Ich muss meinem Vorrezensenten teilweise recht geben: Die Präsentation dieses legendären Märchenfilmes ist gewöhnungsbedürftig. Das oft fleckige Bild erinnert an eine alte Kinokopie. Doch ich mag das. Gerade im alles aufpolierenden BluRay-Zeitalter. Vor allen Dingen aber hat diese DVD einen sehr großen und nicht zu unterschätzenden Vorteil: Sie verwendet die DEFA-Synchronisation und nicht die für die ARD hingeschludderte. Mir war nur die letztere bekannt, doch ich verspürte bereits als Kind Unbehagen ob der stellenweise modernen Sprache.
Wie bei Disney
Gleich den Disney-Neusynchronisationen der Klassiker Schneewittchen, Pinocchio und Bambi, so atmet auch die bundesdeutsche TV-Fassung den verstaubten Mief der 68-er Revolution: Alles dunkel-bedrohliche, alles vermeintlich alte wird aus der Sprache verbannt. Ja schlimmer noch, ein paar Mal setzte die ARD sogar die Schere an und schnitt Szenen weg. Die hier vorliegende DEFA-Fassung tut das nicht. Auch die Sprache ist wohltuend märchenhaft und die Sprecher, u.a. die spätere Standardstimme von Indiana Jones alias Harrison Ford, Wolfgang Pampel, beherrschen noch die hohe Kunst der Deklamation. Absolut lippensynchron gestalten sie ihre Rolle. Auch sind in der DEFA-Fassung einige Details jetzt endlich logisch, weil richtig übersetzt und im richtigen Kontext.
Die DEFA-Fassung ist authentischer
Somit durfte ich die Abenteuer des Prinzen Bajaja vollkommen neu bzw. so erleben, wie es sich der Regisseur gedacht hatte. Das letzte Mal sah ich den Film Anfang der 70er Jahre als Zweiteiler in der ARD. Auch "Drei Nüsse für Aschenbrödel" wurden häufig in zwei Teilen gesendet. Da es noch keine Videorekorder gab, haben wir den Ton der tschechischen Klassiker auf Kassette aufgenommen und die Sachen dann nachgespielt:-) Trotz der gemilderten ARD-Fassung war mir "Prinz Bajaja" sehr unheimlich in Erinnerung und ich war überrascht, wie deckungsgleich diese, meine Kindheitserinnerungen mit dem tatsächlichen Film sind:
Das in schwarze Schleier gehüllte Schloss mit dem schwarzen Opferteppich. Die einsame Kutsche im Tannenwald. Die weiß gewandete Prinzessin im Farnfeld. Das alte Mütterchen, das den weisen Rat gibt: "Der Weg zur Hölle ist leicht und geht bergab. Der Weg in den Himmel ist steinig und führt bergauf." Und natürlich das Pferdchen mit seinen goldenen Hufabdrücken. Dann der Hofball, wo auf einmal das Fenster aufspringt und der Drache zu hören ist. Letzteren fand ich allerdings heute etwas misslungen. Er röchelt wie ein verstopftes Klo.
Traumhafte Bilder - opernhafte Musik
Atmosphärisch dichter sind da die Natureinstellungen - stets ein wesentliches Merkmal der tschechischen Märchenfilme. Wie sich die Krähenschwärme ballen und erschreckt aufflattern beim Drachenkampf, der Ritt des Prinzen durch Wälder, über Wiesen und Felder, die Tränke am Felsbach im Morgennnebel. Derart romantische Bilder lassen auch bei Erwachsenen Märchenstimmung aufkommen und versöhnen mit dem recht freien Umgang mit der Bozena Nemcova-Vorlage. An letztere hielt sich mehr der Puppenfilm von Jiri Trnka, den es aber leider nirgendwo zu erwerben gibt. Ergänzt wird die lyrische Stimmung des Filmes durch die an Wagner geschulte Musik von Vladimir Sommer - komponiert als Symphonie für den großen Konzertsaal. Wie schön wäre es, wenn auf dieser DVD auch der Soundtrack angeboten würde.
Fazit: Der neben "Drei Nüsse für Aschenbrödel" und "Die kleine Meerjungfrau" gelungenste tschechische Märchenfilm! Ein schönes Wiedersehen!