Vorab möchte ich auf die Tatsache hinweisen, dass der Opernfreund einer schwierigen Entscheidungsfindung ausgesetzt ist. Die Aufnahme ist im Jahr 1991 entstanden und beim Plattenlabel Philipps Classics erschienen. Die Begleitbroschüre ist reichhaltig, mehrsprachig und informativ: Der riesigen Besetzungsliste folgt ein Auflistung der einzelnen Nummern. Danach folgt eine ausführliche und fundierte Beschreibung von Werk und seinen Grundlagen sowie seiner Aufführungsgeschichte. Dem schließt sich wiederum eine kurze Beschreibung der jeweiligen Handlungskomplexe an. Man kann aber auch dem darauf folgenden Libretto folgen (russisch, englisch, deutsch und französisch). Die wichtigsten Protagonisten, wie auch Prokofiev und Tolstoi, sind überwiegend mittels eines Brustbildes bzw. Passfotos (schwarz/weiß) abgebildet.
Im Jahr 1999 hatten die labels Philipps Classics und Decca fusioniert, wonach die neue Firmierung „Decca Music Group“ lautet. Sukzessive werden mit Veränderungen des Titelbildes die Philipps-Aufnahmen erneut aufgelegt. Alternativ wurde von der „Decca Music Group“ eine Kompilation von 6 Gesamtaufnahmen herausgebracht, unter denen sich auch die Oper Krieg und Frieden befindet. Die CD's befinden sich in Pappschachteln, und es fehlt eine Begleitbroschüre. Aber es fehlt auch die nicht ganz unwichtige Oper Romeo & Julia von Prokofiev. Damit aber nicht genug, ist doch auch eine Videoaufzeichnung der vorliegenden Einspielung entstanden (auf zwei DVDs). Ich bevorzuge die eigene Fantasie. Ohne Bild kann man sich auch besser auf die Musik konzentrieren, aber das muss jeder für sich entscheiden. Jedenfalls hat der Musikfreund die Qual der Wahl.
Ich habe diese Aufnahme schon in den neunziger Jahren gekauft und bin stets aufs Neue von ihr beeindruckt. Sergei Prokofiev (1891 bis 1953) hatte immer wieder - quasi sein ganzes Leben lang - an der Komposition gearbeitet mit gewissen Abweichungen von Tolstoi. Die einzelnen Handlungsschwerpunkte sind überzeugend bestimmt, strukturiert und entwickelt mit einem verständlichen Hang zum Ansatz eines russischen Patriotismus. Angesichts der Monumentalität des Stoffes ist schon die Tatsache des Herunterbrechens auf die Dramaturgie einer Opernhandlung bewundernswert. Obwohl Prokofiev die Tonalität strikt einhielt, weist seine Musik doch in eine moderne Richtung. Die vielen unterschiedlichen musikalischen Bilder, auch soweit sie rein stimmungsvoller Natur sind, können hier nur angedeutet werden. Die Leistungen aller Mitwirkenden sind über alle Maßen hoch zu loben. Natürlich gebührt die größte Anerkennung für die Interpretation dem begnadeten Dirigenten Valery Gergiev. Alles in allem nach Komposition und Interpretation eine tolle Umsetzung eines wichtigen Abschnittes der russischen Geschichte des 19. Jahrhunderts.
Nachdem es im allgemeinen Diskussionsforum Mode geworden ist, Musikschaffende aufzuspießen, die unter Hitler oder Stalin Karriere gemacht haben, möchte ich hierbei auch auf Sergei Prokofiev eingehen, der im März 1936 in seine Heimat zurückgekehrt ist, nachdem er lange Jahre im westlichen Ausland weilte und dort als Komponist, Dirigent und Pianist Reputation erlangte. In der von Konflikten, Nöten und Veränderungen bedrohten Welt konnte Prokofiev keine Bestandsfestigkeit erreichen. Ihm kann auch nicht ernstlich zum Vorwurf gemacht werden, in seine Heimat zurückgekehrt zu sein, wo seine Wurzeln waren, um dort sein Schicksal mit den Menschen zu teilen. Zwar schrieb er zum 60. Geburtstag von Josef Stalin (1939) einen musikalischen Trinkspruch (Heil Stalin) und zum 30. Jahrestag der Oktoberrevolution (1947) eine Kantate (Blick' auf gewaltig' Vaterland), aber darin kann keine Anerkennung des Stalinismus gesehen werden. Vor allem war der Toast auf Stalin im Schicksalsjahr 1939 allenfalls ein Ausrutscher.
Richtig ist auch, dass die 5. Sinfonie (die ersten vier Sinfonien waren im Ausland entstanden) eine patriotisch-sozialistische Prägung aufweist. Sie fällt in das Kriegsjahr 1944. Deren Botschaft wurde auch im Ausland erkannt und unmittelbar nach der Uraufführung in Moskau sowohl in Paris als auch in Boston gespielt. Prokofiev und Schostakowitsch wurden zwar die führenden Vertreter einer neuen Stilrichtung, einer Mischung aus patriotischen und sozialistischen Elementen, aber mit einer Prägung im Sinn eines positiven, humanen Menschenbildes. Dass sie mit der Macht pokern mussten, erscheint eigentlich evident. Die Größe und Tiefe der musikalischen Gedanken von Prokofiev und Schostakowitsch sollten jedenfalls über alle Zweifel erhaben sein. Propagandamusik klingt anders. Die lebenslange Beschäftigung von Prokofiev mit seiner Oper Krieg & Frieden reflektiert, worum sein Denken kreiste.
Die wahren Aufrechten und Tugendhaften aber sind natürlich die Selbstgerechten, die über große Gestalten der Vergangenheit ihr unmaßgebliches Urteil fällen, dabei in einer politischen Ordnung leben, die gänzlich frei von Druck und Terror der Obrigkeit und auch frei von wirtschaftlicher Not ist. Hervorstechendes Merkmal ist eine ausgeprägte Einfalt im Urteil, als wenn die einäugige Beurteilung eines genialen und produktiven Menschen (von Menschen also, die große und unvergängliche Kunst für Menschen geschaffen haben) mit Klappe auf und Klappe zu gerecht sein könnte. Die in der Musik von Prokofiev und Schostakowitsch zum Ausdruck kommende Menschlichkeit straft ihre Kritiker der Unredlichkeit.