Lange hat man in Deutschland nichts mehr von Nicolas de Crécy zu sehen bekommen. Sein Werk
'Foligatto' wurde 1994 als 'Beste deutschsprachige Publikation/Import' mit dem Max und Moritz-Preis ausgezeichnet - danach war Funkstille, obwohl er in Frankreich stetig weiter veröffentlicht hat.
Nun bringt Reprodukt 'Prosopopus', und stemmt damit den Leser sofort ein Fragezeichen auf die Stirn, denn den wenigsten dürfte dieses Wort etwas sagen. Gleich zu Anfang des Bandes definiert man daher das Wort. Kurz gesagt leitet es sich von Prosopopoiia her, d.h die Personifikation /Vermenschlichung von etwas Unmenschlichen, z.B. einer Einstellung oder einer Sache.
Aber was wird hier nun personifiziert?
Die Geschichte beginnt mit einem Mord. Ein Gangsterboss wird auf offener Straße erschossen, und der Attentäter kann fliehen, wird jedoch ebenfalls von den Leibwächtern des Getöteten verletzt. Die Hintergründe sind zunächst nicht bekannt.
Aus dem Blut des Attentäters und des Toten sowie aus weiteren Flüssigkeiten formt sich nun der Prosopopus ' die real gewordene Antwort auf die grausamen Taten der Vergangenheit der beiden Männer.
Einem riesigen gelben, cartoonhaften Nilpferd gleich nistet sich der/das Prosopopus bei dem Attentäter ein. Dieser glaubt zunächst, verrückt geworden zu sein, als das Wesen ihn mit Liebesattacken bedrängt, aber die wahre Intention ist eine ganz andere...
Nicolas de Crécy hat hier eine verstörende, surreale Geschichte entstehen lassen, die beängstigend und faszinierend zugleich ist. Dies kann man auch von seinen Zeichenstil bzw. seiner Kolorierung sagen, die je nach Stimmung variiert, von krakelig bis zu strukturiert ist alles dabei. Verschiedenen Figuren sind eindeutige Erkennungsfarben zugeordnet, ähnlich wie z.B. dem 'Yellow Bastard' bei 'Sin City', während der Schauplatz, die Stadt New York, größtenteils grau oder braun ist. Der gesamte Band kommt ohne Sprechblasen aus, und läßt stattdessen die Bilder und besonders die Gesichtsausdrücke für sich sprechen.
Wie bei den Graphic Novels von Reprodukt üblich, wird das ganze im schicken Klappenbroschur dargeboten.
Das ganze hat mir so gut gefallen, daß ich mir das 1994 Werk von Nicolas de Crécy gleich geordert habe.