"Ach was muss man oft von bösen
Jungen hören oder lesen!
Wie zum Beispiel hier von diesen
welche Lynyrd Skynyrd hießen..."
Auf wen traf im 20. Jahrhundert diese leicht geänderte Busch-Strophe wohl besser zu, als auf die Jung's um Ronnie Van Zant? Diese hagelbuchenen, rauhbeinigen Querulanten, die sich nicht nur lange Haare wachsen ließen und 'Negermusik' spielten, sondern sogar die Unveschämtheit hatten, sich nach ihrem erzkonservativen Sportlehrer zu benennen.
Was war das damals abenteuerlich, immer wieder in der Musikpresse zu vernehmen, dass wieder einmal einer der Skyns sein Ego gegen den Staat Florida in irgendeinem Kleinstadtknast verteidigen musste. Meist nur wegen Alkoholgenusses in der Öffentlichkeit oder einer, deswegen provozierten, Rauferei.
Klasse: Das war also das Land der unbeschränkten Möglichkeiten...?!
Trotz allem Interesses an Amerika und vor allem amerikanischer Rockmusik kam ich erst im Laufe von 1976 an alle, bis dahin aufgenommenen Lynyrd Skynyrd Scheiben. Dieses Jahr stellt sich, rückblickend auf die Musikszene, als eines der schönsten und beständigsten heraus an die ich mich erinnern kann. Lynyrd Skynyrd hatten daran großen Anteil; genauso aber auch und unvergessen: AC/DC, Rainbow, ZZ Top, Little Feat, Pink Floyd und einige mehr.
Lynyrd Skynyrds erste Scheibe, 1973 entstanden, bot im Prinzip eine beinah neue Musikrichtung. Es waren dabei nicht die schon oft in Zusammenhang mit dem Southern Rock besprochenen Double Leads (die ja erstmals eigentlich den Allman's oder sogar Paul Butterfield zugeordnet werden können); nein, es war diese knochentrockene, schwerblütige Mischung aus Blues Rock, Country, R'n'R und diesem echten, manifesten Südstaatenstolz.
Southern Rock par exellance war geboren!
(Stop! -Bevor jetzt die ersten warnend den Finger heben und auf die Allman's deuten. Die Allman Brothers waren die Allman Brothers. Ihnen mag man, der schwebenden Gitarren und der leichten Jazz-Attitüde wegen, den intellektuellen Teil der Southern Rock Historie zuschreiben. Der echte Southern Rock, der rauhbeinig-gehaltvolle sozusagen, entstammte den Straßen von Jacksonville's Westside!)
Lynyrd Skynynyrd war ein fantastisches Debüt gelungen. Jeder Song ein Gewinn für die Musikwelt. Nicht ein Ausfall! Die Scheibe startet mit dem (auch heute noch) knackigen, 'I ain't the one'. Eine Supernummer, treibend, mit klasse Soli von Rossington. Mit 'Tuesday's gone' folgt gleich darauf eine der Nummern, die Lyn Skyn für immer unsterblich machte. Diese bewegend-sentimentale Ballade mit der traurigen Melodie ist heute mehr denn je ein regelrechter Lichtblick im Einheitsbrei des Balladen-Geniedels. Dazu tragen neben Collins und Rossingtons Gitarren vor allem auch Powells wunderschöne Pianoharmonien bei. -Und 'verlorener' konnte man Van Zant nur noch auf 'All I can do is write about it' hören. Was hatte der Mann für eine Stimme!
Das folgende, augenzwinkernde 'Gimme three Steps' lässt durch seine unbekümmerte, darauflospolternde Art die Melancholie von 'Tuesday's gone' sofort vergessen. Ein Titel, der selbst von Szenefremden sofort mit Lynyrd Skynyrd in Verbindung gebracht wird. Ihm folgt Ballade Nummer 2: 'Simple Man'! Hier verewigt sich der Always-Griesgram Gary Rossington (zusammen mit Ronnie Van Zant) erstmals mit einer Ballade. Und die ist vom allerfeinsten und toppt sogar 'Tuesday's gone'! Einmal gehört, beißt sie sich in den Gehirnwindungen fest und bleibt dort für immer hängen.
Das folgende 'Things goin on' ist wohl der erste typische Swamp-Song; schwül-hitzig, pumpend, treibend, mit grandiosen Piano- und Gitarren-Lines. 'Mississippi Kid' haut in beinahe dieselbe Kerbe; kommt aber filigraner und überwiegend akustisch daher. Auch dieser Track, vom Trio Kooper, Van Zant, Burns geschrieben, überzeugt auf der ganzen Linie und zeigt uns überdeutlich auf, worin der Southern Rock wurzelt.
Mit dem (für schottische Whiskytrinker) leicht boshaften 'Poison Whiskey' (Text beachten) zieht die Band einen weiteren Klassiker aus dem Ärmel. Ebenfalls eine klassisch pumpende Southern Nummer.
Den Abschluss der original Scheibe (das remasterte Album bietet zudem noch einige Tracks, die bislang nur die Lyn Skyn Insider vom 'Box-Set' oder der 'Legend' her kennen) bildet einer der großartigsten Songs, die jemals geschrieben wurden und vor dem sich auch einige, progressivere Klassikgrößen ehrfurchtsvoll verneigen dürften: 'Free Bird'!!!
-Was soll man über diese Nummer noch schreiben? Seit dem 20.10.1977 drückt's mir, jedesmal wenn ich das Intro höre, zwei Tränen ins Auge. Eine von tiefer Bestürzung und unendlicher Traurigkeit, eine voller Wut und Zorn. -Und dann beginnt der Song aber auch schon zu treiben, findet zwar nochmals zur melancholischen Grundstimmung zurück um sich dann aber in einer wahren Gitarrenschlacht hochzuschaukeln und alles was steht und geht, ob traurig oder glücklich, in einem irren Finale davonzureissen.
Dieser Titel ist für mich bis heute die Inkarnation des Southern Rock. Besser geht es einfach nicht mehr. Dass ist nie und nimmer zu toppen!
Und letztlich gelingt es dem Song auch immer wieder einen inneren Frieden beim Hörer herzustellen; 20.10. hin, 20.10. her!
Mit 'Pronounced Leh-'nerd 'skin-'nerd' ist Lynyrd Skynyrd ein zeitloser Klassiker gelungen, der jeden Vergleich mit allen anderen zeitlosen Klassikern der Rockgeschichte mühelos halten kann. Ein Album, für das es nur eines geben kann: Fünf voll verdiente Sterne!
Der Dank für dieses Juwel geht an sechs junge 'Querulanten':
Bob Burns - Drums
Allen Collins - Guitar
Ed King - Bass, Guitar
Billy Powell - Piano, Keyboards
Gary Rossington - Guitar
und
Ronnie Van Zant - Vocals
-Fly on proud Bird, you're free at last-