Neue Zürcher Zeitung
Hermann Broch als psychoanalytischer Dilettant
Von Tomas Fitzel
Bei Hermann Broch hat man stets den Eindruck, dass man nie richtig durchkommen, sich bis zum Ende durchdringen könne, sondern kurz davor steckenbleibe, sei es in seinen Romanen, die wie erratische Blöcke einsam in der Literaturgeschichte stehen, oder sei es bei seinen Romanfiguren, die mit einer undurchdringlichen Schicht von der Aussenwelt abgeschieden scheinen und traumverloren, dahindämmernd durch den Wechsel der Zeiten irren, in einer Art «vegetativer Indolenz», wie es in den «Schlafwandlern» heisst. Elias Canetti schrieb den erstaunlichen Satz, dass Broch die Atemräume der Menschen sammle und durch diese, die ihre ausgeatmete Luft enthielten, die Menschen charakterisieren.
Zwar sprechen seine Figuren oft in langen Monologen, dennoch bleiben sie stumm, wird ihr Gesagtes sofort wieder verschluckt. Vielleicht hat Canetti recht, und sie sind eingeschlossen in Luftblasen und treiben in einer quecksilberschweren Flüssigkeit. Schwimmhäute waren Broch ebenso wie für Kafka Symbole atavistischer Überbleibsel aus unserer phylogenetischen Kinderzeit. In einem Brief an Friedrich Torberg vom 10. April 1943 forderte Broch für den zeitgenössischen Roman Vorbilder waren ihm Joyce, Musil, Kafka, aber auch Goethe «Annäherung an die Todeserkenntnis», die «Radikalität des Mythos» und vor allem «radikale Abstraktheit». Es gelte nicht mehr «das Lächeln des Herrn Schulze, sondern das Lächeln schlechthin». Daher funktionieren seine Figuren auch nicht nach psychologisch empirischen Gesetzen, sondern sie repräsentieren ein Gefühl, eine psychische Konstellation an sich. Broch hatte sich ein strenges Gesetz errichtet.
Und wenn Hannah Arendt ihn einen «Dichter wider Willen» nannte, so steckt darin noch etwas anderes: nämlich der unerhörte Zwang, den er sich auferlegte, die Hetzjagd der Schreiberei siebzehn Stunden täglich, davon ein unglaubliches Quantum von Briefen , auch um nicht der «Verführung zum Geschichtel-Erzählen» zu erliegen. Autobiographische Anekdoten lagen ihm daher fern, etwas Generelles wollte er in seiner «Psychischen Selbstbiographie» erkennen, die er samt einem Nachtrag 1942/43 während seines Aufenthaltes bei Erich Kahler in Princeton verfasste. 1938 war der Österreicher Broch über England in die USA emigriert. Für die Öffentlichkeit war die Selbstbiographie nicht gedacht. Er sandte sie an die ebenfalls in die USA emigrierte Ruth Norden sowie Annemarie Meier-Graefe, zu denen er eine enge Freundschaftsbeziehung unterhielt. Letztere heiratete er im Dezember 1949, da war er 63 Jahre alt. Leider werden die beiden Begleitbriefe an Norden und Meier-Graefe vom Herausgeber Paul Michael Lützeler nicht mitgeteilt (sind sie bekannt?), und lediglich aus einer Fussnote erfährt man, dass Broch eine Kopie des Nachtrags ebenfalls an seinen Analytiker Paul Federn sandte.
DER WERT DER SELBSTANALYSE
Die Psychoanalyse steht solchen Selbstanalysen in der Regel skeptisch gegenüber, auch wenn Freud in dieser Frage schwankend war. Karl Abraham sah in der Selbstanalyse eine besondere Form des Widerstandes gegen die Analyse, die dem Narzissmus schmeichle und den wesentlichen Teil der Behandlung ausschaltete: den der Übertragung. Hermann Broch befand sich bereits seit 1928 in psychoanalytischer Behandlung: in Wien bei Hedwig Schaxel-Hoffer. Canetti empfand es als beschämend, wenn Broch bei ihren regelmässigen Treffen im Café Museum mit dem Satz «Ich muss zu Frau Dr. Schaxel» aufsprang und davoneilte. Der Freudschen Lehre sei er auf religiöse Weise verfallen gewesen; Brochs damalige Freundin Ea von Allesch hielt ihn sogar für ganz und gar verloren, da er auch noch seinen Sohn in die Obhut Alfred Adlers und eines Jugendpsychologen gab. In den USA war Broch schliesslich zuerst bis Mitte 1943 bei Gustav Bychowski in Behandlung und dann bei Paul Federn, den er bereits aus Wien kannte, wo Federn Präsident der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung war. Alfred Adler und Paul Federn dürften, neben den Schriften Freuds, Broch am meisten beeinflusst haben. Federn antwortete Broch auf dessen Nachtrag: «Damit Ihre neue Analyse zum Erfolg werde, wird es notwendig sein, die Einseitigkeiten Ihrer Selbstanalyse zu rektifizieren. Sie überschätzen m. E. die Wirkung Ihrer Mutterbeziehung.»
Seine Partnerwahl scheitere, so Broch, weil sie entweder am Bild der Mutter, dem Typus der langen Dünnen der «reinen und weissen Ehe» , ausgerichtet sei oder ihrem Gegenbild, dem üppigen «Bettschatz» (das Dienstmädchen). Im ersten Typus fände er ohne die «erotische Gnade» keine «Erlösung», stelle sich das «Erlösungs»- oder «Liebeswunder» nicht ein. Broch war vom Judentum zu einem stark marianisch geprägten Katholizismus konvertiert, was sein Frauenbild nachhaltig beeinflusste. Man denke z. B. an Pasenow in den «Schlafwandlern». Da Broch an die Frau auch den Wunsch ihrer «Umformung» zu einem «neuen Menschen» herantrug hier gebrauchte Broch ein Schlagwort des Expressionismus , die eigene Erlösung aber gleichzeitig die Erlösung des anderen einschliesse, scheitere auch eine Beziehung mit dem zweiten Typus, da sich dieser überhaupt nicht erlösungsbedürftig wähne. Die «Wunderfrau» müsse daher durch besondere Einsicht, Klugheit und Takt seiner neurotischen Forderung «die Spitze nehmen» und ihn dadurch erlösen.
Mangelnde mütterliche Liebe machte er auch für seine vermeintliche Impotenz verantwortlich. An anderer Stelle sind es der Vater und der Bruder in ihrer männlichen Dominanz. Im «Tod des Vergil» wird der Dichter, der in einer Sänfte durch die Elendsgasse getragen wird, von keifenden Weibern «die schweren Stimmen der Mütter» mit Spott überzogen: «Windelnässer, Kakker, du Hängeschwanz!» Um der Schmach der Impotenz zu entgehen, so Brochs Konstruktion, lasse er sich von den Frauen wählen, statt selbst zu wählen, und weil nun diesen zu «gerührter Dankbarkeit» verpflichtet, habe er, der nur so tue, als sei er nicht impotent, die «groteske Pflicht, jeder willigen Frau zu Willen zu sein», was den Stress der «Überleistung» bewirke. Hypersexualität und Hypergraphie gehen hier tatsächlich Hand in Hand mit Minderwertigkeitskomplexen bei gleichzeitigem Grössenwahn-Potenzgeprotze und «Weltenschöpfer»tum. Das alles ist nicht ohne eine tragisch-traurige Komik. Der Mann ist schliesslich Mitte Fünfzig!
Daneben berührt einen die Lektüre peinlich durch ihre Indiskretion. Schon bei den wienerischen Schmachtfetzen im «Teesdorfer Tagebuch für Ea von Allesch» fragte man sich: Muss der Leser wirklich alles wissen? Ob dem Verständnis Brochs und seiner Werke damit gedient ist, mag hier in Abrede gestellt sein. Prekär ist die Konstellation der Adressaten: zwei Frauen und im Hintergrund der Analytiker. Wobei der Herausgeber unklar lässt, ob Brochs Analytiker zur Zeit der Abfassung, Bychowski, ein Exemplar erhielt oder Federn nur den Nachtrag. Lützeler sieht in diesem Dokument ein Beispiel der «Antiwerbung» Brochs, um sich aus seinen ungeklärten Beziehungen zu lösen. Das Gegenteil ist genauso wahr, wie man überhaupt bei jedem Satz in diesem Text auch das Gegenteil erwägen muss, denn selten wird so verlogen die Wahrheit gesagt wie in sogenannten Beichten und Selbstanalysen.
Broch machte sich ja nicht die Mühe der vorurteilsfreien Erkundung der eigenen Seele, von vornherein ist sein Familienroman zweifelsfrei bewiesen, weil gesetzmässig. Seinem Sohn schilderte er die gesamte Familie als schwer neurotisch. Und was von solchen Antiwerbungen zu halten ist, weiss man unter anderem aus den Briefen Kafkas an Felice Bauer. Jeder Brief sei ein Abschiedsbrief, schrieb Broch an Ruth Norden im Juni 1939, weil das Abschiednehmen Aufgabe der Dichtung sei. Die scheinbar unfreiwillige Tragikkomik ist nicht ohne bewusst hintersinnige Ironie. Diese verfolgt zwei unterschiedliche rhetorische Strategien. Gegenüber den Freundinnen wollen die widersprüchlichen Aussagen und Signale des Textes eine festere Bindung erzielen, denn sie sind als Erlöserinnen aufgerufen, ohne dass er sich aber umgekehrt gebunden fühlen müsste.
«DONQUIJUANJOTTE»
Brochs Wirkung auf die Frauen, seine zahlreichen Liebschaften wurden oft beschrieben. Er selbst prägte einmal für ein geplantes Romanprojekt das Wort vom «Donquijuanjotte» eine Verschmelzung von Don Quijote und Don Juan , das auch ihn sehr gut trifft. Mit dem intendierten idealen Leser, dem Analytiker, geht Broch dagegen einen intellektuellen Wettstreit ein. Er legt Spuren und Fallen aus, mit denen er einen hinters Licht führen will. Seinem Verleger sandte er einmal als Material für einen Prospekt eine psychoanalytische Biographie-Satire. Seine Neurose, so endet er, «scheint jede Analyse zu verhindern». Darin drückt sich nichts anderes als seine stark narzisstische «Kaffeehaus-Überlegenheit» aus, wie Ea von Allesch ihn unerbittlich charakterisierte, die hinter der Camouflage der Selbstanalyse nur um so besser ihre wirklichen Störungen verbirgt.
Er will schlauer als der Analytiker sein. Tatsächlich fällt in manchen Briefen auf, so z. B. an Hans Sahl im November 1943 oder an Ernst Polak im Mai 1944, wie er in einer Art seine Briefpartner zu analysieren trachtet, die nur noch als merkwürdig bezeichnet werden kann. Schon Ea von Allesch glaubte er von ihren «traumatischen Neurosen» befreien zu müssen. Aber Kern dessen dürfte sein, dass er der vergötterten hehren Frau ebenso wie der psychoanalytischen Lehre gegenüber insgeheim ein Ressentiment, eine Missachtung in sich trug. Beide will er zu Besserem umformen. In der Psychoanalyse fehlte ihm ein einheitlicher Modellmechanismus, so in seinen «Werttheoretischen Bemerkungen» von 1936. Auch meinte er, in seiner Selbstanalyse einen eigenen Begriff, den des «Amphitryonismus», einführen zu müssen.
Um seine werttheoretischen Entwürfe geht es im letzten beigefügten Teil der Autobiographie als Arbeitsprogramm, der allerdings bereits, auch wenn verstreut, schon in der Werkausgabe zu finden ist. In dieser Gelehrtenvita, wie man sie bei Bewerbungen für einen Lehrstuhl abfasst, werden auch nur seine zentralen Gedanken und Projekte skizziert. Neben scharfsinnigen Beobachtungen zu seiner Zeit, die, würde man sie von ihrem terminologisch neukantianischen Ballast befreien, teilweise systemtheoretische Ansätze vorwegnähmen, finden sich hier ebenso Spuren einer intellektuellen Hybris, die nur durch Naivität zu entschuldigen ist. Neukantianisch formulierte er 1926: «In der Einsamkeit des Bewusstseins liegt das bedeutsamste Faktum der Selbstgarantie aller Wahrheit: die Unfähigkeit des Ichs, sich selber zu belügen.»
Das war wohl sein grösster Irrtum. Ernst Polak berichtete er 1946, nur noch wenige Jahre vor seinem Tod, dass er zum erstenmal in seiner analytischen Behandlung das Gefühl einer möglichen Gesundung habe, «denn früher war diese Möglichkeit für mich bloss ein theoretisches Wissen».
Kurzbeschreibung
Im Mittelpunkt steht die "Psychische Selbstbiographie". In ihr entdeckt sich ein "Ich", das sich einer "Überleistung" gegenübersieht, die "keinen Platz" mehr läßt für das eigentliche Leben. Woraus für Broch, der in erster Linie sein Verhältnis zu Frauen zu klären versucht, ein geradezu neurotischer Leistungszwang auch im Erotischen folgt, der ihn die ersehnte monogame Bindung nicht finden läßt. Was ihn freilich nicht hindert, seine Idee von der "Idealfrau" zu entwickeln, die "absolute Liebe" einer "Wunderfrau" zu ersehnen, von der allein die "Erlösung zur Normalität" zu erwarten sei.
Brochs Schrift ist Männerprojektion und radikale Selbstbespiegelung zugleich. Hatte es sich Broch noch nicht erlaubt, in der Autobiographie als Arbeitsprogramm, wo er sich den Themen Demokratie und Menschenrechte widmet, auf eigene Bedrängnisse einzugehen, konzentriert er sich in der Psychischen Selbstbiographie ganz persönlicher Lebensumstände und sehr subjektiver Empfindungen im Exil.