Erich Fromm, Sohn orthodoxer jüdischer Eltern aus Frankfurt, leitete lange Zeit die psychoanalytische Forschung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Sein Interesse galt schon früh den Auswirkungen der Psychoanalyse auf die Gesellschaft. Das Werk seines Lehrers Sigmund Freud führt er weiter, ohne jedoch an Kritik zu sparen. Im Gegensatz zu Freud hält er den Menschen "primär für ein gesellschaftliches Wesen", welches nicht nur durch seine biologischen Faktoren, sondern auch durch die Kultur bestimmt wird.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Psychoanalyse und Ethik?
Bereits der Titel des Buches ,Psychologie und Ethik' suggeriert, dass beide Begriffe zusammenhängen. Die Psychoanalyse lehrt, den Menschen als ganzes zu betrachten. Fromm schreibt weiter, dass "das Verständnis für die unbewusste Motivation einen neuen Bereich der ethischen Forschung erschließt". Weit wichtiger ist jedoch die Erkenntnis, dass Glück und Gesundheit vom menschlichen Handeln abhängen. Ein neurotisches Symptom kann ein Zeichen für einen moralischen Konflikt sein.
Wie steht es um das Glück des Menschen?
Fromm forscht nach der antiken Definition des Begriffes: Für Aristipp ist Glück die Lust des Augenblicks. Epikur bezeichnet es als Freisein von Furcht. Platon folgert, "dass gute Menschen wahre Lust empfinden, schlechte Menschen dagegen falsche". Aristoteles sieht in der größten Glückseligkeit eine Bestätigung der menschlichen Vernunft und für Spinoza ist Lust nicht das Ziel des Lebens, sondern der Begleiter des produktiven Menschen. Glück ist etwas Wertvolles für den Menschen: "Etwas Wertvolles aber ist niemals leicht".
Ist Glück an Empfindungen gebunden?
Nein, Glück ist "in Wirklichkeit die Verfassung des gesamten Organismus", folgert Fromm. Er unterscheidet die Begriffe Freude, die einen einzelnen Akt darstellt, von Glück als stetiger Freude, deren Gegenteil die Depression bildet. Genugtuung beschreibt er als Erreichen von etwas Vorgenommenen; Entspannung als angenehme Beschäftigung.
Mit Karl Raimund Popper teilt Erich Fromm die Zuversicht, dass der Mensch stolz und optimistisch sein kann, weil "die Wirklichkeit sogar die Träume und Visionen von Märchen und Utopien" übersteigen. Das Streben des Menschen nach Glück ist nicht nur in der amerikanischen Verfassung verankert, sondern gehört für Fromm zur Natur des Menschen.
Aber warum fühlt sich der Mensch trotz Reichtum und Wohlstand so unwohl?
Der moderne Mensch ist "der Vernunft beraubt" und befindet sich in einem "Zustand moralischer Verwirrung". Geld und Macht sind eben kein Ersatz für ethische Werte. Nach Fromm besitzt jede Kunst (im griechischen Sinne, der techne) Normen, also kann auch die Kunst der Lebens nicht darauf verzichten: "... ohne Werte und Normen vermag der Mensch nicht zu leben".
Alles eine Frage der Ethik.
Fromm unterscheidet zwischen der autoritären Ethik, in der eine nicht hinterfragbare Autorität (Gott, Führer) die Werte bestimmt und der humanistischen Ethik, in der der Mensch sich selbst Normen gibt und das Maß der Dinge ist. Autorität trennt er in die rationale Autorität, die durch Kompetenz führt, und die irrationale, die Macht und Furcht einflößt. Selbstredend lehnt Fromm die autoritäre Ethik ab: "Der Mensch muss die Verantwortung für sich selbst akzeptieren und sich damit abfinden, dass er seinem Leben nur durch die Entfaltung seiner eigenen Kräfte Sinn geben kann". Keine transzendierende Macht kann die Probleme für den Menschen lösen.
Worin unterscheiden sich Temperament und Charakter?
Während das Temperament angeboren und damit unveränderlich ist, wird der Charakter - insbesondere während der Kinderjahre - erworben. Den Charakter bezeichnet Fromm als Ersatz für den Mangel an tierischen Instinkten. Fromm unterscheidet zwischen produktiven und nicht-produktiven Charakteren. Der reife, produktive Charakter entscheidet frei und vernünftig. Er verkörpert die Kräfte des Menschen. Den nicht-produktive Charakter unterteilt er in den rezeptiven, der die Quelle alles guten außerhalb sich sucht, den ausbeuterischen, der sich nimmt, was er braucht, den hortenden, der wenig Vertrauen in die Umwelt bringt und auf der Suche nach Ordnung und Sicherheit ist, sowie den Marketing Charakter, der sein innerliches Vakuum nach den Wünschen der Umwelt füllt: ,Ich bin, was ihr wünscht'. Der nicht-produktive Charakter zeichnet sich durch Zwang, Trieb und Leidenschaft aus. Der Leser des Werks ,Furcht vor der Freiheit' profitiert von der dort beschriebenen Charakterologie.
Was zeichnet einen produktiven Menschen aus?
Der produktive Mensch ist innerlich gespalten. Einerseits strebt sein produktives Denken - sein Geist - nach Unabhängigkeit, anderseits fordert seine produktive Liebe Nähe; er ist fürsorglich und übernimmt Verantwortung gegenüber anderen. Während für Freud ein Mensch nur Selbstliebe oder Nächstenliebe empfinden kann, vertritt Fromm die Auffassung, dass die Liebe zu einem Einzelmenschen untrennbar mit der Liebe zur Menschheit verbunden ist.
Einen Psychopathen, der nur eine Innenwelt betrachtet, bezeichnet Fromm nicht als Gegenteil eines Realisten, der nur die Außenwelt betrachtet. Vielmehr sind beide zwei Seiten einer Medaille und bilden den Gegenpol zum produktiven Menschen. Ebenso stehen Faulheit und Aktionismus als Paar der Produktivität gegenüber.
Selbstliebe ist für ihn eine produktive Form, ein Bekenntnis des Menschen zu sich selbst und zur Menschheit. Selbstsucht dagegen grenzt den Mitmenschen aus und führt zu Selbsthass. Fromm bezeichnet es als Versagen der Kultur. Das Selbstinteresse wurde von Spinoza noch als Tugend gelobt. Heute ist es mit dem negativen Odem der Geldgier und des Machtstrebens verbunden.
Was ist das Gewissen?
"Gewissen ist also die Re-Aktion unseres Selbst auf uns selbst", lautet die Antwort von Fromm. Es gibt ein autoritäres Gewissen, welches eine nach innen verlagerte Autorität darstellt (Freud bezeichnet es als Über-Ich) und ein humanitäres Gewissen, die eigene "Stimme unserer liebenden Fürsorge für uns selbst". Diese innere Stimme ist oft nur schwer zu verstehen und desto schwächer, je unproduktiver wir sind.
"Ziel der humanistischen Ethik ist nicht die Verdrängung des Bösen im Menschen", sondern die Stärkung des produktiven, selbstbewussten, sich selbst liebenden Menschen, denn "wenn der Mensch lebendig ist, dann weiß er, was erlaubt ist".
Ein wunderbares Schlusswort von Fromm.