Mit knapp 860 Seiten bekommt man mit dem Psychiatrie-Lehrbuch von Gerd Huber und Gisela Gross einen richtigen Wälzer auf den Schreibtisch geliefert, der ohne Frage fundiertes und außerordentlich umfangreiches Wissen liefert. Die erste Auflage des Bandes erschien 1974, inzwischen liegt die 7. vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage vor.
Gerd Huber war bis zu seiner Emeritierung Professor für Psychiatrie am Uniklinikum in Bonn. 1971, als er noch Ordinarius für Psychiatrie der Universität Ulm und zugleich Direktor des Akademischen Lehr- und Bezirkskrankenhauses war, gründete er das Weißenauer Schizophrenie-Symposium, eine der traditionsreichsten Veranstaltungsreihen der deutschen Psychiatrie. Co-Autorin des Psychiatrie-Lehrbuches ist Gisela Gross, die gleichfalls Professorin an der Uni-Psychiatrie in Bonn ist.
Das Buch ist außerordentlich fundiert und trägt das bestehende Wissen über psychiatrische Störungen umfassend zusammen. Vorteil von Lehrbüchern, die bereits so lange und in so hoher Auflage erscheinen ist ja immer, dass Fehler ausgemerzt und neue Erkenntnisse in die bestehenden Textteile integriert werden können. Allerdings haben solche Standard-Lehrbücher mitunter auch gewisse Nachteile und die Autoren sollten m. E. darüber nachdenken, ggf. bei einer weiteren Auflage doch noch einige Verbesserungen einzufügen. Der immerhin weit über 800 Seiten umfassende Band enthält zwar 44 Tabellen aber leider nur drei Abbildungen. Insbesondere die geringe Anzahl von Bildern ist einem modernen Lehrbuch heute nicht mehr angemessen. Allerdings bin ich diesbezüglich etwas verwöhnt von dem abbildungsreichen Lehrbuch Psychiatrie und Psychotherapie von Möller, Laux und Deister aber Fotos und bunte Bildchen machen das Lernen einfach angenehmer. Wem es weniger um angenehmes Lesevergnügen und mehr um theoretische Wissensvermittlung geht, der ist mit dem Band von Huber und Gross sicherlich bestens beraten. Didaktisch gut gibt es schwarze Balken am Rand für wichtige Definitionen, allerdings ist dies auch das einzige Zugeständnis an moderne pädagogische Empfehlungen. Marginalien fehlen ebenso wie die heute üblichen Kurzzusammenfassungen und Prüfungsfragen am Ende der Kapitel.
Was ich persönlich an der Psychiatrie immer besonders spannend fand und in meinem eigenen Studium geradezu verschlungen habe, waren Fallbeispiele betroffener Patienten, in denen die trockenen Symptomauflistungen zum Leben erwachten; besonders reich davon ist z. B. der Band von Davison & Neale über klinische Psychologie. Leider sucht man lebendige Fallbeispiele in dem Buch von Huber und Gross weitgehend vergebens. Psychische Erkrankungen werden nach Symptomen, Ursachen und Therapiemöglichkeiten klar dargestellt; aber ohne konkrete Patientenschicksale aufzuzeigen. Das Lehrbuch eignet sich damit vorwiegend für Fachleute, die in Kliniken arbeiten und ohnehin ausreichend Kontakt mit Betroffenen haben; aus meiner Sicht weniger aber für Studenten, die sich den Wissensstoff in ihrem heimischen Kämmerchen selbst erarbeiten müssen und einen betroffenen Patienten noch nie gesehen haben.
Sehr gut finde ich persönlich an dem Band, dass hier unterschiedlichste Sichtweisen bei der Genese psychischer Entgleisungen zusammengetragen werden. Der Leser erfährt sehr viel über aktuelle neurobiologische Hintergründe, parallel dazu werden aber auch klassische psychoanalytische Erklärungsansätze verständlich geschildert.
Gerd Huber wie auch Gisela Gross sind herausragende Vertreter ihres Faches und nehmen sich die Freiheit, sich nicht sklavisch an den aktuellen ICD-Katalog zu halten wie die meisten anderen Psychiatrie-Lehrbücher. Die Internationale Klassifikation der psychischen Störungen ist zwar am Buchende abgedruckt, was sehr hilfreich ist, die Kapitel des Bandes folgen aber eher einer eigenwilligen Anordnung. Behandelt werden: 1. Die psychiatrische Untersuchung, 2. Psychiatrische Diagnostik und Klassifikation, 3. Körperliche begründbare Psychosen, 4. Endogene Psychosen, 5. Variationen seelischen Wesens, 6. Suchtleiden, 7. Sexualstörungen, 8. Oligophrenien, 9. Suizidalität, 10. Psychopharmakotherapie, 11. Psychiatrische Notfalltherapie, 12. Psychotherapie, 13. Sozialpsychiatrie, 14. Rechtskunde und Begutachtung. Anhänge sind neben dem schon erwähnten ICD-Kategorien noch der Prüfungs-Gegenstandskatalog und ein weit über 50 Seiten umfassendes sehr detailliertes Sachverzeichnis. Gut gefallen hat mir, dass Gerd Huber hartnäckig an dem heute antiquierten Begriff endogene Psychosen festgehalten hat, mit dem auch ich selbst groß geworden bin. Die aktuelle ICD verzichtet ja auf Benennungen, die in sich selbst schon eine Ursachenzuschreibung tragen; aber sämtliche psychiatrischen Erkrankungen nur noch als Störungen zu bezeichnen fand ich von Anfang an nicht besonders hilfreich.
Mein persönliches Resümee: Als Nachschlagewerk für den Fachmann ist der Band absolut empfehlenswert. Er trägt das Wissen sehr fundiert zusammen und behandelt auch relativ unbekannte Störungen sehr explizit. Darüber hinaus werden viele konkrete Handlungsanweisungen gegeben. Als Lehrbuch für das Trockenstudium von Studenten gibt es aus meiner Sicht Bände, die gerade psychiatrisches Wissen interessanter und lebendiger aufbereiten. Als Handbuch sollte der Band in keinem Regal behandelnder Psychiater fehlen.