wir inhalieren lyrische Oden an hässliche Traumfrauen, harte Drogen, schwere Motorräder, schwarze Sonnenbrillen und gekämmte Brusthaare. Der Traum des Loser vom Macho-Sein - wie die frühen Rolling Stones, nur wütender, nur zärtlicher, nur ehrlicher.
Wie die Bauarbeiten einer Gruppe Blinder in einem Nuklearkraftwerk, so klingt das. Immer am Rande des Zusammenbruchs.
Bester Song: Taste of Cindy. Die vielleicht wunderschönsten und bittersten anderthalb Minuten, die man erleben (+ überleben) kann...