Klaus Hoffmann, Liedermacher, Chansonier, Singer-Songwriter (ach, nennt es doch wie ihr wollt) Jahrgang 1951, veröffentlichte in den Siebzieger Jahren, nach seinen ersten beiden viel beachteten Studio-LPs mit "Ich will Gesang, will Spiel und Tanz" als drittes bereits ein opulentes Doppel-Live-Album. Das Album wurde legendär und zählt für viele zu den wichtigsten Alben seiner Karriere. Hoffmann ist bis heute nicht nur relevant, er ist konstant abseits des Mainstream erfolgreich, er liefert kontinuierlich Songs mit emotionaler Substanz, geht auf ausgedehnte Tourneen und veröffentlicht im Oktober mit "Berliner Sonntag" sein 39. (!) Album.
Und mit Blick über den Tellerrand bis in die USA, kann man hier auch keinen geringeren als Tom Waits, Jahrgang 1949, bemühen. Ganz ähnlicher Ablauf. Nach dem ewig schönen "Closing time" und dem nicht minder genialen "The heart of Saturday night" folgte als drittes Album mit "Nighthawks at the diner" ein bis heute sehr besonderes Live-Album, ebenfalls als Doppel-LP. Auch Waits ist auf seine wundervoll, sonderbare Weise immer noch da, erfolgreich, speziell und brachte im letzten Herbst mit "Bad as me" immerhin auch schon sein Album Nummer 22.
Was hat das nun alles und was haben Hoffmann und Waits mit Phillip Poisel zu tun?
Rational betrachtet erst einmal nichts oder zumindest nicht viel. Dass alle drei meinen Plattenschrank bevölkern ist vermutlich auch kein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Dennoch gibt es Parallelen, die die Hoffnung beflügeln, dass auch heute noch junge Musiker losziehen, die auch in Jahrzehnten noch was zu sagen haben, dass die großen beständigen Künstlerpersönlichkeiten kein Relikt der Vergangenheit sind. So gönn ich mir einfach den Spaß und werte "Projekt Seerosenteich" als ein gutes Omen. Sie dürfen es wahlweise ebenso sehen oder sich die Augenbrauen hochziehend mit dem Zeigefinger an die Stirn tippen.
Fakt ist, "Projekt Seerosenteich" ist nach zwei wirklich eindrucksvollen Studio-Alben von Philipp Poisel nun seine dritte Album-Veröffentlichung, es ist eine ambitionierte Live-Produktion und auch ein Doppel-Album ist es ebenfalls (ignorieren wir in diesem Punkt mal die Tatsache, dass es alternativ auch als von 120 auf 75 Minuten gestutzte, um 5 Titel amputierte Einzel-CD erhältlich ist - für wen?), es hat alle Chancen auch in Jahren noch als eines der ganz wichtigen Alben in Poisels Diskographie zu gelten.
Und wie auch Waits und Hoffmann - bei aller massiven Unterschiedlichkeit schon zwischen den beiden reiferen Herren und dann wiederum zu Poisel - hat Philipp Poisel, Jahrgang 1983, alles was es braucht, um zu bleiben. Kein Trend spülte ihn hoch, kein Radiosender dudelt ihn in der Heavy-Rotation, er ist eigen und macht seine Lieder so, wie er sie für richtig hält und darum sind sie auch richtig - richtig für ihn, richtig für ein paar hunderttausend andere. Und er drillt sie nicht nach einem Zeitgeistmuster, um kurzfristig bei Millionen zu landen und dann mit der nächsten Zeitgeistwelle hinfort gespült zu werden. So wie Hoffmann trotzig sehnsuchtsvoll und emotional Weichheit zulässt, weil er eben so ist, und so wie Waits schrullig, schräg Emotionen die vom Leben zerschunden wurden und Melancholie mit kackfrechem Schabernack vermischt, weil er nur so authentisch sein kann, so klingt Poisel eben wie Poisel. >Liedermacher< ist im Grunde ja kein Genre wie >Rock< oder >Jazz<, ein Liedermacher schreibt was sich in ihm regt und es ist herzlich egal, welches Genre er dabei streift. Ein guter Liedermacher, Songwriter, Chansonier definiert seine eigene Musikrichtung. Und so hat Philipp Poisel sehr viel gemein mit den anderen beiden: Er ist ein Liedermacher im allerbesten Wortsinn und hat seinen ganzen eigenen Stil.
Auf dem Album "Projekt Seerosenteich" wurde die Flüchtigkeit von Konzerten großartig eingefangen - klanglich und wichtiger noch, atmosphärisch! Jeder, der ein Konzert der Tour besucht hat, wird sich zurückversetzt fühlen, wer nicht dabei war, kommt mit dem Album sehr nah ran, an die besondere, gedankenvolle und gefühlvolle Stimmung der Konzerte. Mehr kann ein Live-Album nicht leisten.
Besonders wird das Album, weil die Songs von "Wo fängt der Himmel an" und "Bis nach Toulouse" nicht einfach nur runtergespielt werden und hier nun lediglich mit Publikumsgeräuschen angereichert zu hören sind, sondern weil nahezu alle Lieder musikalisch ganz anders eingekleidet wurden als in der bekannten Studioversion. Nicht völlig umgekrempelt oder neu erfunden und schon gar nicht besser oder schlechter. Nein, sie rücken klanglich irgendwie zusammen, wie für ein Gruppenfoto mit dem Titel >Was bisher geschah<. Und auf diesem Gruppenfoto sind halt alle älter geworden, haben neues erlebt, haben sich mehr oder weniger verändert, als man sie damals einzeln kennen lernte. Aber ausnahmslos alle auf diesem Gruppenfoto sind es wert sie zu kennen und ihre Veränderungen zu registrieren.
Tolle Platte, toller Musiker!
Für jeden, der Musik auch anfassen will, für den Gestaltung, Booklet, Cover ein wesentlicher Bestandteil des Kunstwerks >Album< sind, ist die edle Ausgabe im großformatigen Hardcover-Buch natürlich die Krönung und den Mehrpreis absolut wert. Wie das gesamte Projekt bis hin zur Bühnengestaltung, ist auch diese Ausgabe unaufdringlich wertvoll.
Die Doppel-CD (oder auch 3fach LP) sollte es aber in jedem Fall sein, um das vollständige Konzert zu bekommen. Was der Unfug mit der Einzel-CD soll, erschließt sich mir nicht. Wer verzichtet denn um zwei-drei Euro zu sparen auf ein gutes Drittel (75 statt 120 Minuten!) des Konzertes?