Das Buch setzt sich aus einer etwa 60-seitigen Kritik Franz de Waals an der sog. Fassadentheorie (dazu kommen einige Anhänge), jeweils etwa 20-seitigen Kommentaren von Robert Wright, Christine M. Korsgaard, Philip Kitcher und Peter Singer und einem ca. 20-seitigen Fazit "Der Turm der Moral" (welches mir besonders gut gefallen hat) von Franz de Waal zusammen.
Als Fassadentheorie wird die in der Biologie weit verbreitete Auffassung verstanden, Lebewesen (inkl. Menschen) handelten primär egoistisch. Eine nach außen hin vertretene Moral sei dabei nur eine dünne Fassade, die über einem nichtmoralischen Kern liegt. De Waal bestreitet dies und verweist auf grundsätzliche Ähnlichkeiten zwischen den biologischen Grundlagen der Moral und der Sprache (185). Ein Kind besitze die Fähigkeit, jede Sprache zu erlernen. Entsprechend sei der Mensch grundsätzlich moralfähig, und zwar schon aus biologischen Gründen.
Den Ursprung der Fassadentheorie führt er bis auf Thomas Henry Huxley zurück (195): "Huxley und seine Nachfolger haben versucht, einen Keil zwischen Moral und Evolution zu treiben, eine Haltung, die ich auf eine obsessive Fixierung auf die natürliche Selektion zurückführe. Der Fehler liegt darin zu glauben, dass ein hässlicher Prozess nur hässliche Resultate erzeugen kann (...)."
Moral wird im Rahmen des Buches als ein gruppenorientiertes Phänomen aufgefasst (179), "das aus der Tatsache entspringt, dass wir zum Überleben ein Unterstützungssystem brauchen". Da aber Lebewesen Eigeninteressen bezüglich Selbsterhalt und Fortpflanzung verfolgen, kommt es auch in sozialen Gemeinschaften zwangsläufig zu Interessenkonflikten (180): "Um Kooperation und Harmonie innerhalb der Gruppe zu fördern, setzt die Moral dem Verhalten Grenzen, insbesondere wenn Interessen aufeinanderprallen." Hier sieht De Waal gegebenenfalls unterschiedliche Maßstäbe für die beiden Geschlechter angelegt (181): "Entscheidende Ressourcen (...) sind Nahrung und Paarungspartner, für die Eigentumsregeln, Teilungsregeln und Austauschregeln gelten. Die Nahrung ist am wichtigsten für weibliche Primaten, besonders wenn sie schwanger sind oder Milch geben (was sie die meiste Zeit tun), und Paarungspartner sind am wichtigsten für männliche Tiere, deren Reproduktion von der Zahl der befruchteten weiblichen Tiere abhängt. Dies mag die berüchtigte 'Doppelmoral' zugunsten der Männer erklären, wenn es um eheliche Untreue geht. Frauen hingegen werden in Fällen der Kinderfürsorge oft bevorzugt, was den Vorrang widerspiegelt, welcher der Mutter-Kind-Bindung zugesprochen wird. Von daher sind, auch wenn wir uns um geschlechtsneutrale moralische Standards bemühen, Urteile in der Lebenspraxis nicht über die Biologie der Säugetiere erhaben. Ein funktionsfähiges Moralsystem löst seine Regeln selten völlig ab von den biologischen Imperativen des Überlebens und der Reproduktion."
Als Unterschied zwischen Tieren und Menschen sieht de Waal zum einen die Reichweite moralischen Handelns, welches sich bei Tieren maßgeblich auf die eigene Gruppe beschränkt. Demgegenüber könne der Mensch moralische Maßstäbe abstrahieren und auf die ganze Menschheit oder gar nichtmenschliche Tiere ausweiten. Allerdings hänge eine solche Ausweitung maßgeblich von der Verfügbarkeit der Ressourcen ab (182): "Zwar ist die Ausweitung des Kreises begrüßenswert, doch ist sie begrenzt durch Erschwinglichkeit, das heißt, die Kreise dürfen sich in Zeiten des Wohlstands ausdehnen, werden aber unweigerlich schrumpfen, wenn die Ressourcen schwinden (...). Der Grund dafür ist, dass die Kreise Ebenen der Verpflichtung bezeichnen."
Auf dieses Problem weist auch Mersch in
Evolution, Zivilisation und Verschwendung hin, nämlich in Bezug auf die Gefallen-wollen-Selektion, die die Grundvoraussetzung vieler Moralsysteme sein dürfte: Kommt es zu kritischen Ressourcenengpässen, dürften Demokratie, Zivilisation, Gefallen-wollen, Moral etc. schon bald wieder dominanten Selektionsverfahren Platz machen müssen. Dominante Selektion und Moral schließen sich aber gegenseitig aus.
Daneben unterscheidet de Waal drei Ebenen der Moral:
1. Moralische Gefühle
2. Sozialer Druck
3. Beurteilung und Überlegung
Tieren, und hier insbesondere den Primaten, gesteht de Waal - wie dem Menschen - die beiden ersten Ebenen zu, während er die dritte Ebene als spezifisch menschlich bezeichnet. Insgesamt hält er die Moralfähigkeit des Menschen jedoch für eine homologe Eigenschaft: Sie habe sich nicht parallel und unabhängig (d.h. analog) von der Moralfähigkeit der sonstigen Primaten entwickelt, sondern aus deren einfacheren Formen heraus weiterentwickelt. Aus diesem Grund spricht er auch vom "Turm der Moral".
Einen engen Bezug zur Moral besitzt auch der Altruismus, den er grob in funktional und intentional untergliedert:
- Funktional altruistisch
- Sozial motiviertes Helfen
- Intentionales, gezieltes Helfen
- Egoistisches Helfen (intentionales Streben nach Gegenleistung).
Funktional altruistische Handlungsweisen sind gemäß de Waal auch im Tierreich weit verbreitet, während intentionaler Altruismus vor allem beim Menschen vorzufinden ist. Allerdings scheint er sich dabei auf den reziproken und den Verwandtschaftsaltruismus zu beschränken, während er den auf der Gefallen-wollen-Kommunikation beruhenden (eigentlichen) Altruismus (den Amotz Zahavi als ein biologisches Handicap interpretiert, siehe:
Signale der Verständigung) außen vor lässt.
Das Buch ist insgesamt sehr interessant, allerdings haben mich die verschiedenen Gegenpositionen eher irritiert, zumal sie sich zum Teil nur marginal von der de Waals unterscheiden.