Wissenschaftlichen Studien zufolge erwerben wir Menschen rund 70% unserer Kenntnisse und Fähigkeiten auf informellen Wegen, also nicht durch schulische oder berufliche Ausbildung, sondern ungeplant, unsystematisch und ziellos, also in familiären Alltagssituationen, in der Freizeit oder allein schon dadurch, dass wir täglich älter werden. Natürlich fließt davon auch ein großer Teil in die berufliche Arbeit ein. Und genau darauf zielt das Konzept des Profilpasses ab. Die Idee hinter diesem Instrument ist, Menschen auf der Suche nach einer (neuen) Erwerbstätigkeit darin zu unterstützen, sich ihrer individuellen, informell erworbenen Kompetenzen bewusst zu werden, damit sie diese anschließend gezielt für ihre beruflichen Pläne einsetzen können.
Die Ermittlung der persönlichen Stärken geschieht mit Hilfe eines Leitfadens, in dem zuerst die bisherigen Lebensstationen und Tätigkeitsfelder dokumentiert werden. Wer sich das allein nicht zutraut, kann die Hilfe von Profilpass-zertifizierten Beratern in Anspruch nehmen, die es bereits in vielen deutschen Städten gibt. Beachtet werden bei der Bestandsaufnahme nicht nur die schulische und berufliche Ausbildung, sondern auch die Bereiche außerhalb der Ausbildung, also Hobbys, Haushalt und Familie, soziales oder politisches Engagement und besondere Lebenssituationen. Nun geht es darum, die in diesen Zusammenhängen entwickelten Aktivitäten zu benennen, zu beschreiben, so gut wie möglich auf den Punkt zu bringen und schließlich zu bewerten. Die Bewertung erfolgt nach einer vierstufigen Skala mit den Niveaus A, B, C1 und C2. Niveau A bedeutet, dass man Dinge mit Hilfe von Anleitungen tun kann, Niveau B, dass man Dinge selbstständig und ohne Anleitung tun kann, und Niveau C, dass man Dinge selbstständig auch in anderen Zusammenhängen tun kann (C1) bzw. anderen diese Kenntnisse noch zusätzlich verständlich vermitteln kann (C2). Aus der Fülle an Erfahrungen, Fähigkeiten und Kenntnissen, die jeder Mensch besitzt, lassen sich dann individuelle Kompetenzbilanzen erstellen. Sind diese im Profilpass schriftlich fixiert und durch entsprechende Beispiele belegt, können sie schließlich bei der Formulierung von beruflichen Zielvorstellungen helfen.
Die neu gewonnenen Erkenntnisse können und sollen natürlich auch bei der Erstellung von Bewerbungsunterlagen und bei Bewerbungsgesprächen eingesetzt werden. Der Profilpass selbst ist allerdings ausschließlich für den persönlichen Gebrauch gedacht und nicht dafür, an andere Personen weitergegeben zu werden. Daher gehört eine Anleitung zur Erstellung von Bewerbungsunterlagen auch nicht mehr zu seinem Leistungsumfang. Eine intensive, zusätzliche Beschäftigung mit diesem Thema ersetzt er also nicht. Dafür gibt es jedoch andere Hilfsmittel wie den Europass-Lebenslauf und den europäischen Sprachenpass, auf die der Profilpass bereits bewusst abgestimmt ist. In Kombination mit diesen kostenlos im Internet erhältlichen Instrumenten ist er somit ein sehr hilfreiches Instrument, das zur intensiven Beschäftigung mit den eigenen Erfahrungen und Kenntnissen anregt und ein wesentlicher Baustein bei der Erstellung aussagekräftiger Bewerberprofile sein kann.
Akademikern mag der Sprachstil im Profilpass etwas simpel erscheinen, doch muss man bedenken, dass das Instrument für Menschen aller Bildungsschichten entwickelt wurde. Ein zu wenig beachteter Aspekt scheint mir dagegen der Preis zu sein, denn das ist für einen Ringordner mit etwas über 100 Seiten sehr viel Geld. Will man möglichst viele Menschen mit dem Profilpass erreichen, sollten Wege gefunden werden, ihn kostengünstiger anzubieten. Wie das funktionieren kann, sieht man z.B. an dem Weg, den man beim Europass-Lebenslauf und beim europäischen Sprachenpass geht.