"Prozesse, die unsere Welt bewegten", diesen schlichten Titel gibt Curt Riess seinem Buch über 22 spektakuläre Prozesse aus zwei Jahrtausenden.
Dabei sind die von ihm ausgewählten Fälle sehr viel mehr als das, nämlich auch Prozesse, die von der Welt, dem historischen, zeitgeschichtlichen und sozialen Hintergrund, vor dem sie sich ereigneten, bewegt wurden und von denen jeder einzelne so, wie er verlief, nur in seiner Zeit und seinem gesellschaftspolitischen Umfeld möglich war.
Besonders augefällig ist dies zum Beispiel beim Prozess gegen Oscar Wilde vor gerade mal gut 100 Jahren, in dem dieser der damals unter Strafe stehenden Homosexualität angeklagt wurde, ohne jegliche greifbaren Beweise lediglich anhand seiner spontanen Äußerung auf die Frage, ob er einen bestimmten jungen Mann jemals geküsst habe "Um Gottes Willen, nein, er war sehr hässlich" "überführt" und zu zwei Jahren Zuchthaus unter entsetzlichsten Bedingungen verurteilt wurde - er erholte sich nie von diesen zwei Jahren, die schließlich zu seinem frühen Tod führten.
Die ausgesuchten Prozesse sind chronologisch geordnet und decken inhaltlich eine große Bandbreite ab, neben historischen Fällen (Jesus, Jeanne d'Arc, Maria Stuart, "Jud" Süß-Oppenheimer, Mata Hari) gibt es unter anderem auch Fälle, die vor allem die Boulevardpresse beschäftigten (Dr Crippen, Landru, Lindbergh-Entführung), einige Skurrilitäten wie den Fall des "Hauptmann von Köpenick" und die Prozesse gegen Al Capone, dem lediglich Steuerhinterziehung vorgeworfen werden konnte und einige in Zusammenhang mit dem NS-Regime stehenden Prozesse (Reichstagsbrand, Nürnberg 1945 und abschließend der Eichmann-Prozess).
Sämtliche Fälle sind sehr gut recherchiert, flüssig geschrieben und lesen sich leicht und unterhaltsam, sind also bei weitem nicht nur für Jura-Interessierte empfehlenswert.
Man liest sich mit diesem Buch einmal aus einem ganz anderen, äußerst interessanten Blickwinkel durch rund 2000 Jahre Geschichte, die hier im Spiegel der jeweiligen Justiz gezeigt werden.
Natürlich kann ein solches Buch niemals "vollständig" sein und man könnte mit Leichtigkeit noch jede Menge interessante Fälle benennen, die hier leider nicht aufgegriffen wurden, aber ich fand die vom Autor getroffene Auswahl von 22 Fällen auf 588 Seiten recht gut gelungen.
Eine klare Empfehlung für alle Geschichts- und/oder Jurainteressierten.