Hans-Dieter Schreebs neuer Roman erzählt die Geschichte des
märchenhaften Aufstiegs der jungen Sängerin Carlotta Vogt aus
Frankfurt zu einer Primadonna allerersten Ranges. Ein wichtiger
Handlungsort ist Baden-Baden in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts:
Hier trifft sich alles, was in der Welt und Halbwelt Rang und Namen
hat, und hier beginnt auch Carlottas Ausbildung bei der Sängerin
Pauline Viardot. Deren Romanze mit dem großen russischen
Schriftsteller Iwan Turgenjew bildet den Hintergrund und auch den
zentralen persönlichen Konflikt des Romans: Carlotta verliebt sich in
den stattlichen Mann und will sein Herz erobern. Allerdings gibt es da
auch den berühmten italienischen Tenor Chigi, der Carlotta anbetet und
für sich gewinnen will. Die enge Beziehung Carlottas zu ihrem Vater,
der ihre Karriere als Sängerin nach Kräften fördert, während die
Mutter dies eher hintertreibt, bildet ein weiteres Konfliktfeld, in
dem Carlotta ihren eigenen Weg finden muss. In der Auseinandersetzung
mit ihrer Freundin Emma und ihrer Großmutter findet Carlotta zunehmend
zu ihrem eigenen Weiblichkeitskonzept, das sich durch Zielstrebigkeit
und Willensstärke und Konzentration auf ihre Karriere als Sängerin
auszeichnet. Hans Dieter Schreeb hat einen großen psychologischen
Roman geschrieben, der in der Tradition Flauberts und Zweigs steht. Er
versteht es sehr gut, Carlotta mithilfe ihres (fiktiven?) Tagebuchs
als reifende weibliche Persönlichkeit zu charakterisieren, die in den
Dialogen und Handlungen sich entwickelt und entfaltet. Carlotta wird
ganz lebendig, man nimmt an ihrem Schicksal teil, ja, sie wächst einem
richtig ans Herz. Die empathische Nähe zur Hauptperson schafft
Spannung, man will unbedingt wissen: Wie geht's weiter? Was passiert
als nächstes? In der Handlung und im Lebenslauf gibt es aber nut
zeitweise Linearität, immer wieder kommt es zu überraschenden
Wendungen und Brüchen, die neue Entwicklungslinien ermöglichen. Nach
"Hotel Petersburger Hof" und "Hinter den Mauern von
Peking" hat Schreeb einen weiteren Roman geschrieben, in dem
starke Frauen im Mittelpunkt stehen, die sich in einer männlich
dominierten Welt behaupten müssen. Ob Frieda, Kaiserinwitwe oder
Carlotta: es sind sämtlich gut gelungene dynamische Frauenporträts,
mit denen sich die Auseinandersetzung für Mann und Frau lohnt. Lieber
Hans Dieter Schreeb, bitte mehr davon!