Spricht man über populäre Spielemarken mit ebenso populären Spiel-Protagonisten, kommt man zu der Erkenntnis, dass bestimmte Game-Charaktere und Publisher/Entwickler nach so vielen Jahren(zehnten) einfach untrennbar zusammen gehören. Was für Nintendo sein altgewährter Super-Klempner Mario, ist im Hause Sega der Rennigel Sonic. Manche Entwickler haben aber auch gleich eine ganze Palette an Videospiel-Helden, die mit jedem Folgetitel noch mehr an Beliebtheit dazugewinnen, sofern die spielerische Qualität stimmt.
Nehmen wir hierzu mal Ubisoft und seine "Lieblinge". Firmenmaskottchen Rayman feiert zur Zeit ein plattformübergreifendes, sehr erfolgreiches Comeback, Schleich-Haudege Sam Fischer hat zuletzt dank physisch härterer Gangart für reiheninterne Frischluft gesorgt, Assassinen mit den Namen Altair, Ezio und Desmond machen Folge in Folge nur noch mehr Lust auf historisch angehauchte Action-Adventures... Ja, und was ist mit dem Persischen Prinzen ? Nach der harten Bauchlandung mit seiner "Cel-Shading-Tour" im Jahre 2008 - welche viele Alt-Fans extrem abgeschreckt haben muss - versucht man nun verzweifelt verlorenen Boden wieder gut zu machen und sich wieder auf die Stärken der "Sands of Time"-Trilogie (SoT) zu besinnen. Nicht die schlechteste Entscheidung, sollte man annehmen, doch der Schritt zum alten Glanz ist nur bedingt geglückt. "Prince of Persia - Die vergessene Zeit" (PoP) fühlt sich teilweise ähnlich an wie die Abenteuer der vergangenen PS2-Ära, besonders die Kraxel- und Sprungakrobatik macht wie eh und je einen Heidenspaß, doch sind das technische Grundgerüst für einen Titel anno 2010 maximales Mittelmaß und die Kämpfe mehr schlecht als recht von "God of War" kopiert.
Die ersten Minuten gehören bei den meisten Spielen zu den Endscheidensten: Baut sich von Beginn an eine gute Stimmung auf, weiss die Story den Spieler sofort an sich zu binden, hat das betreffende Spiel schon das Erste As im Ärmel; wenn nicht, muss es doppelte Folgearbeit leisten, um noch "späte" Spielbegeisterung zu entlocken. PoP verzockt hier schon seine erste Trumpfkarte. Eigentlich soll es ja die Lücke zwischen "Sands of Time" und "Warrior Within" bilden, doch so wirklich mag man es nicht glauben wollen. Dem Prinzen fehlt es gänzlich an Profil (den Nebencharakteren im übrigen auch), die Handlung hat wenig Märchenhaftes, und überhaupt ist die Geschichte derart uninspiriert und beliebig:
Der namenlose Klettermaxe eilt zu seinem älteren Bruder Malik, dessen Königreich just von Feinden angegriffen wird. Im Angesicht der drohendenden Niederlage beschwört der König wider besseren Wissens eine Sandkrieger-Armee herauf, die nun eine noch größere Bedrohung fürs Perserreich darstellt. Es gilt nun den Fluch umzukehren, doch wenn man einen sturen Bruder hat, der alles besser wissen und im Alleingang erledigen will, muss man halt einige Hindernisse, Schalterrätsel und Gegnermassen hinter sich bringen, um die Gefahr noch rechtzeitig abzuwenden.
Ein grandioser Plot. Sollte Schule machen. [Ironie-Modus aus].
Weil die Rahmenhandlung wahrlich keine Bäume ausreisst (und vielleicht sogar zur Schwächsten des gesamten Franchise zählt), heisst es eben den Spielspaß allein aus Leveldesign, Spielmechanik und -struktur zu beziehen. Und schon naht die nächste Ernüchterung.
Die Kletter- und Hüpfeinlagen funktionieren nach wie vor prächtig, die Überwindung diverser Fallen und Abgründe wird PoP-Kenner ebenso erfreuen. Geübtes Geschick mit passendem Timing bleibt weiterhin der Schlüssel zum fortschreitenden Erfolg und Aufbau der Spielmotivation. Zusammen mit der Manipulation der Zeit bzw. der Nutzung der vier Elemente (wie z.B. eingefrorenes Wasser) werden die Level-Abschnitte zwar noch unrealistischer als bisher, dafür aber auch fordernder. Viele neue Ideen gibt es nicht, doch diese Wenigen fügen sich sehr gut in das beschriebene Gameplay ein.
Was die Rätsel anbelangt, so werden Aufgaben geboten, die die eigene Denkerkappe kaum zum Rauchen bringen. Nach einer kurzen Kamerafahrt durch die aktuelle Location liegt die Lösung zu 99% auf der Hand. Manche Abschnitte sind gar dermaßen offensichtlich und einfach zu lösen, die Entwickler hätten genauso gut einen Wegweiser reinstellen können. Hätte den gleichen Effekt gehabt. Und leider Gottes zieht der Schwierigkeitsgrad bis zum Schluss kein Stück weiter an. Sehr schade drum.
Zu den Kämpfen... Erinnert man sich an jene aus den alten PoP-Teilen zurück, bestachen diese durch eine flüssige Eleganz und Choreographie, die sogar im Sprung gegen Wände erstaunliche Attacking-Moves realisieren ließen. Hier dagegen verkommen die Kämpfe gegen träge, gleichagierende Gegner mit Fallobst-Intelligenz zu hektisch-wildem Button-Hämmern in "God of War"-Manier, weil nicht zwei, drei oder vier, sondern gleich zig Gegner auf einmal bezwungen werden müssen. Mal ganz ehrlich: Sowas hat man in keinem PoP vermisst, sowas hatte kein Spiel der Reihe nötig. Frei jeder Taktik, anspruchslos und dank teils chaotischer Kamerawinkel recht unübersichtlich. Daran ändert auch der Fertigkeitenbaum, in welchem durch gewonnene Kämpfe gesammelte Erfahrungspunkte Zauber und erweiterte Lebenskraft/Zeit freigeschaltet werden kann, nichts. Das Masse-statt-Klasse-Prinzip, wie man es kaum besser demonstrieren kann.
Auffallend: Der Spielablauf gleicht einer endlosen Wiederholungsschleife: Rätsel, Kletterparkour, Kampf. Nächster Abschnitt. Rätsel, Kletterparkour, Kampf. Nächster Abschnitt. Rätsel, Kletterp... Ach, so langsam erkennen Sie das Schema auch, gell ?! Ein paar kreative Zusätze und Überraschungsmomente hätten nicht geschadet. Diese unnachgiebige Linearität wirkt heutzutage etwas antiquiert.
Sofern ich nicht falsch informiert bin, baut das Spiel auf die gleiche Grafik-Engine, mit der die "Assassins Creed"-Reihe bestechend detailliert und schön in Bewegung gehalten wird. Ganz offen muss ich sagen: es schockt mich doch ein wenig. Bewegungsanimationen, Figurenzeichnung und Effekte gehen ja noch so gerade in Ordnung, aber der Rest enttäuscht. Böden, Wände, Objekte, Säulen und gigantische Maschinen, fast alles könnte einen Tick schärfer aussehen, stattdessen verschwinden Details in matschigen Texturen. Wer einmal "Assassins Creed" gesehen hat, sieht sofort dass aus der verwendeten Technik deutlich mehr rauszuholen war. Mit der Bildpracht seines zwei Jahre älteren Cel-Shading-Vorgängers kann sich diese Optik jedenfalls nicht messen. Letzterer traf nicht Jedermanns Geschmack, soll wohl so sein, aber er sah definitiv besser aus.
Musikalisch stimmen orientalische Klänge gut ins Szenario ein, über die Soundeffekte kann man auch nicht klagen, außer dass diese etwas mehr Druck vertragen könnten. Mehrere Sprachen stehen in PoP zur Verfügung, daher rate ich dringendst auf die englische Sprachausgabe (in Kombination mit deutschen Untertiteln) auszuweichen, denn die deutsche Lokalisation setzt einem nur unpassende und müde Sprecher vor.
Im Übrigen setzt PoP (wie ich auch schon bei "Assassins Creed 2" und "Splinter Cell: Conviction" festgestellt) keine permanente Online-Verbindung mehr zum Spielen voraus. Ein nach Installation ausgeführter Autopatch über Ubilauncher verschafft da Abhilfe. Kleine Information für jene, denen dieser Punkt wichtig ist.
Fazit:
Zu mehr als einem "nett" kann ich mich nicht durchringen, die Rückkehr des Perser-Prinzen entfacht dazu leider nur leicht verhaltene Spielfreude. Die Story zündet nicht, dem Helden fehlt der spitzbübische Charme der alten SoT-Reihe, die Haudrauf-Action langweilt. Immerhin überzeugt das Grundkonzept aus Kletter- und Akrobatik-Passagen, denn es nimmt den Großteil der Gesamtspielzeit ein. So rettet sich PoP so eben in gehobenes Mittelmaß.