Science-Fiction ist für mich eigentlich eher ein Feld, dem ich mich mit einem Augenzwinkern nähere. Oftmals übertrieben und aus der Luft gegriffen, werden nicht selten dieselben Visionen einer sterilen Welt mit sensationeller High-Tech als Zukunft gezeichnet (Bsp: nicht ganz so tolle Filme wie "Demolition Man"), die zwar interessante Ansätze bieten, selten aber wirklich "neues". Filme wie "I, Robot" oder "Starship Troopers" bieten hier einen viel interessanteren Blick auf philosophische Themen bzw. auf Gesellschaftssysteme der Zukunft.
Doch nun zur Literatur.
Definitiv spektakulär ist Frank Hebbens "Prothesengötter". Ein Band voll von Kurzgeschichten führt ein in eine Zukunft, die von katastrophalen Zuständen berichtet. Die Ausbeutung des Menschen als rein steuernder Arm für Maschinen, schreckliche hygienische Zustände, Verstümmelung von Menschen damit sie besser arbeiten können - all dies ist Teil der Kurzgeschichten.
Oftmals erinnern die Geschichten an den überwundenen Taylorismus des frühen 20. Jahrhunderts, der aber - nur in verschärfter Form - hier wieder im wahrsten Sinne des Wortes tobt. Was mich an diesem Roman ebenfalls fasziniert hat, war die Tatsache, dass die Geschichten nicht in den USA spielen, sondern überwiegend in Deutschland an mehr oder weniger bekannten Schauplätzen wie z.B. im Ruhrgebiet.
Unmenschlichkeit, Apathie, Ausbeutung, Cyberpunk (spielt bei Hebbens Geschichten hier eine sehr große Rolle!) - nur ein paar Schlagworte, die beschreiben sollen, in was für eine Welt Frank Hebben den Leser einführt. Die Zukunft als ganz und gar kein schöner oder lebenswerter Ort, als düster und brutal. Gleichzeitig aber schafft Hebben es, den Leser durch einen grandiosen Schreibstil so in den Bann zu ziehen, dass man das Buch gar nicht erst weglegen möchte. Die Kurzgeschichten bieten aber zugleich auch die Möglichkeit, aus dem Finstren nach teilweise 20, teilweise 40 oder etwas mehr Seiten wieder zu entfliehen und darüber zu reflektieren, was man gerade "erfahren" hat. Dabei langweilt Hebben nicht etwa mit standardisierten Sci-Fi Visionen, sondern führt Charaktere und deren Instrumente ein, von denen man sich nicht so ohne Weiteres wieder lösen kann. Er erzählt Geschichten, die durch seine Erzählweise hervorragend vorstellbar sind, obwohl zum Teil unvorstellbare Geschehnisse dargestellt werden.
Da "Prothesengötter" (etwas merkwürdiger Titel, doch er wird sich nach der Lektüre wunderbar von selbst erklären) eine Sammlung von Geschichten ist, die trotz ihrer Zukunftsbezogenheit auch immer eine Reflektion auf unsere heutige Zeit zulassen, ist dies mehr als nur ein Sci-Fi Roman. Es ist ein sehr zu empfehlendes Buch über eine mögliche dunkle Zukunft, über unsere heutige Zeit (Parallelen!) und regte mich zumindest sehr zum Nachdenken an.
Für mich ein MUSS für jeden, der sich nicht nur für Sci-Fi, sondern auch für unsere Gesellschaft interessiert und wie sie im schlimmsten Falle werden könnte.