AOR/ Melodic Rock spielt sich seit Anfang der 90er Jahre im Radio überhaupt nicht mehr und im Hinblick auf neue Releases und Bands dieses Genres vornehmlich in Skandinavien ab. Seit 2009 könnte der geneigte Fan den Eindruck gewinnen, daß sich jedenfalls letzteres wieder ändert, brachte doch schon das Vorjahr neue Veröffentlichungen alter Helden wie FOREIGNER, LOU GRAMM, JOURNEY, MR. BIG, DANGER DANGER, TESLA, DAN REED mit sich. Das Jahr 2010 beginnt nicht weniger spektakulär, nachdem bereits Alben von den STAGE DOLLS, JOHN WAITE, WINGER angekündigt bzw. veröffentlicht worden sind. Hinzu gesellt sich nun ein weiterer Release, der einerseits wegen der glorreichen Vergangenheit des Acts und andererseits wegen der Geheimniskrämerei um die aktuelle Bandbesetzung von den Anhängern der Truppe mit Spannung erwartet wurde. GIANT veröffentlichen mit "Promise Land" ihr viertes Studio-Album.
Ähnlich wie bei den Westcoast-Giganten TOTO fanden sich auch in dieser Band ausgewiesene Studio-Cracks, die Ende der 80er-Jahre und Anfang der 90er Jahre mit zwei aufsehenerregenden Veröffentlichungen Meilensteine in der Sparte AOR/ Melodic Rock setzten. Die Gebrüder David (drums) und Dann Huff (voc; git) hatten zwar bereits in der White-Rock-Band WHITE HEART versucht, nach den Sternen zu greifen, machten sich aber vor allem als gefragte Sessions-Musiker einen Namen. Dann veredelte mit seinem Spiel u.a. Songs von MADONNA, MICHAEL JACKSON, BARBRA STREISAND, MICHAEL BOLTON, MARIAH CAREY, PUR (jawohl, auf Abenteuerland). Alan Pasqua hatte sich über seine Keyboard-Dienste für BOB DYLAN, EDDIE MONEY, SANATANA, RICK SPRINGFIELD, SAMMY HAGAR, STAN BUSH, NIGHT RANGER und GREG ROLIE einen Namen gemacht und Mike Brignardello agierte als Bassist für FAITH HILL und LeANN RIMES.
Das erste Album "Last Of The Runaways" von '89 ist heute ein Klassiker im Bereich des melodischen Rocks. Eingängige Rocker wie "I'm A Believer" und "Innocent Days" sind ebenso vertreten wie bluesige Kracher a la "Can't Get Close Enough" und bombastische Balladen wie "I'll See You In My Dreams". Das zweite Album "Time To Burn" stand dem Erstling in nichts nach. Leider erwischte die aufkommende Grunge-Welle auch GIANT, bevor es mit ihrer Karriere so richtig losgehen konnte. Auf Anfrage des italienischen Labels Frontiers ließen sich die Huff-Brüder breitschlagen, 2001 auf "III" verbliebene Stücke aus den alten Sessions neu abzumischen und einige neue Stücke hinzuzufügen. Zwischenzeitlich erschien dann noch der "Live & Acoustic Official Bootleg", auf dem einige rare Akustik-Nummern und Cover enthalten waren. In der Szene geistern zudem einige Bootlegs von Live-Shows aus Amsterdam und dem Town & Country-Club in London, einer Show, von der es sogar Bildmaterial gibt.
Nun, gut neun Jahre später gibt es also wieder ein Lebenszeichen der AOR-Legende. Daß Alan Pasqua - wie schon auf "III" - nicht mehr dabei ist, mag im Hinblick auf den Bandsound, der ja ganz wesentlich durch Huffs Klasseorgan und herausragendes Spiel an den sechs Saiten geprägt war, noch keine Skepsis wecken. Allerdings fehlt auch Dann Huff selbst in diesem reformierten Line-Up, da er aufgrund seiner erfolgreichen Produzententätigkeit (SHANIA TWAIN, MEGADETH, BON JOVI) nicht mehr bereit war, seine Prioritäten zu verschieben. David Huff und Mike Brignardello haben sich dementsprechend verstärkt und mit Terry Brock (voc; STRANGEWAYS, SEVENTH KEY, THE SIGN) und John Roth (git; BLACK OAK ARKANSAS, JIMI JAMISON, SURVIVOR, WINGER) zwei erfahrene Recken engagiert, um weiter unter dem Bandlogo zu musizieren.
Herausgekommen ist ein Album mit 13 Stücken zzgl. einer Kurz-Doku über die Entstehung des Albums und es drängte sich die Frage auf, wie viel GIANT noch in GIANT 2010 steckt.
Der Opener "Believer (Redux)" startet verheißungsvoll mit einem sphärischen Keyboard-Teppich und majestätischen Gitarrenklängen. Angesichts der Anspielung weckt dies unweigerlich die Erwartung eines ähnlich erhabenen Gitarren-Intros wie bei der legendären Eröffnung des Debüt-Albums mit dem Song "I`m A Believer". Nun, diese Erwartung wird enttäuscht, "Believer" entpuppt sich als keineswegs schlechter, aber auch etwas beliebiger Pop-Rocker.
Der Albumtiteltrack "Promise Land" ist einer der Songs, an deren Entstehung Dann Huff immerhin nachhaltig mitwirkte. Der Track wurde bereits als Appetizer mit Video vorveröffentlicht und auch auf dem Frontiers Roll-The-Bones-Sampler präsentiert. Einen richtigen Referenztrack vermag man im bisherigen Opus der Band nicht auszumachen, dafür ist der Song schlicht zu poppig. Während der Strophen dominiert die Rhythmusfraktion und der Gesang Brocks und das ganze erinnert ein wenig an deutschen Schlagerrock a la Wolle Petry. Der durchaus melodische, aber nicht gerade innovative Chorgesang passt da ganz ins Bild. Gerade als man Roth im Soloteil von der Leine lässt, ist es auch schon wieder vorbei und der Song plätschert weiter gen Ende.
Mit "Never Surrender" wird dann das erste Highlight der Scheibe geboten. Der Melodic-Rocker gleicht einer Zeitreise in die für diese Musiksparte goldenen 80er und der Track hätte auch JOURNEY zu Hochzeiten oder SURVIVOR in der Dave-Bickler-Ära gut zu Gesicht gestanden.
Mit "Our Love" wird dann - dem AOR-Alben-Protokoll verpflichtet - eine (erste) Ballade präsentiert. Auch wenn Dann Huff diesen Song mitverfasst hat, kommt der Track nicht an die Schmachtfetzen "Ill See You In My Dreams" und "Lost In Paradise" heran.
"Prisoner of Love" steht dann in der Tradition klassischen GIANT-Stils solcher Songs wie "Cant Get Close Enough" oder "Get Used To It": ein bluesrockgetränktes Riffing, Brocks hier in der Tat Huff sehr ähnelndes raues Organ, Hammond-Orgel und mächtiger Chorgesang im Refrain.
Bei "Two Worlds Collide" handelt es sich dann wiederum um einen Song aus dem Fundus von Dann Huff.
Der Track ist eine Klasse-Melodic-Rock-Nummer, bei der Roth dann auch mal zeigen kann, dass er sich nicht zu Unrecht einen Namen in der Gitarrenszene gemacht hat.
Bei "Plenty of Love" hatte Dann Huff dann erneut seine Finger im Spiel, der Track geht völlig in Ordnung und Brock überzeugt mit seinem zwischen Dann Huff und irgendwo Robert Palmer liegenden Timbre.
Dann Huff steuerte dann des Weiteren seinen mit Mark Spiro, der sich auch als Songwriter für JOHN WAITE, MR. BIG, HEART, CHEP TRICK, WINGER, und BAD ENGLISH einen Namen gemacht hat, verfaßten Song "Through My Eyes" bei. Der Track kann sich nicht recht zwischen Ballade - in den Strophen - und Mid-Tempo-Rocker - im Refrain - entscheiden, weist aber eine feine Instrumentierung und Eingängigkeit auf.
"Il`l Wait For You" schippert dann wieder im Mid-Tempo-Bereich, könnte auch von JOURNEY oder den völlig verkannten CAPTIVE HEART stammen, allein der Song weist wieder eine gewisse Beliebigkeit auf und es fragt sich, ob er wirklich das Potential hat, auch beim mehrfachen Hören zu wachsen.
"Dying To See You" ist dann großes Balladen-Herzschmerz-Kitsch- und Schmalzkino. Vor 20 Jahren wäre der Song vermutlich auf den METAL Ballads-Samplern gelandet. Heute ist leider recht viel Wasser den Rhein, den Nil, den Missouri und auch den Mississippi herunter gelaufen und hat als Treibgut jede Menge solcher Schmachtfetzen vorbeigespült, so dass es - auch angesichts der Balladen-Heldentaten der Vorgängeralben - vermessen wäre, hier einen echten Klassiker zu verorten.
Dann Huff gibt auch bei "Double Trouble" seinen Input - leider nicht zum besten. Lobenswert sind sicher die geschmackvollen Hammond-Harmonien, die den recht belanglosen Blues-Rocker immerhin Volumen und die nötige Abrundung verleihen.
"Complicated Man" kommt dann Up-Tempo daher, präsentiert stramme Riff-arbeit und spannende Lick von Roth.
Bei "Save Me" soll dann Dann Huff auch noch die Gitarre geschwungen haben und immerhin wird hier instrumental einiges geboten, wagt man sich doch in funkige Wah-Wah-Noten. Der Refrain, der von dem Background gesungen wird, fällt aber erstaunlich blaß aus und enttäuscht.
Alles in allem ist das Album keineswegs schlecht und man merkt der Truppe ihre Erfahrung und ihr handwerkliches Können auch zweifellos an. Allein die Songs vermitteln nicht mehr diese Klasse, besonderen Charme und fast durchgängige Brillianz der beiden ersten Scheiben. "Promise Land" ist ein gutes AOR-Melodic-Rock-Album, das meines Erachtens aber auch gut und gerne unter einem anderen Namen hätte veröffentlicht werden können. Von einem Meilenstein kann man aber sicherlich nicht sprechen. Nach Ablegen der Fan-Brille kommen daher nicht mehr, aber auch nicht weniger als drei Sterne raus.