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Jan Wagner: «Probebohrung im Himmel»
In der Lyrik dieses jungen Autors Jan Wagner, 1971 in Hamburg geboren, ist bisher mit Übersetzungen hervorgetreten flaniert oder reist ein sensibles Ich durch die Welt, es sieht genau hin und erblickt unter der Oberfläche der Erscheinungen (oder auch auf ihr) das, was nicht jedem ins Auge springt. «Haute Coiffure»: Wenn die Schere «zwitschert» und nicht klappert, entspricht diese Synästhesie den «roten nägeln» der Friseuse, mit denen das Ich unterm weissen Tuch es erfreulicherweise zu tun hat; es entsteht eine Situation konspirativ-verschwiegener Erotik («dienerschar von cremes und flakons», «die flusen [. . .], ein stiller mob mit einem alten wissen»), und wenn am Schluss «in mir [. . .] der wolf an seiner kette» reisst, scheint das Ich in akuter Gefahr; das jedenfalls signalisiert das sich sträubende «nackenhaar», «frisch geschnitten».
In der «Kollwitzstrasse», in Berlin-Prenzlauer Berg also, stellt sich das Bäumesterben einmal ganz anders dar: «wer nicht kämpft stirbt auf raten, flüstert die hauswand / den alten kastanien zu in deren ohren / jahrhunderte wie dicke pfropfen stecken.» Wer nicht hören will, muss also längst nicht immer fühlen: Beharrlich trotzen die Kastanien der Sturmflut der Zeit; die wechselnden Parolen gehen sie nichts an.
In den «Gaststuben in der Provinz», andererseits, scheint die Zeit zäh auf der Stelle zu treten: «hinter dem tresen gegenüber der tür / das eingerahmte foto der fussballmannschaft: / lächelnde helden, die sich die rostenden nägel / im rücken ihrer trikots nicht anmerken lassen.» Genau genommen stecken die Nägel natürlich nicht in den Trikots der Fussballspieler, sondern in der Wand, während der Rahmen des Fotos es ist, der an ihnen hängt: Doch die «rostenden nägel» verweisen auf den Gekreuzigten, und das ganze Bild damit auf die profanen Ikonen eines Milieus, das den Wandel trotzig negiert.
Jan Wagner hat diesen Gedichten einen präzisen, knappen Rhythmus unterlegt; nichts Modisches ist darin, aber viel Zeittypisches; nichts Willkürliches, aber viel Spontaneität; nichts Trüb-Melancholisches, aber doch viel Weiches sie offenbaren einen frischen, bestechend assoziierenden Blick auf das, was heute bemerkenswert ist.
Martin Krumbholz
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