Der Mann, der unser Leben verändern soll, war ein Mensch, der keinerlei Geräusche ertrug, unter Banalitäten unsagbar litt, in den wärmsten Räumen immer nur mit Pelz am Tisch saß, seinen Freunden aus Angst anzuecken Tag und nach "proustifizierte" ( d. h. belobhudelte), lebenslang an Verstopfung litt und der im Alter von nur 51 Jahren unnötigerweise an einer Grippe starb. Allerdings war er begabt mit einem unvergleichlichen Scharfblick für die Marotten, die Nuancen und Feinheiten aller nur denkbaren sozialen und psychologischen Konstellationen, die er mit einer beispiellosen Sprachmächtigkeit in seinem Hauptwerk "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" aufs literarische Tapet brachte. Um dem Leser aber die Mühe zu ersparen, die 1,3 Millionen Wörter der "Recherche" auch wirklich selbst zu lesen, hat Alain de Botton aus dem Proustschen Werk eine Art Hausapotheke zusammengestellt, aus der sich allerlei Mittelchen zur Lösung der Probleme herausdestillieren lassen, die uns tagtäglich quälen - etwa : "Wie man in der Liebe glücklich wird", "Wie man seinen Gefühlen Ausdruck verleiht", "Wie man sehen lernt", "Wie man erfolgreich leidet", "Wie man Freundschaften pflegt", aber auch "Wie man richtig liest" und "Wie man ein Buch aus der Hand legt".
Welchen Wert hat diese Hausapotheke? Keinen für diejenigen, die Proust im Original gelesen haben. Aber doch einen erbaulichen Mehrwert für die Proust Novizen, die immer schon von dem monumentalen Umfang der Recherche" zurückschreckten. Sie sind nun eingeladen, allerlei Erbauliches über Liebe, Freundschaft und Literatur, über Sexualität, Kunst, Eitelkeit und Einsamkeit zu lesen und auf ihr Leben anzuwenden. Dafür zwei Beispiele: "Die etwas schwierigen Frauen, die man nicht sofort besitzt, von denen man zunächst nicht einmal weiß, ob man sie je besitzen wird, sind die einzig Interessanten", heißt es etwa auf S. 198. Oder: Das Geheimnis einer dauerhaften Beziehung, so liest man auf S.203, ist die Untreue. "Und zwar nicht als körperlicher Akt sondern als ständige Bedrohung". Diese Beispiele ließen sich seitenweise fortsetzen, allenthalben quillt aus der Bottonschen Kompilation ein regelrechter Extrakt an Lebensklugheit, der zunächst frappiert, begeistert, um aber dann doch irgendwann den Leser in die Position eines Trinkenden zu bringen, der nach dem geballten Genuss von zu viel Orangensaftkonzentrat plötzlich an Sodbrennen leidet.
Aber das macht nichts. Am Ende relativiert der Autor in echt Proustscher Distanzierung sowohl seinen eigenen Ansatz wie auch das Werk des Meisters, wenn er über das Lesen schreibt: "Es hieße dem, was nur Anreiz ist, eine zu große Bedeutung geben, wenn man daraus eine Disziplin machte. Das Lesen liegt an der Schwelle des geistigen Lebens, es kann uns darin einführen, aber es ist nicht dieses Leben."(S.235)
Das vorliegende Buch wird ihr Leben also ganz sicher nicht verändern, aber als eine Einleitung in die Gedanken und Lebenswelt von Marcel Proust ist es ganz gut zu lesen.