Worum geht es bei diesem Brettspiel?
Jede/r Spieler/-in beginnt mit 20 Florin (die Währung), erkauft sich Segelkarten und benutzt diese um verschiedene Häfen auf dem Spielbrett ansteuern zu können. Dort angekommen kann er Warenhäuser errichten oder möglicherweise eine Festung bauen. Kurz gesagt stellen die Aktionen "Segelkarten erwerben", "Segeln" und "Bauen" der Spieler/-innen eine Runde dar, mehrere Runden sind eine Phase, am Ende einer Phase erfolgt ein Zahltag und insgesamt läuft das Spiel drei Phasen: Also recht übersichtlich. Die Segelkarten kosten unterschiedlich und ermöglichen verschiedene Routen. Ebenfalls unterschiedlich sind die Baukosten in den Häfen, aber dafür auch der Auszahlwert beim Zahltag. Interessant ist das System der Wertbemessung: Zunächst steigt mit jedem Warenhaus der Auszahlbetrag (nur die beiden meist vertretenen Spieler in dem jeweiligen Hafen erhalten Geld, die anderen Spieler gehen in dem Hafen leer aus), dann aber bricht ab einem bestimmten Punkt die "Inflation" aus und die Auszahlbeträge sinken wieder. Neu gebaute Warenhäuser führen in den Häfen wiederum ab einer gewissen Zahl zur Schließung der vorher errichteten.
Klingt kompliziert? Ist es nicht - in manchen Häfen erhält man mit wenig Baukosten die Mehrheit und recht viel Geld, in anderen rangelt man sich. Und man kann "wertvolle" Häfen durch weiteres Bauen in der Ausgabe mindern, um andere Spieler zu ärgern.
Klingt bekannt? El capitan ist eine Neuauflage von Tycoon, da waren es aber Tanker anstelle von Segelschiffen im Mittelalter.
Ebenfalls erhält man Florin für eine möglichst breite Präsenz in allen Häfen. Die Handlungsmöglichkeiten sind also übersichtlich, der Zufall besteht eigentlich nur darin, welche zu kaufenden Segelkarten nachgezogen werden, der Rest des Spiel besteht aus der Taktik der Spieler/-innen. Und das mit Spaß! Gewinner ist, wer die meisten Florin am Ende sein Eigen nennt.
El Capitan kann von 2 bis 5 Spielern gespielt werden (ich kenne es nur zu viert und zu fünft) und verläuft für ein Brettspiel relativ flott: 60 bis 90 Minuten sind eigentlich maximal. Die Box besteht aus dem Grundspiel und drei weiteren Städtetafeln als Erweiterung zum Spielplan, die optional ein paar Besonderheiten mitbringen, z.B. ein lustiges Piratenschiff, mit dem sehr viel an Strategie durcheinander gerät). Das Artwork sieht sehr schön aus (boardgamegeek.com - dort gibt es Bilder zum Spiel), ist aber etwas dunkel geraten. Leider sind die Segelkarten wie heutzutage typisch etwas dünn - bei langjährigem Spielen & Mischen werden die Kanten sicher anstoßen (ich suche noch nach passenden Schutzhüllen wie für Sammelkartenspiele). Dafür einen Punkt Abzug.
El Capitan ist ein einfaches solides Handelsspiel: Segelkarten erwerben und ausloten, ob neue Häfen erschlossen, in erschlossenen weitere Warenhäuser erbaut werden (um Mehrheiten zu erlangen für die Auszahlung) oder in anderen Häfen durch den Bau von neuen Warenhäusern vorhandene Warenhäuser anderer Spieler zum Schließen dieser führt (und somit Mehrheiten verloren gehen oder auch der Gewinn der in dem Hafen führenden Spieler sinkt). Achso, zwangsweise geschlossene Warenhäuser können wieder eröffnet werden, wenn man erneut in den Hafen segelt und noch Platz vorhanden ist. In keinem Hafen können beliebig viele Gebäude gebaut werden! Das sind eigentlich die Handlungen. Eine bevorzugte Gewinnstrategie haben wir nicht gefunden, somit ist Spielspaß wohl auch weiterhin lange möglich.
Es besteht also einiges an Interaktion ohne zuviel über die möglichen Spielzüge der anderen zu grübeln. Das Spiel ist bei weitem nicht so komplex in seiner Spieltiefe wie Imperial, glücksabhängiger als Caykus (aber nicht spielentscheidend) und interaktiver als Puerto Rico. Ich halte es in der Komplexität mit "Im Jahr des Drachen" und "Die Säulen der Erde" vergleichbar, finde es aber besser als beide genannten, weil die Abläufe sich bei "Im Jahr des Drachen" und "Die Säulen der Erde" regelmäßig irgendwie in unseren Runden wiederholen (A macht diese Strategie, B macht deswegen dies und daher muss ich...) - El Capitan ist da innerhalb seiner Spielmechanik immer wieder anders. Es fehlt aber ein "peppiges" Element, wie z.B. die Versteigerungen bei Funkenschlag oder taktischen Möglichkeiten von El Grande, um die volle Punktzahl von mir zu erhalten.
Die Kategorie "pädagogisch wertvoll" finde ich nicht nachvollziehbar - also bewerte wie die Gesamtbewertung.
Anscheinend ist El Capitan zum falschen Zeitpunkt heraus gekommen - es konnte sich trotz anständiger Kritiken nicht wirklich am Markt durchsetzen und wird jetzt im Vergleich zum damaligen Ladenpreis quasi "Verramscht". Schade für das gute Spiel - angenehm für Käufer. Zugreifen!