Also manchmal frage ich mich wirklich, wie läuft es mit der Musik eigentlich? Hat ein Mensch/Musiker nur ein gewisses Potential an Noten bzw. Songs oder ist das endlos, zumindest was die Qualität anbetrifft. Von den alten Klassikern wie Bruckner, Wagner etc. wissen wir, dass sie auch im Alter fantastisches zu leisten im Stande waren. Bei der sogenannten modernen Musik der letzten, sagen wir mal 60 Jahre, muss man leider feststellen, dass genau das Gegenteil der Fall ist, fast alle Musiker waren nach ca. 10 Jahren ausgebrannt und ideenlos, Ausnahmen bestätigen die Regel. Beim Rest war/ist es so, dass sie noch ganz gute Musik machen, aber die Qualität der frühen Jahre bei Weitem nicht mehr erreicht.
Eine große Ausnahme ist für mich Neil Young. Was dieser Kerl auch noch mit jetzt fast 67 Jahren immer wieder unter die Fans bringt, ist schon ziemlich einmalig. Nicht nur, dass er ständig seine Stilrichtung ändert, womit er ja schon des Öfteren einen Teil seiner Fans zur Verzweiflung trieb, nein auch die Qualität seiner Veröffentlichungen sind, fast immer, über jeden Zweifel erhaben und jederzeit mit seinen Frühwerken vergleichbar.
Jetzt mit "Walk Like A Giant" also Album Nummer 47, eine DoCD übrigens, wenn ich richtig gezählt habe. Und auch dieses wird seine Spuren bei den Fans hinterlassen und was für welche. Alleine schon die Tatsache, dass er wieder mit seinen alten Kumpels von Crazy Horse zusammenspielt, treibt uns Fans die Freudentränen in die Augen, wissen wir doch schon von vornherein, welcher Sound uns erwartet: krachend, rumpelnd, ohne Rücksicht auf Verluste, mit Rückkopplungen, schräg und trotzdem ohrwurmig! Vor allen Dingen aber sehr suchtgefährdend.
Alleine das Stück "Walk Like A Giant" ist schon den Gesamtpreis der CD wert. Was die vier Kumpels hier in unglaublichen 16.26 Minuten vom Stapel lassen, ist allerhöchste Qualitätsstufe und beinhaltet alles von dem, was ich oben beschrieben habe. Es beginnt mit dem sofort erkennbaren Gitarrensound Neil Youngs, unschuldigem Pfeifen, dem Rumpelschlagzeug von Ralph Molina, Billy Talbots ultratiefen Basstönen, bei denen man immer Angst haben muss, dass sie einen erschlagen wollen, dann setzt auf der linken Seite Frank Pancho" Sampedros Gitarre ein und auf dem rechten Kanal beginnt Neil schon nach kurzer Zeit mit seinen unglaublichen Gitarrensolos, die dir die Gänsehaut rauf und runter laufen lassen und an seine besten Zeiten von Cortez The Killer", Like A Hurricane", Cowgirl In The Sand" oder Down By The River" erinnern. Das Stück verbreitet eine Stimmung, als käme es direkt von seinem Live-Album Weld" herübergeschwebt und die Energie dieses Songs könne den Strombedarf einer Kleinstadt locker begleichen.
Das Album beginnt mit einem Monstrum von Song Driftin Back", der über 27 Minuten vor sich hin mäandert, immer die Gitarre von Neil im Vordergrund und in fast ruhiger Tonart, aber so sehr vereinnahmend, dass er richtig Besitz von einem ergreift und ehe man sich versieht, sind die 27:35 Min. auch schon vorbei.
Der Titelsong "Psychedelic Pill" erinnert sehr stark an "Cinnamon Girl" und läutet mit gleich den nächsten überlangen Titel mit 16:48 Min. ein: "Ramada Inn". Auch hier wieder ein Neil Young in unglaublich intensiver Spielfreude und mit endlosen Gitarrensoli, die nie langweilig werden, sondern im Gegenteil eine dermaßige Anziehungskraft ausüben, dass man sich wünscht, dass der Song endlos weiter geht, Neil Youngs wehmütiger Gesang verstärkt dieses Gefühl noch.
"Born In Ontario" ist ein netter Song über seine Geburtsstadt Omemee in Ontario, Canada, "Twisted Road" ein lockerer Country beeinflusster Song. Beide lassen kurz Luft holen und dienen nur dazu, um sich auf "Shes Always Dancing" den nächsten längeren Song vorzubereiten, der wieder von Neil Youngs Gitarre lebt und vom wunderschönen Background -Gesang von Crazy Horse.
"For The Love Of Man" ist der ruhigste Song auf dem Album und läutet das oben schon erwähnte, für mich beste Stück "Walk Like A Giant" ein. Den Abschluss macht eine Alternativ Version von Psychedelic Pill", die sich nicht sonderlich vom Original unterscheidet.
Also ein in dieser Form und Qualität nicht unbedingt erwartetes, weiteres großes Neil Young & Crazy Horse - Werk, das allemal das Zeug zum Klassiker hat!