An ihrer Uni sei es 1994 kaum möglich gewesen, einen Diplomarbeitsbetreuer für das Thema Schönheitsideal zu finden, schreibt die österreichische Soziologin, Erziehungs- und Medienwissenschaftlerin Waltraud Posch. Und es wird sie wenig trösten, dass dies in der Schweiz nicht anders war. Doch betrachtet man die Flut der Publikationen, die in den letzten Jahren dazu erschienen ist, kochte es unter dem Deckel gewaltig. Daher sind wohl auch viele dieser Publikationen allzu emotional und flappsig verfasst worden. Waltraud Posch jedoch gehört zu den Autorinnen, die sich dem Thema mit der richtigen Distanz nähern und sich dem modischen Duktus der Massenmedien nicht unterwirft. Obwohl ihr die Absicht geglückt ist, ein wissenschaftliches Buch zu schreiben, finden sich auf den 210 Textseiten so viele systematische Alltagsbeobachtungen, dass der Leser nach der Lektüre den Kult um die Schönheit anders wahrnimmt. Fast vierzig Seiten Anmerkungen und Literaturangaben bestätigen meine Leseerfahrung, dass Waltraud Posch ihre eigenen Forschungsarbeiten immer wieder mit bereits Vorhandenem verknüpft. Sie macht aber gleichzeitig klar, welche Ansätze ihrer Meinung nach in die Irre führen und einem Verständnis des modernen Körperkultes im Wege stehen.
Die nach eigenen Angaben durchschnittlich attraktiv aussehende Autorin stellte sich auch immer wieder als Amateur-Model zur Verfügung, um professionelle Körperveränderungen am eigenen Leib zu erfahren. Solche Selbstexperimente sind nicht der einzige Grund, warum mich Waltraud Posch an den allzu früh verstorbenen Psychologen Stanley Milgram erinnert. Denn so wenig die beiden auf den ersten Blick miteinander zu tun haben, überschreiten beide die Grenzen ihres Fachgebiets, zählen genaues Beobachten zu ihren Berufswerkzeugen, haben Witz, eine verständliche Sprache und halten den Lesern ihrer Resultate immer wieder Spiegel vor, in denen auch ihr Bild erscheint.
Drei große Kapitel ordnen die Ergebnisse und Beobachtungen von Waltraud Posch. In "Soziologie der Schönheit" erfährt auch der Laie, wie die moderne Soziologie arbeitet und warum sich diese Wissenschaft selbst bei ihren früheren Kritikern Anerkennung verschaffen konnte. Denn die Autorin schreibt nicht einfach nur kluge Essays über Schönheit als widersprüchliches Alltagsphänomen, als Mittel zum Zweck, als Produkt der Mode oder als Zeichen gesellschaftlicher Eliten. Wenn sie über solche Aspekte spricht, lässt sie ihre Zuhörer an der Entstehung ihrer Thesen teilnehmen. Und weil sie auch über Pickel, Stöckelschuhe, Körperhaare und Frisuren redet, haben Ausführungen über Verschönerungen als Identitätsstiftung und -stabilisierung automatisch mit der eigenen Persönlichkeit zu tun.
Im zweiten Kapitel "Das Ideal" geht es um Kriterien der Schönheit, um Schlankheit, Gewicht, Rauchen, Jugendlichkeit, Fitness, Authentizität, Körperbaustellen und Geschlechterfragen. Und wer glaubt, er hätte dazu schon alles gehört, wird dennoch auf jede Seite überrascht sein, wie viele Blickwinkel es gibt. Waltraud Posch kommt auf Zusammenhänge, bei deren Lektüre ich mich zuerst freute und dann ärgerte, dass ich sie nicht selber entdeckte. Aber genau so müssen Bücher sein, die ich als intellektuellen Genuss betrachte. Was das dritte Kapitel "Warum uns das Schönheitsideal nicht egal ist" bei Lesern auslöst, die meinen, sich kulturellen und gesellschaftlichen Einflüssen entziehen zu können, weiß ich nicht. Den Thesen von Waltraud Posch zu widersprechen, wird jedenfalls nicht einfach sein.
Mein Fazit: Für mich klar eines der faszinierendsten, spannendsten und erkenntnisreichsten Bücher zu den Themen Schönheit und Körperkult. Und da die Autorin nicht nur eine hervorragende Beobachterin ist, sondern auch einen riesigen Bücherstapel verarbeitet, hat man mit ihrem Werk gleich eine halbe Bibliothek gelesen. Schön, dass die verständliche Sprache auch Nichtakademikern eine kurzweilige Lektüre ermöglicht.