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Haffner räumt mit den Verteufelungslegenden auf: Weder war die Hybris des Kaiserreiches noch gar das Regime der Nazis genuin preußisch. Haffner zeigt: Der Ur-Preuße Bismarck hatte mit der Reichseinigung von 1871 Preußen den Todesstoß versetzt. Haffner räumt ebenso mit liebgewordenen Vorstellungen auf: Preußens Toleranz zum Beispiel beruht auf Indifferenz. Solange die Leute taten, was von ihnen verlangt wurde, war dem Staat egal, in welche Kirche sie gingen.
Dem Siedler-Verlag ist für die Illustrierung des Taschenbuchs zu danken: Rund 200 Abbildungen machen aus den 535 Seiten auch ein preußisches Bilderbuch. Dabei haben sich die Herausgeber besondere Mühe gegeben, eher unübliche, selten gezeigte Ansichten zu bieten. --Michael Winteroll
Haffner entwirft fesselnd einen großartigen Überblick über die 170-jährige Geschichte Preußens, welches als Großmacht erst seit 1701 bestand und erst unter Friedrich Wilhelm I. (1713-1740) und seinem Sohn und Nachfolger Friedrich dem Großen (1740-1786) zu einer Großmacht heranwuchs. Insbesondere seine religiöse Toleranz und seine hervorragende Verwaltung machen es im 18. Jahrhundert zum modernsten Staat Europas. Mit der Reichsgründung von 1871 beginnt nach Haffner das "lange Sterben" Preußens und nicht umsonst hat Wilhelm I., seit 1861 preußischer König, in der Reichsgründung das Ende Preußens erblickt, wenn der Staat auch erst mit dem Preußenschlag Papens 1932 und endgültig erst mit seiner Auflösung durch die Besatzungsmächte 1947 als Staat zu existieren aufhörte. Haffner zeigt eindeutig, wie unpreußisch Hitler und sein Regime war, welches zunächst durch den "Tag von Potsdam" eine Legitimation zu erlangen suchte, die mit seinen wahren Absichten nichts zu tun hatte. Der Rechtsstaat, der Preußen gewesen ist, wurde als erstes von Hitler abgeschafft. Auch die Attentäter des 20. Juli 1944 - das Attentat ereignete sich exakt 12 Jahre nach Papens Preußen-Schlag und der Entfernung der letzten demokratischen Regierung unter Otto Braun (SPD) - wollten - so Haffner - nicht Preußen, sondern Deutschland retten (S. 499). "Es wäre übertrieben zu sagen, daß niemand dem toten Preußen nachtrauert. Die Trauer der Vertriebenen um verlorene Heimat darf man freilich nicht mit Trauer um den preußischen Staat verwechseln - im gegenteil, es ist bemerkenswert (und bewunderswert), wie leicht und klaglos sie sich in ihre neuen staatsbürgerlichen Verhältnisse gefunden haben. Es gab (und gibt) aber gewiß in Deutschland nach 1945 noch viele Ex-Preußen - nicht nur Heimatvertriebene -, die manches für ihre einstigen Staat Charakteristische schmerzlich vermißten: in der Bundesrepublik die strenge preußische Ordnung und Redlichkeit, in der früheren DDR die trockene preußische Liberalität und Gedankenfreiheit. Nur: "Niemand kann sich auch mit dem größten Aufgebot an Phantasie eine Lage vorstellen, in der Preußen wieder zum Leben erstehen könnte, und niemand kann daher eine Wiedergeburt Preußens ernstlich wünschen, wie viele sich eine Wiedervereinigung Deutschlands gewünscht haben.Die Wiedervereinigugn war vorstellbar, wenn sie auch zeitweise unerreichbar shien, die Wiedergeburt Preußens ist es nicht. Preußen ist tot, und Totes kann nicht ins Leben zurückgerufen werden." (S. 22)
Haffner hat damit sicherlich recht, wie auch die Debatte über das Neuentstehen eines preußischen Bundesstaates anläßlich des Vorschlages des brandenburgischen Sozialministers, das künftige Berlin-Brandenburg in Preußen umzubenennen, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Jahre 2002 gezeigt hat.
Hans-Ulrich Wehler hat in einem bemerkenswerten Aufsatz vom 23.02.2002: "Preußen vergiftet uns: Ein Glück, daß es vorbei ist" die Thesen Haffners aus dem Jahre 1979 - der Erstauflage des vorliegenden Buches - wiederholt und begründet.
Nichtsdestotrotz gehört Preußen zur deutschen Geschichte - und diese sollte man kennen. Dazu hat Haffner mit dieser reich illustrierten plastischen Darstellung beigetragen.
Ich halte das vorliegende Buch neben seinen "Anmerkungen zu Hitler" für sein bestes Buch. Als Ergänzung zu seiner Lektüre empfehle ich die oben genannten Werke von Marion Gräfin Dönhoff, Christian Graf von Krockow und Hans-Joachim Schoeps sowie Haffners - zusammen mit Wolfgang Venohr - herausgegebenes Buch "Preußische Profile".
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