Was spielt sich eigentlich hinter den Zäunen und Mauern eines Asylbewerberheims ab? Wie leben die Menschen, die voll ängstlicher Hoffnung auf einen Neuanfang für unbestimmte Zeit in Containern und Baracken hausen? Wovon träumen sie?
Dimitri Verhulst hat für Recherchen einige Zeit in einem Asylbewerberheim gelebt und seine Erfahrungen in diesem Roman verarbeitet. Der Ich-Erzähler Bipul Masli ist ein ehrgeiziger Fotograf mit bemerkenswert geringer emotionaler Intelligenz. In der brillanten Eingangsszene fotografiert er ein verhungerndes Kind und denkt dabei an nichts anderes als den Erfolg, den ihm dieses Bild bescheren wird. Bereits im Alter von zwölf Jahren legte er den Grundstein für seine Karriere als Fotograf: Zufällig drückte er auf den Auslöser seiner neuen Kodak-Kamera, als eine Revolverkugel seine ältere Schwester mitten in den Kopf traf. Jetzt möchte er in Europa Karriere machen, hat in Belgien Asyl beantragt und harrt der Entscheidung.
'Mit etwas Glück bekommst du in Brüssel eine Viertelstunde Zeit, um zu erklären, warum du in deiner Heimat gefoltert worden bist, warum sie dein Haus in Brand gesteckt und deine Töchter vergewaltigt haben, warum du ungebetenen Besuch von Räubern und Plünderern bekommen hast, warum sie vor deinen Augen deine Mutter verprügelt und die Gedärme deines Vaters den Hunden vorgeworfen haben... und nachdem du monatelang Däumchen gedreht und vor Langeweile die Maulsperre gekriegt hast, bekommst du einen Brief. Ein Blatt Papier. Mehr Unterschrift als Text.'
In kurzen Kapiteln erzählt er von seinen Mitbewohnern im Asylbewerberheim. Da ist Anna, die schon mal für ihre künftige Tätigkeit als Prostituierte übt - für den Fall, dass es mit dem Asylantrag nicht klappt. Da gibt es die kickboxenden Tschetschenen, die jeder gern auf seiner Seite haben möchte, den Kashmiri Masqood, der verzweifelt eine belgische Frau sucht und die minderjährige Lídia, die ohne Verwandte eingetroffen ist und ihrer Mutter am Telefon von ihrem Leben in London vorschwärmt. Sie kriecht nachts in Bipuls Bett.
Es gibt Afghanen und Somalier, Ukrainer und Usbeken. Die politischen Flüchtlinge verachten die Wirtschaftsasylanten. Ihre Flüchtlingstransporte bestellen sie per Handy. Die dürfen sie behalten. Ansonsten bekommen sie schlechtes Essen, überhaupt zu wenig Essen, eine Schachtel Zigaretten pro Woche, und wenn sie über ihre Haare stolpern einen Friseurgutschein. Um Nachrichten aus der Heimat müssen sich alle Nationen streiten, denn es gibt nur einen Fernseher. Sie machen sich einen Spaß daraus, wer das Essen am längsten im Mund behalten kann - damit die Zeit vergeht. Sie warten. Wochen, Monate, Jahre vergehen, bis der ersehnte Bescheid kommt. Ist es eine Absage, legen sie Widerspruch ein und fürchten sich Tag für Tag mehr vor der Ausweisung.
Kurioses, Spaß und Schrecken liegen hier dicht beieinander. Sarkastisch, bitter und unterhaltsam schreibt Verhulst, mit einem Humor, der sich oft am Abgrund bewegt. Man könnte Magengeschwüre kriegen, wenn man liest, wie die Kundinnen beim Frisör über den Asylbewerber reden, der um einen Haarschnitt bittet - als wäre er ihrer Sprache nicht mächtig. Man verfolgt ungläubig, mit welcher Kaltschnäuzigkeit Masli das Bild des verhungernden Kindes arrangiert und kalkuliert, wie viel Zeit er noch haben wird, bis es gestorben ist. Man amüsiert sich prächtig über Masqoods Bemühungen in Diskotheken und Eheanbahnungsinstituten. Und man hofft bis zum letzten Moment, dass niemand es übers Herz bringen wird, Martinas Neugeborenes, das bei einer Vergewaltigung entstanden ist, den Hals umzudrehen.
Am Ende spannt der Autor den Bogen zurück zum Fotografen Masli und macht eindrucksvoll deutlich, wie tief er als Asylant gesunken ist. Ein großartiger, kleiner Roman, der Einblicke in eine Welt gibt, die nicht weit von uns existiert, über die aber kaum jemand etwas Genaues weiß. Gekonnt geschrieben und intelligent konstruiert. Schwarzer Humor vom Feinsten.