Wer zunächst mit den kontrastreichen und heftig expressiven Werken aus Nonos mittlerer Schaffensperiode vertraut wurde (mit Werken als wie dem "al gran sole", "como una ola...", "la fabricca illuminata"), der wird sich vielleicht schwer tun, wenn er mit der Leere und Kargheit seiner Spätwerke in Berührung kommt. Der Prometeo ist so ein Werk, wo auf bald zweieinhalb Stunden sehr wenig Bewegung, wenig vordergründige Veränderung geschieht. Die Kontraste und Klanghärten sind dort, wo sie auftreten auch eher scharf und abrupt, als dass sie den Hörer führen würden. Wer aber etwas von der Lebendigkeit unter den spröden Oberflächen dieses Werkes erfasst und sich eingehender damit beschäftigt, wird mehr als belohnt. Die aus der Stille emporsteigenden Klanginseln von schwebenden Chören und Orchesterflächen begegnen dem Hörer wie einem Wanderer in der Einsamkeit, rätselhafte Botschaften vermittelnd. Es sind Echos aus dunkelster Vergangenheit, Echos aus einer mythischen Welt, die den Hörer, in entlegenen Bezirken seines Selbst anzusprechen versuchen. Die Singstimmen haben oft etwas wie von Sirenengesängen, Stimmen aus ungeahnten Regionen des Unbewussten, längst Vergessenen. Das Ganze Werk hindurch bleibt dabei eine Atmosphäre untergründiger Spannung, wie in einem Warten in großer Gefahr, in einem Dunkel, wo alle Orientierungspunkte nur vage, vieldeutige Andeutungen sind. In einer Zeit massiver Unklarheit, Zeit überfordernder Fragen werden glatte Oberflächen und schnelle, allzu klare Antworten unglaubwürdig und gewinnen die Rätsel an Gewicht. In der von Massimo Cacciari vorbereiteten Kollage aus Textfragmenten vereinen sich älteste Stimmen altgriechischer Erzählungen mit Stimmen der Neuzeit (Friedrich Hölderlin und Walter Benjamin an erster Stelle), als rückten alle Zeiten in die selbe Ferne.
Um ein paar Stücke zu nennen, die ich besonders eindrucksvoll finde: Der Prolog erzählt die Entstehung der Welt (nach der Kosmogenie des Hesiod). Trotz vorwiegender Stille haben die Bewegungen oft etwas Monumentales und Gewaltiges und der Klang evoziert das Bild kosmischer Weiten. "Stasiomo 1" auf der zweiten CD zeigt einige phantastische magische Chorklangflächen. Das darauffolgende Interludio primo ist das stillste Stück des Werkes und vielleicht in seiner meditativen Eindringlichkeit auch das Schönste. Für Nono war es das Kernstück des Prometeo. Die Leisheit steht für die vordergründige Schwäche und Unscheinbarkeit einer verändernden Kraft, auf die (nach den Kriegen und Diktaturen) noch gehofft werden kann. "Tre voci a" schließlich ist ein Vorzeigestück der neueren Musik, ein Klangkontinuum, eine Steigerung mit Klangflächen, die sich aus Liegetönen aufbaut, die von expressiven Gesten der Singstimmen und einzelner Instrumente durchpulst ist. Die Musik bleibt nicht hinter der großartigen Textvorlage (Fragmente aus Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen) zurück, ein Sturm, ein leidenschaftlicher Aufbruch in eine ungewisse Zukunft, fernab der Sicherheiten.
Gegenüber der Ersteinspielung unter Metzmacher ist diese Produktion weniger symphonisch und deutlich transparenter, was der Schönheit der Singstimmen mehr Präsenz verleiht. Die Nähe des späten Nono zu dem Renaissance-Madrigal, zu venezianischer Doppelchörigkeit und altniederländischer Polyphonie ist hier deutlicher hörbar. Auch ist der Beitrag der Live-Elektronik hier markanter, die differenziertere Klangsteuerung und mehr Durchhörbarkeit geräuschhafter Instrumentalklänge verleiht gerade in Kontinuumskompositionen wie "Hölderlin" oder "Tre voci a" mehr Binnenkonturen und damit eine feine Dramaturgie, die an die traumartigen Klangverwandlungen in früheren elekronischen Kompositionen erinnert. Eine Textsynapse lässt die Bewegung des Textes im Feld der Stimmen gut mitverfolgen und intensiviert das Hörerlebnis. Der Prometeo gilt als ein Werk, welches nicht zuletzt von dem Wandern des Klanges im Raum lebt. Diese Hörerfahrung ist bei der vorliegenden Aufnahme zumindest mit einer Multichannel Musikanalage im Ansatz wiederzugewinnen. Ich selbst habe auf meiner einfachen Stereoanlage diesen Effekt nicht hören können, aber auch ohne Surroundtechnik bleibt diese Aufnahme für mich eine der nachhaltigsten CD-Hörerfahrungen mit neuerer Musik.
Kaum eines der großen musikalischen Werke des späten 20en Jahrhunderts hat so tief das Lebensgefühl auf dem Weg einer grundlegenden Suche nach einem Neubeginn ausgedrückt, wie Nonos Prometeo und es ist ein großer Gewinn, dass seit einigen Jahren mit dieser Einspielung auch eine Referenzaufnahme vorliegt.