Die hilfreichsten Kundenrezensionen
|
|
12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Wunderbar politisch unkorrekt., 7. Juni 2007
"Problemski Hotel" ist ein kurzes, stilistisch hervorragendes und wichtiges Buch, geht es doch ohne falsch verstandene Diskretion und "politische Korrektheit" an ein bedrückendes Thema heran: Das Elend von Flüchtlingen, auch und gerade nach ihrer Ankunft im vermeindlichen Europaradies.
Aus der Ich- Perspektive erzählt, findet es bereits den richtigen Einstieg, als der Protagonist, ein Photoreporter aus Afrika, ein sterbendes, afrikanisches Kind fotografieren will, weil er sich das Bild seines Lebens - und somit zahlreiche Dollars - erhofft.
Nach nicht näher ausgeführten Querelen landet er schließlich in einem belgischen Asylbewerberheim. Dort zeichnet der Autor zahlreiche bedauernswerte, aber durchweg liebenswerten Figuren aus allen Ecken der Welt, die, der Willkür der Einwanderunsbehörde ausgeliefert, ihrem Schicksal harren, welches in der Regel Ausweisung bedeutet. Der skurrile Alltag, zwischen Gewalt, Alkohol, unglaublicher Langeweile und der verzweifelten Suche nach Halt wird intensiv geschildert. Immer wenn man erwartet, nun ein wenig Wärme und "Happy End"- Stimmung entdeckt zu haben, schlägt der Autor einem mit lakonischen, wunderbar zynischen Wendungen die Tür vor der Nase zu. Derart bösartige Kommentare, wie sie der Ich- Erzähler platziert, liest man im Zusammenhang mit der sensiblen Thematik Zuwanderung nicht oft. Der Autor hält damit diesem "Westen" den Spiegel vor, der gerne Humanismus predigt, aber mit dem Argument "Zu Hause ginge es ihnen auch nicht besser" in Institutionen wie dem beschriebenen Heim oft an der Grenze der Menschenwürde im Umgang mit den Betroffenen surft.
Das kurze Buch, welches eine schriftstellerisch besonders gelungene Pointe ganz am Schluss bietet, nebst einem informativen Nachwort über seine Entstehung, sollte vor allem von jungen Menschen gelesen werden. Die Zustände, die es schildert, müssen geändert werden.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
sollte Schule machen, 5. Oktober 2009
"Problemski Hotel" ist ein tolles Buch mit einem tollen Titel. Lakonisch, sarkastisch und immer mit feinem Humor unterlegt schildert der Autor das Leben ganz am Rand unserer Gesellschaft. Im Problemski Hotel, dem belgischen Heim für Asylbewerber begegnet der Leser gemeinsam mit dem Ich-Erzähler einer Reihe von Menschen, die sich in unsere Gesellschaft retten wollen - und noch nicht wissen, ob diese Rettung wohl gelingen wird, bzw. bereits ahnen, dass sie zum Opfer der Ausweisungsbehörden werden werden. Sie hängen gewissermaßen noch über der Klippe, der Absturz (d.i. die Ausweisung) droht jederzeit.
Dies ist ein schwieriges Thema, und die Gefahr des Sozialkitsches liegt sehr nahe. Aber hier wird alles, was auch nur im Entferntesten danach aussehen können, genial umschifft. Pointiert werden Alkohol, Langeweile und Verzweiflung, die drei Hauptfeinde der Asylbewerber, zum Motor des Romans gemacht. Nie ist die Schilderung des Alltags in diesen Heim Langweilig oder öde, immer findet der Autor Worte und Begriffe, die in ihrer trockenen Lakonie kaum zu übertreffen sind und uns Lesern jede Überheblichkeit austreiben.
Ein kurzes, aber wichtiges und sprachlich meisterhaftes Buch, das auch und gerade im Schulunterricht eingesetzt viel bewirken könnte.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Bitter, böse und berührend, 16. August 2006
Was spielt sich eigentlich hinter den Zäunen und Mauern eines Asylbewerberheims ab? Wie leben die Menschen, die voll ängstlicher Hoffnung auf einen Neuanfang für unbestimmte Zeit in Containern und Baracken hausen? Wovon träumen sie?
Dimitri Verhulst hat für Recherchen einige Zeit in einem Asylbewerberheim gelebt und seine Erfahrungen in diesem Roman verarbeitet. Der Ich-Erzähler Bipul Masli ist ein ehrgeiziger Fotograf mit bemerkenswert geringer emotionaler Intelligenz. In der brillanten Eingangsszene fotografiert er ein verhungerndes Kind und denkt dabei an nichts anderes als den Erfolg, den ihm dieses Bild bescheren wird. Bereits im Alter von zwölf Jahren legte er den Grundstein für seine Karriere als Fotograf: Zufällig drückte er auf den Auslöser seiner neuen Kodak-Kamera, als eine Revolverkugel seine ältere Schwester mitten in den Kopf traf. Jetzt möchte er in Europa Karriere machen, hat in Belgien Asyl beantragt und harrt der Entscheidung.
'Mit etwas Glück bekommst du in Brüssel eine Viertelstunde Zeit, um zu erklären, warum du in deiner Heimat gefoltert worden bist, warum sie dein Haus in Brand gesteckt und deine Töchter vergewaltigt haben, warum du ungebetenen Besuch von Räubern und Plünderern bekommen hast, warum sie vor deinen Augen deine Mutter verprügelt und die Gedärme deines Vaters den Hunden vorgeworfen haben... und nachdem du monatelang Däumchen gedreht und vor Langeweile die Maulsperre gekriegt hast, bekommst du einen Brief. Ein Blatt Papier. Mehr Unterschrift als Text.'
In kurzen Kapiteln erzählt er von seinen Mitbewohnern im Asylbewerberheim. Da ist Anna, die schon mal für ihre künftige Tätigkeit als Prostituierte übt - für den Fall, dass es mit dem Asylantrag nicht klappt. Da gibt es die kickboxenden Tschetschenen, die jeder gern auf seiner Seite haben möchte, den Kashmiri Masqood, der verzweifelt eine belgische Frau sucht und die minderjährige Lídia, die ohne Verwandte eingetroffen ist und ihrer Mutter am Telefon von ihrem Leben in London vorschwärmt. Sie kriecht nachts in Bipuls Bett.
Es gibt Afghanen und Somalier, Ukrainer und Usbeken. Die politischen Flüchtlinge verachten die Wirtschaftsasylanten. Ihre Flüchtlingstransporte bestellen sie per Handy. Die dürfen sie behalten. Ansonsten bekommen sie schlechtes Essen, überhaupt zu wenig Essen, eine Schachtel Zigaretten pro Woche, und wenn sie über ihre Haare stolpern einen Friseurgutschein. Um Nachrichten aus der Heimat müssen sich alle Nationen streiten, denn es gibt nur einen Fernseher. Sie machen sich einen Spaß daraus, wer das Essen am längsten im Mund behalten kann - damit die Zeit vergeht. Sie warten. Wochen, Monate, Jahre vergehen, bis der ersehnte Bescheid kommt. Ist es eine Absage, legen sie Widerspruch ein und fürchten sich Tag für Tag mehr vor der Ausweisung.
Kurioses, Spaß und Schrecken liegen hier dicht beieinander. Sarkastisch, bitter und unterhaltsam schreibt Verhulst, mit einem Humor, der sich oft am Abgrund bewegt. Man könnte Magengeschwüre kriegen, wenn man liest, wie die Kundinnen beim Frisör über den Asylbewerber reden, der um einen Haarschnitt bittet - als wäre er ihrer Sprache nicht mächtig. Man verfolgt ungläubig, mit welcher Kaltschnäuzigkeit Masli das Bild des verhungernden Kindes arrangiert und kalkuliert, wie viel Zeit er noch haben wird, bis es gestorben ist. Man amüsiert sich prächtig über Masqoods Bemühungen in Diskotheken und Eheanbahnungsinstituten. Und man hofft bis zum letzten Moment, dass niemand es übers Herz bringen wird, Martinas Neugeborenes, das bei einer Vergewaltigung entstanden ist, den Hals umzudrehen.
Am Ende spannt der Autor den Bogen zurück zum Fotografen Masli und macht eindrucksvoll deutlich, wie tief er als Asylant gesunken ist. Ein großartiger, kleiner Roman, der Einblicke in eine Welt gibt, die nicht weit von uns existiert, über die aber kaum jemand etwas Genaues weiß. Gekonnt geschrieben und intelligent konstruiert. Schwarzer Humor vom Feinsten.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich?
|
|
|
|
|
|
Die neuesten Kundenrezensionen
|