Ich habe sehr an diesem Buch gezweifelt. So viele begeisterte Rezensionen im Web? Um was geht es in 'Prinz der Dunkelheit' (im Original weniger dramatisch 'Prince of Thorns')?
Rezensionen schienen meine Vorurteile zu bestätigen: Bei aller Begeisterung ging aus jeder hervor, dass der im Lauf der Handlung nur 10-15 Jahre alte Prinz Jorg von Ankrath ein menschenverachtender, kalter, von Rache getriebener Psychopath ist. Hier drängte sich mir unwillkürlich ein Vergleich zu Joe Abercrombie und Richard K. Morgan auf. Abercrombies Charaktere sind oft liebenswert verschrobene Freaks, was sie auch interessant macht. Allerdings ging der Witz seiner ersten Trilogie in folgenden Bänden meiner Einschätzung nach verloren und es blieben auf Dauer leider ermüdende seltsame Freaks übrig. Richard K. Morgan hat sich nie davor gescheut, Sex und Gewalt ungeschminkt zu präsentieren. Allerdings ging er in 'The Steel Remains' und in ersten Auszügen von 'The Cold Commands' zu weit. Brutale Gewalt um ihrer selbst willen ist mir nichts.
Mark Lawrence ist auch ein Brite. Ein Newcomer, zumindest hatte ich vorher noch nichts von ihm gelesen. Würde er in eine ähnliche Kerbe schlagen? Ja, und auch wieder nicht. Die Story ist intelligent, hat einige oft wirklich überraschende Twists die stets Ungereimtheiten erklären, die sich zuvor im Handlungsverlauf ergeben haben.
Der Prinz ist ein übler Bastard. Besonders wenn gute Menschen sich für ihn opfern. Das Buch beginnt mit einer brutalen Plünderung, Bauern werden getötet, ihre Töchter vergewaltigt und ihr Dorf gebrandschatzt. Und das alles weil Jorg als Kind in ein Dornendickicht geworfen wurde. Dick genug um ihn schwer zu verletzten, aber keiner suchte ihn darin, was ihm das Leben rettete. Die Männer Graf Renars töteten und vergewaltigten seine Mutter und seinen kleinen Bruder William vor seinen Augen. Sein königlicher Vater musste schließlich aus politischen und taktischen Erwägungen Frieden schließen mit Renar und heiratete eine neue Frau. Etwas in Jorg zerbrach.
Hier wollte ich fast schon aufhören zu lesen. Ein brutaler Racheplot, nein wie originell! Zum Glück tat ich es nicht. Jorg wird den Leser oft abstoßen, und dennoch fesselt er. Er ist tapfer und wagemutig, seine Pläne sind so brilliant wie seine Begleiter ein bunter Haufen aus Abschaum und rührend treuen Gefolgsleuten. Was mir besonders gefällt ist die hochmittelalterliche Welt die elegant mit Einflüssen aus Moderne und Antike verbunden wird. Jorg kennt Nietzsche, es gibt auch Dinge wie 'Erbauerstahl', aber von Computern und moderner Technik hat niemand mehr Ahnung. Bis auf die Magier/Zauberer/Hexer, die hinter vielen der hundert Könige stecken und sie heimlich beeinflussen. Magie ist sehr subtil in diesem Buch. Traumhexer treiben ihre Opfer mit Alpträumen in den Wahnsinn oder senden Meuchelmörder, während diese im Traum gefangen sind.
Der Prinz hat Rache an Graf Renar geschworen. Er hat ein gespaltenes Verhältnis zu seinem Vater, der in ihm nur eine Bedrohung der Thronfolge sieht. Aber er wird es schaffen. Bis zum Alter von fünfzehn Jahren wird er König sein. Und mit zwanzig will er Kaiser sein. Vielleicht schafft er es in möglichen Folgebänden auch das Herz der faszinierenden Prinzessin Katherine zu gewinnen, die ihn leider aus guten Gründen hasst.
Jorg ist böse, aber man kann ihm einfach nicht böse sein. Jemand der im Bett Schlachtpläne schmiedet während er auf dem nackten Hintern einer Hure ein Buch liest, unersetzliche Kunstobjekte spontan als Ablenkungsmanöver demoliert und sogar Untoten das Grauen lehrt ist einfach bemerkenswert. Mark Lawrence ist es gelungen, einen bösen Charakter liebenswert zu machen und ihn auf eine gewitzte, abwechslungsreiche und spannende Reise zu schicken. Ich habe das Buch innerhalb von nur zwei Tagen gelesen, so gut hat es mir gefallen.