Auf dieses recht neue Buch von Neil Douglas-Klotz bin ich durch die Beschäftigung mit seinem etwa zehn Jahre älteren Buch "Das Vaterunser" gestossen. Wieder zeigt sich Klotz'großes Einfühlungsvermögen in die alte spirituelle Botschaft von Jesus aus Nazareth. Dieses Werk ist noch differenzierter,feiner. Anhand verschiedener Textstellen aus dem Johannis-Evangelium, die Klotz mithilfe des Aramäischen völlig neu erschliesst, eröffnet sich dem Leser/der Leserin eine lebendige Welt, eine Spiritualität, die ich im Christentum zumeist schmerzhaft vermisst hatte.
Da ja die Biebel, so wie wir sie heute kennen, mehrere Übersetzungsvorgänge über sich hat ergehen lassen, jeder Übersetzer mit seinem Weltbild, seinem Horizont und, Entschuldigung - seiner Beschränktheit meinte, das "Wort Gottes" ins Grichische, dann ins Lateinische und zum Schluss ins Deutsche zu übersetzen, ging sehr viel verloren. Darüber hinaus berichtet der Autor aber auch von geziehlten Verstümmelungen, so geschehen im Konzil von Nicäa im Jahre 325, als durch den Druck durch Kaiser Konstantin nur die vier Evangelien als einzige "Wahrheit" ausgewählt wurden und die anderen, sehr zahlreichen Berichte über Jesus dem Feuer oder dem ewigen Verschluss überantwortet wurden. Wir müssen uns also darüber klar sein, dass das, was wir heute über Jesus von Nazareth wissen, nur ein dünner, von Menschen beeinflusster Auszug ist. Und doch fühlen so viele Menschen Jesus in ihrem Herzen - und dazu lädt uns auch Klotz ein. Mithilfe des Aramäischen, der Sprache, die Jesus gesprochen hat, gelingt es dem Autor, die tiefe spirituelle Botschaft Jesu'unseren Herzen und unserem Geist zugänglich zu machen. Es öffnen sich wirklich Türen im Innern und wir können spüren, wie wir an altem, immer schon gültigem Wissen Anteil haben, an einer Liebesbotschaft fern aller Bedrohungsszenarien.
Ein Beispiel: In Joh.3,16 ist zu lesen : Denn Gott hat die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Eine, auf dem aramäischen gründende Übersetzung kann so lauten: Denn die Einheit liebte die Vielfalt so sehr, all die Welten der Form, dass sie dir ein Kind der Einheit brachte, in allen Aspekten des Selbst erfüllt, so dass all diejenigen, die das gleiche Vertrauen in ihre eigene Erfüllung haben, nicht mit ihrer Form schwinden werden, sondern bleiben, von Welt zu Welt, mit und in dem immer lebendigen Leben. Das ist soo schön, soo tief, dass man darüber meditieren kann, es in aller Ruhe auf seine Seele wirken lassen kann. Und dazu lädt uns Neil Douglas Klotz ganz deutlich ein : nach jedem Kapitel bietet er eine Meditation an, damit wir eben nicht nur mit dem Verstand diese Offenbahrung erfahren, sondern auch tief in unseren Herzen. Was dabei geschieht, an Ergriffenheit, an Dank, an Begegnung mit Gott- das kann einen Menschen verändern, zu sich selbst, zur ureigensten Wahrheit führen.
Ich glaube, das Buch richtet sowohl an den christlich/theologisch orientierten Menschen, als auch an LeserInnen, die frei jedweger Konfession sind - es macht nicht an gewissen Grenzen halt, lässt sich nicht gut in Schubladen einordnen. Ich kann nur dazu ermuntern, mit diesem Buch zu arbeiten, es ist ein großes Geschenk!