Der neue Band aus der Pschyrembel-Reihe hat keinen geringen Anspruch: er will nicht nur einen interdisziplinären Überblick bieten, er will auch den aktuellen Wissensstand aus Psychiatrie, klinischer Psychologie und Psychotherapie umfassend und verständlich darstellen. Das wäre, für sich genommen, schon ein hoch gestecktes Ziel, auch wenn die Gretchenfrage gar nicht gestellt würde: Ist es mittlerweile möglich, ein ideologiefreies Übersichtswerk zu schreiben, das den unterschiedlichen Psychotherapie-Traditionen gerecht wird? Auch das behaupten nämlich die Herausgeber im Vorwort und verweisen auf die Notwendigkeit, zu integrieren, statt zu differenzieren. Dass dabei 'konkurrierende Nomenklaturen' und 'begriffliche Unschärfe' ein Problem darstellten, wird nicht verschwiegen.
Um es vorweg zu nehmen: der neue Psycho-Pschyrembel umfasst tatsächlich alle relevanten Themen für die klinische Arbeit und die Chancen stehen gut, dass er weite Verbreitung finden wird, denn bisher ist dieser grosse Bogen für die Praxis kaum je konsequent geschlagen worden. Kurzbeschreibungen pharmakologischer Wirkstoffe (inkl. Wirkungsweise, Indikationen, Kontraindikationen, Wechsel- und Nebenwirkungen) finden sich ebenso, wie Beschreibungen verschiedenster Therapieverfahren und -Richtungen. Auch gut vertreten sind Stichworte aus der biologischen Psychologie, Neurologie, (Neuro-)Endokrinologie und von Entwicklungsaspekten psychischer Störungen sowie Grundbegriffe aus Epidemiologie und Statistik mit entsprechenden Kennwerten. In den Bereichen Psychopathologie und Diagnostik (Tests und Interviews) hat der vorliegende Band mit zahlreich aufgeführten Abkürzungen und historischen Begriffen am stärksten auch Wörterbuchfunktion, was für den Alltagsgebrauch besonders wertvoll ist. Bildgebungen, Grafiken, Modelldarstellungen, Listen und anatomische Darstellungen sind sinnvollerweise auf das Nötigste beschränkt.
Die systematische Gliederung der Artikel erleichtert die Orientierung (v.a. bei Wirkstoffen, Therapieverfahren und Störungen). Rechtliche Themen lassen diese Systematik aber teils vermissen (z.B. 'Sterbehilfe') und sind v.a. auf die Gegebenheiten in Deutschland ausgerichtet während die Situation in Österreich und der Schweiz nur am Rande kommentiert wird. Sehr sinnvoll ist die konsequente Angabe der englischen Fachbegriffe, auch die der Etymologie, wobei die Verwendung einer Transliteration griechischer Begriffe dem Zielpublikum angemessener erschiene. Bei der Übersetzung von Originalbegriffen würde man sich bisweilen einen stärkeren Fachbezug wünschen (z.B. 'Neglect' > Vernachlässigung oder mindfulness > Aufmerksamkeit aber auch 'phren' > Zwerchfell ' s.v. 'Phrenologie'' gehen am Begriffsinhalt vorbei). Auch einige Druckfehler (z.B. extrovertiert, s.v. 'Sedationsschwelle') und die oft fehlenden Stichwortverweise (*) lassen auf Lücken beim Lektorat schliessen. Kontraintuitiv aber systembedingt ist die alfabetische Gleichbehandlung von Lemmata bestehend aus mehreren Wörtern mit zusammengesetzten: z.B. 'Beziehung, therapeutische' folgt auf 'Beziehungswahn, sensitiver', drei Seiten nach dem Hauptstichwort 'Beziehung''. Vereinzelt vermisst man Einträge (z.B. 'therapeutische Breite' oder 'UAW' im Abkürzungsverzeichnis), aber angesichts dieser äusserst wertvollen Vereinigung aller praxisrelevanter Themengebiete zu einem Nachschlagewerk fällt das wenig ins Gewicht.
Und was lässt sich sagen über die Ausgewogenheit bezüglich der verschiedenen Therapieschulen? Jede Integration braucht ein übergeordnetes Leitkriterium. Der Psycho-Pschyrembel richtet sich nach den Forschungsresultaten und lässt entsprechend eine stärkere Gewichtung pharmakotherapeutischer und kognitiv verhaltenstherapeutischer Konzepte erkennen ohne jedoch Alternativerklärungen unerwähnt zu lassen. Das scheint für eine fruchtbare Weiterentwicklung der einzig gangbare Weg. Zudem zeigt der Artikel s.v. 'Steinlausphobie', dass die Forschung immer wieder mit überraschenden Ergebnissen aufwarten kann'. Kurz: der neue Pschyrembel ist erst am Anfang, aber er hat einen bemerkenswerten Start hingelegt!