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Preußens Luise: Vom Entstehen und Vergehen einer Legende [Taschenbuch]

Günter de Bruyn
4.1 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"De Bruyn zeichnet ein schillerndes Bild der Verehrung Luises, das er von der napoleonischen Zeit bis in die Kostümfilme der fünfziger Jahre verfolgt." (Financial Times Deutschland)

"Dieser Essayist ist ein großer Zauberer." (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Klappentext

"Ein wichtiges Buch, wunderbar zu lesen, weil de Bruyn so souverän mit diesem Stoff umgeht; wie nebenbei erzählt er und öffnet dabei ständig neue Erkenntnistüren. Und so wird die Lektüre zu einem großen Lesevergnügen."
NDR, Kulturjournal

"De Bruyns Buch ist ein Musterstück historischen Nachdenkens über Preußen am Beispiel dieser ungewöhnlichen Frau, die den preußischen Hof menschlicher machte und doch in ihrem Widerstand gegen Napoleon eine ganz patriotische Preußin war."
Das Parlament

"De Bruyn zeichnet ein schillerndes Bild der Verehrung Luises, das er von der napoleonischen Zeit bis in die Kostümfilme der fünfziger Jahre verfolgt."
Financial Times Deutschland

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Günter de Bruyn, 1926 in Berlin geboren, lebt heute als freier Schriftsteller in einem märkischen Dorf. Seine beiden autobiografischen Bücher "Zwischenbilanz" und "Vierzig Jahre" machten Furore. "Preußens Luise" wurde 2002 mit dem Deutschen Literaturpreis ausgezeichnet. Zu Günter de Bruyns zahlreichen Auszeichnungen zählen der Heinrich-Mann-Preis, der Thomas- Mann-Preis, der Große Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Künste, der Jean-Paul-Preis und, 2002 verliehen, der Deutsche Nationalpreis.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Verflechtungen

Um die außergewöhnliche Verehrung der Königin Luise von Preußen entstehen, andauern und sich über ganz Deutschland ausbreiten zu lassen, mußten verschiedene Ereignisse und Umstände zusammenkommen. Schönheit und Anmut mußten selten gewesen sein auf preußischen Thronen; bürgerliche Tugenden mußten öffentliche Wertschätzung genießen; ein früher Tod mußte die Königin in der Erinnerung jung erhalten, Preußen die schlimmste Niederlage seiner Geschichte erleiden, und die Periode seiner Demütigungen mußte siegreich zu Ende gehen.
Daß aber Luise, die siebente von insgesamt elf preußischen Königinnen, für das Deutsche Reich von 1871 mit dem Hohenzollernkaiser an der Spitze zu einer Art Ursprungsmythos werden konnte, hing sowohl mit dem zu ihren Lebzeiten erstarkenden deutschen Nationalbewußtsein und der besonderen Rolle Preußens in den Befreiungskriegen zusammen als auch - und das in erster Linie - mit ihrem Sohn Wilhelm, der sechzig Jahre nach ihrem Tode deutscher Kaiser wurde.
Passend dazu war die Verflechtung ihres Lebens mit außerpreußischen deutschen Ländern. Sie war eine mecklenburgische Prinzessin, wurde aber in Hannover geboren und hatte ihre Jugend südlich des Mains verbracht. Sie sprach Hochdeutsch mit hessischen Dialektanklängen und war schon als junges Mädchen mit der Mutter des in ganz Deutschland verehrten Goethe bekannt und vertraut gewesen. In ihr verbanden sich, wie man später in völkischer Tonart sagte, »die schlichte Treue und das Pflichtbewußtsein der schweren norddeutschen Stämme« mit der »Herzenswärme und Heiterkeit süddeutschen Blutes«. Und da sie zu den blonden und blauäugigen Schönheiten gehörte, eignete sie sich auch vom Äußeren her für eine Lichtgestalt deutscher Art.

Die schönen Schwestern

In Hannover war die Mecklenburgerin geboren worden, weil ihr Vater, bevor er regierender Großherzog von Mecklenburg-Strelitz wurde, als Gouverneur der Stadt in englischen Diensten gestanden hatte, und ins Hessische war sie mit sechs Jahren geraten, als ihre Mutter, eine geborene Prinzessin von Hessen-Darmstadt, gestorben war. Bei der Großmutter war sie im Darmstädter Alten Palais aufgewachsen und mit siebzehn Jahren in Frankfurt am Main gezielt mit dem preußischen Kronprinzen zusammengebracht worden. Und da die beiden sich ineinander verliebten und der König diese Verbindung wünschte, waren sie wenige Wochen später verlobt.
Am 10. März 1776 war Luise zur Welt gekommen, am 22. Dezember 1793 kam sie als Braut nach Berlin. Den Triumphzug der Einholung durch Bürger und Soldaten erlebte die Siebzehnjährige an der Seite ihrer jüngeren Schwester Friederike, die die Braut des jüngeren Bruders des Kronprinzen war. Schadow war so entzückt von den beiden, daß er ihren hessischen Dialekt als »die angenehmste aller deutschen Mundarten« bezeichnete. Er spricht von einem »Zauber«, der sich durch den Liebreiz der Schwestern über der Residenz ausbreitete und die Berliner durch die Frage entzweite, welche die Schönere von beiden sei. Er selbst entzog sich dieser Entscheidung, indem er beide in seinem heute berühmten Marmorstandbild, der sogenannten Prinzessinnengruppe, vereinte und so Luise, noch bevor sie Königin wurde, als Gebilde der Kunst in die Unsterblichkeit hob.
Für die Ausformung der Luisen-Legende hatte die Prinzessinnengruppe allerdings kaum eine Bedeutung, sieht man von einer indirekten, über die Literatur vermittelten Wirkung ab. Schuld daran war Luises Gatte, Friedrich Wilhelm III., der noch Kronprinz war, als der König das Kunstwerk in Auftrag gegeben hatte, bald nach dessen Fertigstellung aber selbst König wurde und es, wie vieles, das sein Vater getan oder veranlaßt hatte, verwarf.
Johann Gottfried Schadow, 1764 in Berlin geboren, Schüler des Hofbildhauers Tassaert, seit 1788 dessen Amtsnachfolger, hatte schon Meisterwerke wie die Quadriga des Brandenburger Tores und das Zieten-Denkmal für den Wilhelmplatz in Berlin geschaffen, so daß der Minister von Heynitz, als er Friedrich Wilhelm II. vorschlug, die Schönheit der Schwestern von Schadow verewigen zu lassen, ihn mit Recht als einen Künstler bezeichnen konnte, »der jetzt unter allen Bildhauern Europas den ersten Platz« beanspruchen könne. Und der König, selbst vom Reiz seiner Schwiegertöchter beeindruckt, stimmte dem zu.
Getraut wurde Luise, als habe man mit ihrem späteren Heiligenschein schon gerechnet, am Heiligen Abend 1793, ihre Schwester am zweiten Weihnachtstag. Danach wohnten die jungen Paare benachbart, Friedrich Wilhelm und Luise im Kronprinzenpalais Unter den Linden, Prinz Ludwig und Friederike in dem durch einen Torbogen verbundenen Nachbargebäude, das später, da Luises Töchter hier bis zu ihrer Verheiratung lebten, den Namen Prinzessinnenpalais erhielt. Schadow wurde ein Arbeitszimmer im Seitenflügel des Kronprinzenpalais angewiesen, und täglich um die Mittagsstunde kam Friederike, die jetzt Prinzessin Ludwig oder Louis genannte wurde, herüber, um ihm zu sitzen, mit ihm zu plaudern und die Reize ihrer knapp siebzehn Jahre auszuspielen, die manchen Männern des Hofes gefährlich wurden. Ihr Mann aber, der sie nur aus Gehorsam geheiratet hatte und sein Junggesellenleben auch in erotischer Hinsicht weiterführte, machte sich wenig aus ihr.
Die Arbeit mit der Kronprinzessin dagegen war weniger intim und gemütlich. Sie kam immer in Begleitung ihres steifen, mit Zeit und Worten geizenden Gatten, saß dem Künstler auch nicht in seinem Arbeitszimmer, sondern ließ sich von ihm während der Audienzen des Kronprinzenpaares studieren, so daß Schadow von seiner Saalecke her meist nur die offizielle Luise sah.
Zuerst entstanden die Büsten der Schwestern, von denen die Friederikes lebendiger wirkt. Vielleicht ist das auch ein wenig auf die unterschiedlichen Arbeitsbedingungen zurückzuführen, bestimmt aber entspricht es den von Schadow erkannten unterschiedlichen Charakteren der Schwestern. Luise, die ältere, hat trotz ihres jugendlich-vollen Gesichts etwas Feierliches und Hoheitsvolles, der geradeaus gerichtete Blick macht das schöne Gesicht unlebendig. Die pflichtbewußte Königin, zu der sich das lebensfrohe, oft ausgelassene und tanzwütige Mädchen entwickeln sollte, ist hier von Schadow vorweggenommen. Auch das tiefe Dekolleté, das übrigens nach Einspruch des Gatten in einer späteren Fassung verändert wurde, vermittelt keinen sinnlichen Reiz.
Friederike dagegen, vielseitig begabt, aber leichtlebiger und koketter als ihre Schwester, ist bei Schadow, fern von antiken Schönheitsidealen, fern auch von Repräsentation und Etikette, nichts als ein reizendes junges Mädchen, dessen geschlossene Lippen die Andeutung eines Lächelns ziert und dessen seitlich geneigter Kopf Ungezwungenheit zeigt. Sie ist mehr Ika, wie sie in der Familie gerufen wurde, als Frau des preußischen Prinzen. Der Zauber, den sie auf den Künstler ausübte, liegt auch in ihren träumerisch nach unten gerichteten Blicken. Sie ist natürlich, lebendig und ganz gegenwärtig. Hier ist nichts vorweggenommen, nicht die unglückliche Ehe mit Ludwig, nicht die Witwenschaft mit achtzehn Jahren, nicht die Liebschaften, nicht die unstandesgemäße zweite Heirat, die ihre Entfernung vom Hofe bedeutet, und auch nicht die dritte Ehe, durch die sie schließlich Königin von Hannover wird. Ein wenig vom sinnlichen Reiz der Prinzessinnengruppe ist in Friederikes Büste bereits zu sehen.
An dem Doppelstandbild begannen die Arbeiten wenig später, und Schadow fand dabei die bereitwillige Unterstützung der Schwestern. Er durfte aus ihrer Garderobe die seinen Absichten entsprechenden Kleider auswählen, und er hatte das Glück, daß die damalige antikisierende Mode der weiten, hochgegürteten Gewänder ihm die Verbindung von Anmut, Würde und sinnlichem Reiz erlaubte. Sogar maßnehmen durfte er bei Luise und ihrer zierlichen Schwester »nach der Natur«.
In der Akademie-Ausstellung von 1795, die im September eröffnet wurde, waren die Prinzessinnen gleich in zwei Kunstwerken... -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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