Im Jahre 1935 beauftragte die propagandistische Kultur- und Ferienorganisation "Kraft durch Freude" (KdF)in der "Deutschen Arbeitsfront", abgekürzt DAF (=erzwungene "Gleichschaltung" von Arbeitgebern und Arbeitnehmern im NS-Staat) ihren "Vertrauensarchitekten" Clemens Klotz mit einem ehrgeizigen Projekt. An der Ostküste der Insel Rügen sollte parallel zum Höhenzug Prora das größte Seebad der Welt entstehen.
Der Name des Architekten wurde zum Programm, denn es entstand ein über 2 Kilometer langer, kolossaler Klotz aus bogenförmig aneinandergereihten Segmenten, in dem 20.000 Urlauber Erholung finden sollten. Der Kölner Klotz war jedoch ein Vertreter der "gemäßigten Moderne" der 1920er Jahre. Sein Bauwerk war zwar das längste Haus der Welt, im Gegensatz zur der auf Prunk und Protz angelegten, gigantomanischen NS-Architektur (eines Albert Speer u. a.) jedoch weder klassizistisch-monumental, noch irgendwie heimattümelnd. Aufgrund seiner funktionalen, preisgünstigen und schnell zu errichtenden Nutzarchitektur trug das Baumonstrum vor allem praktischen Erfordernissen Rechnung. Alle spartanisch ausgestatteten, 2,5 x 5 m großen Doppelbettzimmer (von denen noch heute 9847 existieren) hatten ihre Fenster zur Meeresseite hin und verfügten über einen Vorraum mit Einbauschrank und Waschbecken. WC und Duschen befanden sich in den Treppenhausflügeln.
Bei der Errichtung von Prora fanden trotz, bzw. gerade wegen der gigantischen Ausmaße auch wichtige landschaftsarchitektonische Überlegungen Berücksichtigung. Anders als bei vielen mediterranen Küstenorten der Gegenwart, deren Anblick durch eine auf schnellen Profit ausgerichtete, wahllose Bebauung verschandelt wurde, ist der demgegenüber homogene Gebäudekomplex auf Rügen aufgrund baumbewachsener Dünen vom 10 Kilometer langen Strand der "Schmalen Heide" aus kaum sichtbar. Vor diesem Hintergrund wird auch plausibel, dass das im Jahr 1937 auf der Weltausstellung in Paris ausgestellte Planungsmodell für Prora mit dem "Grand Prix" ausgezeichnet wurde.....
........dabei darf aber keinesfalls vergessen werden, dass sich hinter dem vorgeblichen Ziel, einer hohen Anzahl materiell schwacher Personen einen für sie bezahlbaren Urlaub zu ermöglichen, die Hinterlist des Unrechtsstaates verbarg, jene dem totalitären NS-System gefügig zu machen.
Nachdem aufgrund des 2. Weltkrieges die Bauarbeiten 1941 endgültig eingestellt worden waren und dort kein einziger Urlauber seine Ferien verbracht hatte, wurde Prora nach 1945 zuerst von der Sowjetarmee und dann missbräuchlich als Steinbruch genutzt, bis es danach vom DDR-Militär als Standort entdeckt und teilweise ausgebaut wurde. Neben einem Erholungsheim entstanden verschiedene Schulen der "Nationalen Volksarmee" (NVA) der "Deutschen Demokratischen Republik" (DDR). Erst nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die zuvor in einem Sperrgebiet liegende Geisterstadt nach und nach der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Seit dem wartet die Bundesvermögensverwaltung auf einen finanzkräftigen Käufer für die 170 ha große Liegenschaft.......
Das 56seitige Heft ist eine differenzierte Dokumentation über Geschichte und Baugestaltung "des ersten KdF-Bades Deutschlands". Der Textinhalt erfährt seine Visualisierung durch 46 schwarzweiße Fotos, einen Übersichtsplan und eine Luftaufnahme. Zusätzliche Information bieten 47 Fußnoten, die als Anmerkungen zusammengefasst sind. Als Zeitzeugnis ist das empfehlenswerte Heft über ein Denk- und Mahnmal deutscher Geschichte eine echte Rarität, das man ohne zu zögern kaufen sollte, wenn es angeboten wird. Deshalb gibt es 5 Amazonsterne.