Wer kennt es nicht: das Tagebuch der Anne Frank? Entweder man hat es gelesen, oder darüber gelesen oder zumindest schon einmal davon gehört.
In einer fiktiven Biographie wirft Sharon Dogar nun mit "Prinsengracht 263" aus einer anderen Perspektive Licht in das Hinterhaus, in dem Anne Frank und sieben weitere Personen sich zwei Jahre lang versteckt hielten. Es ist die Geschichte von Peter van Pels, dem Jungen, der Anne Frank liebte.
'Vielleicht schäme ich mich, weil es schwerfällt, sich nicht zu schämen, wenn allein die Tatsache, geboren worden zu sein, etwas ist, wofür man getötet werden kann.'
Eigene Meinung:
Darf man das? Darf man ein historisches Dokument als Grundlage für einen Roman nehmen und Fiktion und Wirklichkeit vermischen? Oder entzaubert das in diesem Fall gar den "Mythos" Anne Frank?
Ich bin zwar nicht skeptisch, aber voller Neugierde an Sharon Dogars Roman über den Jungen, der Anne Frank liebte herangegangen, und muss gleich zu Anfang sagen: Ja, man darf und man sollte historisch wichtige und prisante Themen für die Jugendlichen von heute aufarbeiten, damit sie sich wieder mehr damit beschäftigen. "Alte" Bücher gehen in der Masse der Neuerscheinungen fast völlig unter, es werden kaum noch Klassiker gelesen, und ein dermaßen wichtiges Zeitdokument wie das Tagebuch der Anne Frank zur teils ungeliebten Schullektüre verkommen zu lassen ist traurig. Mit Sharon Dogars Roman bekommt also nicht nur eine zweite Person des Hinterhauses in der Prinsengracht eine Stimme verliehen, sondern eine weitere Generation entdeckt die Geschichte von Anne und den anderen Bewohnern durch Peters Stimme vielleicht zum ersten Mal.
Wo wir beim "Tagebuch der Anne Frank" direkt in das Gesicht der lächelnden Anne gucken, gewährt uns das Cover von "Prinsengracht 263" einen Blick in das Hinterhaus. Genauer gesagt auf das winzige Stück Dachboden, dass als einzigster Fleck darin von ein wenig Sonnenlicht erhellt wurde, der Rest lag Tag und Nacht im Dunklen, damit keine Passanten auf der Straße auf die Familien Frank und van Pels aufmerksam wurden, die sich darin über zwei Jahre lang aufhielten.
Es wirkte sich beim Lesen sehr beklemmend auf mich aus, wenn ich dran dachte, dass das Cover den Ausschnitt des Hinterhauses zeigt, der trotz seiner Trostlosigkeit doch der einzige Platz darin war, auf dem man einen Sonnenstrahl abbekam und der einzige Platz, wo man einen Moment Ruhe vor seinen sieben Mitbewohnern suchen konnte.
Natürlich wusste ich von Anfang an, was mit den Franks und den van Pels passiert. Und auch für alle jugendlichen Leser, die zum ersten Mal auf Anne Frank treffen, bleibt das zukünftige Schicksal der acht Hinterhausbewohner nicht lange im Dunkeln: parallel zu der Hinterhausgeschichte, die sich zwischen Juli 1942 und August 1944 abspielt, und deren Kapitel mit dem jeweiligen Datum übertitelt sind (genau wie ein Tagebuch), kommen immer wieder kursiv gedruckte Zwischenspiele, die während Peters Zeit im Lager stattfinden. Peter erzählt also seine Zeit im Hinterhaus rückblickend und somit wird jedem klar, dass die Franks und die van Pels sich nicht bis zum Kriegsende verstecken konnten. Trotzdem saß mir häufig ein Kloß im Hals. Zum einen, weil man in diesem Roman mehr übe die Zeit im Lager erfährt und zum anderen, weil ich die Enge im Hinterhaus besser spüren konnte als bei der Lektüre von Anne Franks Tagebuch. Wie lächerlich wirken doch die eigenen Probleme und Sorgen, wenn man darüber liest, dass es der größte Wunsch einer eingesperrten Person ist, einmal frei auf den Straßen herumlaufen zu können, einmal frische Luft atmen zu dürfen!
Ich muss ehrlich gestehen, dass mir Anne Frank nach diesem Roman sympathischer ist als nach dem Lesen ihres Tagebuches, darin kam sie mir oft sehr altklug und ein wenig eingebildet vor, aber ich denke, es ist normal, dass man jemanden von außen ganz anders betrachtet als von innen. Das Tagebuch ist ja aus Annes Sicht und kommt mir nach "Prinsengracht 263" etwas eindimensional und ichbezogen vor, obwohl sie es wie einen Briefwechsel mit einer lieben Freundin führte und alle ihre Mitbewohner darin vorkamen. Trotzdem hatte ich das Gefühl in "Prinsengracht 263" viel mehr über Annes Familie und die anderen Hinterhausbewohner erfahren zu haben und sie kamen mir dadurch lebendiger und plastischer vor. Annes Schwester Margot - die wohl nie aus dem Schatten ihrer Schwester herauskommt - und der Zahnarzt Fritz Pfeffer wirkten auf mich zwar immer noch etwas blaß, aber Peter und selbst die Eltern beider Familien haben durch dieses Buch richtig ein Gesicht für mich bekommen.
Im Buch kommt es an mehr als einer Stelle zu einer Diskussion über den Glauben. Ich persönlich bin zwar kein gläubiger Mensch, aber die verschiedenen Standpunkte der einzelnen Personen waren trotzdem allesamt nachzuvollziehen, auch wenn ich mich persönlich am besten mit Peter identifizieren konnte, der nicht Jude, nicht Deutscher und nicht Holländer sein will, sondern einfach nur Peter van Pels!
An einigen Stellen hält sich Sharon Dogar nicht im Detail an die historisch verbürgten Begebenheiten oder hat die zeitliche Folge der Hinterhausgeschehnisse geändert, diese künstlerischen Freiheiten sind jedoch alle als Fußnote am jeweiligen Seitenende vermerkt und treten auch nicht allzu häufig auf.
Insgesamt wirkt der Roman frischer und etwas erwachsener als das Tagebuch der Anne Frank. Ein Roman lässt sich in der Regel doch flüssiger als ein Tagebuch oder ein Briefwechsel lesen. Die Sprache ist authentisch und jugendlich und spricht den Leser direkt an, so dass man sich dem Sog der - obwohl bekannten - Geschichte einfach nicht entziehen kann!
'Jetzt bin ich tot, aber wenn du zuhörst, kannst du mich immer noch verstehen.
Wstawac'!
Aufwachen!
Bist du noch da?
Hörst du zu?'
Aufmachung des Buches:
Das Buch ist untergliedert in eine Einleitung und die beiden Teile "Das Hinterhaus" und "Die Lager". Im Nachwort erfährt der Leser mehr über die Schicksale der acht Hinterhausbewohner und findet darüberhinaus eine Liste mit weiterführenden Informationen, die Bücher, DVDs und Internetseiten beinhaltet.
Fazit:
Gegen das Vergessen: Sharon Dogar verleiht der Geschichte der Anne Frank eine zweite - wenn auch fiktive - Stimme. Ich hoffe, ihr Roman macht noch viele Generationen auf das Tagebuch und das Schicksal der Anne Frank aufmerksam und findet vielleicht sogar seinen Weg als Sekundärliteratur in die Schulen.