Ich muss meiner Vorrezensentin widersprechen. Ja, in dem Buch werden Fremdworte gebraucht und sicherlich muss man diskutieren, wie der Wissenstransfer aus der akademischen Landschaft in die öffentliche Diskussion hinein besser gelingen kann. Nun hat jedes Buch seinen Adressatenkreis und die Distributionsformen auch wissenschaftlicher Literatur lassen mitunter die Grenzen zwischen Wissenschaft und Konsum, zwischen Wissenschaft und schnell geschossener Pointe verfließen. Insofern wird jeder potenzielle Leser nach wie vor an seine Medienkompetenz verwiesen, sich Bücher nicht sofort anzuschaffen, sondern ggf. in der Bibliothek zu sondern. Dank des Internet können heute viele Informationen und Einsichten auch ohne Rückgriff auf das konkrete Buch erfolgen.
Die Vorrede muss leider sein, um einigen Enttäuschungen vorzubeugen. Die Lektüre von Luhmann kann eigentlich nur dann so etwas wie Genuss sein, wenn man entweder Gefallen am Langweiligen hat oder aber sich aber auf den einen speziellen Luhmann-Gedanken einlässt, der eigentlich alle Werke durchzieht. Soziale Systeme funktionieren nach Eigenlogiken, sind in sich geschlossenen, verändern sich nur in Abgleich mit Umweltdifferenzen und bleiben alles in allem ziemlich blutleer. Der Witz an Luhmann liegt nicht darin, dass auch Protestbewegungen sich im weitesten Sinne dem politischen System unterordnen lassen. Diese Einsicht wäre eine Banalität und würde weit hinter die Gesellschaftstheorien des 19. Jahrhunderts zurückfallen. Das schwer Verdaulich bei Luhmann ist die Desillusionierung: Ja, auch Protest verläuft nach genormten Routinen, produziert Hierarchien und lässt sich alles in allem einem bestimmten Status quo unterordnen. Die Frage wäre dann, ob einem dieser Status quo gefällt oder nicht, dann gelte es, diesen zu kritisieren.
Ob Luhmann auf einzelne Fremdwörter verzichten könnte, wird sich schwer aus der Außenperspektive beurteilen lassen. Die Gefahr bei der unbefangenen Lektüre soziologischer, oder allgemeiner, sozialwissenschaftlicher Werke, liegt darin, dass sie Alltagsbegebenheiten thematisieren und sich dabei bisweilen der abgegriffenen Sprache der Gesellschaftsmitglieder bedienen müssen. Das produziert Verwirrungen, z.B. durch andersartige Verwendung bestimmter Begriffe. Luhmann führt stattdessen Kunstworte ein, die er teils aus der Biologie, teils aus der Kybernetik überträgt. Die Definition solcher Begriffe wie "Autopoiesis", "Selbstreferenz", "Strukturelle Kopplung" oder "Interpenetration" erfolgt im Buch "Soziale System" (1984), das zugleich den Grundriss seiner allgemeinen Gesellschaftstheorie legt.
In "Protest" handelt es sich auch gar nicht um ein abgeschlossenes Werk, sondern vielmehr um einzelne Aufsätze, die aus Tageszeitungen, Vorträgen und Interviews zusammengetragen wurden und mit einem Vorwort versehen sind. Man könnte hier kritisieren, dass Suhrkamp sich einen schnellen EURO mit einem griffigen Titel machen wollte. Aber würde diese Kritik nicht auf die Mehrzahl der Verlagspraktiken zutreffen? Aus wissenschaftlicher Sicht sind solche Bände mitunter hilfreich, weil sie verstreute Quellen (wieder) zugänglich machen und einen schnellen Bezug im Theorieaufbau ermöglichen.
Den Widerspruch, den ein Leser oben zwischen Systemtheorie und sozialen Bewegungen aufmacht, sehe ich nicht. Es ist gleichgültig, wie die Aneinanderreihung der Worte erfolgt, denn Luhmann interessierte sich nicht für empirische Begebenheiten. Die für ihn einzig relevante Frage, welche Funktion Protestbewegungen übernehmen, wenn doch alle gesellschaftlichen Teilsystem als geschlossene Regelkreisläufe für sich bestehen. Dass diese Fragen an Politik und Wirtschaft adressieren und ggf. auf Risiken (Atomkraftgegener) aufmachen, wird von Luhmann akzeptiert, ob dies dazu reicht, sie in die Systemtheorie zu integrieren, ist hingegen nicht nur die falsche Fragestellung, sondern ein ganz anderer Blickwinkel. Aus Sicht der konstruktivistischen Gesellschaftstheorie sind so unterschiedliche Dinge wie ein Richterspruch oder eine Demonstration nur verschiedene Wahrnehmungen und Handlungsmedien, deren Ergebnis offen bleiben und prinzipiell unendlich fortgeführt werden können. An dieser Stelle sollte man die Systemtheorie für ihre Beliebigkeit kritisieren, auch wenn Luhmann sich selbst auf eine solche (politische) Diskussion nicht eingelassen hätte. Soziologie hat für ihn die Aufgabe, gesellschaftliche Funktionen zu ermitteln, nicht nach "gut" und "gerecht" zu fragen. Diese Auseinandersetzung hat Habermas mit Luhmann schon 1971 geführt (s. "Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie. Was leistet die Systemforschung?"), mit dem Ergebnis, das auch Habermas sich Argumentationsmuster Luhmanns angeeignet und produktiv weiterverarbeitet hat. Warum? Weil nicht nur der Streit nicht aufgelöst werden konnte, sondern weil man akzeptierte, dass Wissenschaftstheorie und Sozialkritik unterschiedliche Wege gehen müssen.
Wer sich für die Inhalte und soziologische Bedeutung von Sozialen Bewegungen interessiert, sei auf die Bücher von Frank Adloff (Zivilgesellschaft, 2005) und Thomas Kern (Soziale Bewegungen, 2008) verwiesen. Wer Sozialkritik sucht, sollte bei Bourdieu und Boltanski (Soziologie und Sozialkritik, 2010) oder Marx (Das Kapital, 1869/1895) nachschlagen.