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2.0 von 5 Sternen
Nichts für echte Skeptiker, 7. Mai 2004
Im Vorwort, verfasst vom Evolutionsbiologen Prof. Dr. Ulrich Kutschera, liest man: „Herr J. Kotthaus hat mit dem vorliegenden Buch eine umfassende Analyse des deutschen Kreationismus vorgelegt, aus der die Hintergründe und Motive der christlichen Evolutionsgegner hervorgehen. (...) Würde die kreationistische ‚Theo-Biologie' in unseren Schulen und Universitäten Eingang finden, so wäre nicht nur naturwissenschaftliches Forschen und Lehren beeinträchtigt, sondern auf lange Sicht gesehen der Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland in Gefahr." (S. 8)Christliche Evolutionsgegner beeinträchtigen naturwissenschaftliches Forschen und Lehren und bringen den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland mit „Theo-Biologie" in Gefahr? - Man ist gespannt, wie der Autor, Diplom-Pädagoge und in der Kinder- und Jugendarbeit tätig, diese unglaubliche Behauptung des Vorworts nun auf 156 Seiten mit wissenschaftlich überprüfbaren Belegen unterfüttert. Zunächst schränkt der Autor ein, dass seine Arbeit „stark aus einer erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Position argumentiert" (S. 13) - und verweist für Leser, die den Austausch fachdidaktischer Sachargumente suchen, auf makroevolutions-befürwortende Werke (Kutschera) und makroevolutions-kritische Werke (Junker/Scherer). Untertitel und Vorwort des Buches lassen eine spezielle und umfassende Analyse des „deutschen Kreationismus" inklusive der behaupteten Gefahr für den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland erwarten. Mindestens die Hälfte des Buches beschäftigt sich jedoch mit kreationistischen Autoren und Positionen aus dem US-amerikanischen Raum. Dies überrascht, weil der Autor selber zutreffend feststellt, dass die Situation in Deutschland anders ist als in den USA. Kotthaus' Blick auf die hierzulande kaum relevanten „internationalen Vorläufer" (S. 31) des deutschen Kreationismus gerät ihm zum Ersatzthema; auch eine differenzierte Darstellung z.B. von Intelligent-Design-Argumenten im deutschsprachigen Raum unterbleibt. Weiter betont er, er wolle eine oft gefühlsgeladene Debatte nicht weiter emotionalisieren (S. 13), setzt jedoch an anderer Stelle z.B. Prof. Dr. Gitt von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt Braunschweig persönlich herab, indem er ihn wörtlich als „Kettenhund des deutschen Kreationismus" (S. 35) bezeichnet. Aus welcher „erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Position" heraus Kotthaus bei solchen Textstellen argumentiert, wenn er derart diffamiert, erschließt sich einem methodisch skeptisch denkenden Menschen nicht. Kritische Relevanz in vorliegendem Werk besitzen wohl die zahlreichen pauschalen Charakterisierungen und undifferenzierten Behauptungen, z.B. die Kennzeichnung des deutschen Kreationismus als „organisierte, fundamental-christliche Wissenschaftsfeindlichkeit" (S. 31) oder, aus dem Kreationismus resultiere „eine gesellschaftsweite Zwangsreligiosität und -moralität, die Ent-Wissenschaftlichung der Welt, eine fundamental-religiöse Diktatur" (S. 114). Ein kreationistisches Wissenschaftsbild zementiere „ungleiche gesellschaftliche Verhältnisse" (S. 87), so der Autor, und eine kreationistisch geprägte Wissenschaft als Basis aller Forschung und Lehre werfe jede Gesellschaft „in einen mittelalterlichen, von Mystizismus und Halbwahrheiten zerfressenen Zustand" (S. 87) zurück. - Sachargumente und Begründungen für derartige Behauptungen fehlen, und welche erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen sowie soziologischen Beobachtungsarrangements Kotthaus zu solch weitreichenden Statements veranlassten, erschließt sich dem Leser nicht. Fazit: Statt einer umfassenden Analyse des „deutschen Kreationismus", wie Titel und Vorwort dies vorgibt, bearbeitet Kotthaus selektiv einige metatheoretische Aspekte eines sehr undifferenziert formulierten bloßen Kreationismusbegriffes. Naturwissenschaftliche Kreationismuskritik bietet das Buch nach eigenem Bekunden nicht, aber selbst auf eine Bestätigung durch Wissenschaftstheorie und Soziologie muss der Autor vergeblich hoffen. Zudem entgeht ihm offensichtlich, dass das Wort „wissenschaftlich" selbst kein wissenschaftlich absoluter Begriff ist, auf den er ein Definitionsmonopol hätte. Früher in der Schule hieß dies: „Thema verfehlt". Angesichts der Fülle verfügbarer (besserer) Literaturquellen sind das Literaturverzeichnis eher als dürftig und die Quellen als mangelhaft ausgewertet zu bezeichnen; für einen seriösen Journalisten würde es sich verbieten, dergestalt zu recherchieren. Wer sich anschickt, kreationistische Positionen auf die vorgelegte Art erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch zu Fall bringen zu wollen, widerlegt vielleicht einige selbstkonstruierte Strohmann-Argumente, bleibt seinen Lesern jedoch die Einlösung seines eigenen Anspruches schuldig. Sprachlich scheint „Propheten des Aberglauben" eher als Kampfschrift gegen ein von Kotthaus wahrgenommenes Feindbild verfasst zu sein und müsste wohl mehr auf psychologischen als auf wissenschaftstheoretischen Aussagegehalt hin analysiert werden. Den zweiten Bewertungsstern vergebe ich somit für das interessante Psychogramm, das der Autor mit dem vorliegenden Werk von sich selber preisgibt. Nichts für echte methodische Skeptiker.
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