Kaum ein Staat ist von derart vielen Seiten als ideologische Rechtfertigung missbraucht worden, wie Preußen. Unter der Hohenzollern-Dynastie aus der Markgrafschaft (später Kurfürstentum) Brandenburg hervorgegangen begann Preußens Aufstieg formal, als sich Kurfürst Friedrich III. als Friedrich I. 1701 zum König in Preußen ausrufen ließ. Da Westpreußen und das Ermland noch unter polnischer Herrschaft standen war es dem frischgebackenen Herrscher unmöglich sich als König "von Preußen" krönen zu lassen. Über Jahrhunderte und Jahrzehnte entwickelte sich Preußen zu einer mitteleuropäischen Großmacht, die sich im Siebenjährigen Krieg sogar gegen eine Allianz aus Frankreich, Österreich und Russland zu behaupten vermochte. 1871 wurde Preußen zum Teil des Deutschen Kaiserreichs und zugleich zur Leitkultur, da es neben einem Großteil der Bevölkerung und Gebiete mit dem preußischen König auch den Kaiser und über den meist auch als Reichskanzler amtierenden preußischen Ministerpräsidenten zu stellen vermochte. Erst am 25. Februar 1947 wurde der Freistaat Preußen durch den Alliierten Kontrollrat schließlich endgültig aufgelöst:
"Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört. Geleitet von dem Interesse an der Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit der Völker und erfüllt von dem Wunsche, die weitere Wiederherstellung des politischen Lebens in Deutschland auf demokratischer Grundlage zu sichern, erlässt der Kontrollrat das folgende Gesetz: Artikel 1 Der Staat Preußen, seine Zentralregierung und alle nachgeordneten Behörden werden hiermit aufgelöst."
Churchill sah in Preußen die "Wurzel allen Übels", doch zugleich war es einer der ersten industriell geprägten Staaten, Heimat großer Universitäten, Museen, doch auch militärisch potent und durchgehend militarisiert, während es eine Sonderstellung im "Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation" anstrebte und selbst die Einhaltung internationaler Verträge den eigenen Interessen unterordnete. Große Reformen wurden durchgeführt und gelobt, wie die Aufnahme der calvinistischen Hugenotten 1685, die allerdings weniger wohltätig als eigennützig gemeint war, galten sie doch als gebildete und willige Arbeiter. So manche Reformen blieben allerdings halbherzig und wiesen Schattenseiten auf, wie die vergleichsweise liberale Presse, die keineswegs frei war und die fortschrittliche Gesellschaft, in welcher sich lange Zeit halbfeudale Strukturen zu behaupten mochten. Beispielgebend für den Aufstieg Preußens kann auch Berlin gelten, das als Hauptstadt zunächst von traditionsreicheren Metropolen wie London, Paris, Rom oder Wien geringschätzig beachtet wurde, aber sich durch Zusammenlegung mit der Nachbarstadt Cölln etablieren konnte und heute der Bevölkerung nach bereits die zweitgrößte Stadt der Europäischen Union ist.
Die krassen Gegensätze in der preußischen Geschichte und dem Mythos Preußen werden vom Historiker und Spiegel-Redakteur für Deutsche Politik, Dr. Klaus Wiegrefe bereits in seinem eröffnenden Essay grundlegend aufgegriffen. Die nachgereihten Aufsätze folgen diesem Beispiel und schaffen ein facettenreiches und umfassendes Bild Preußens, über seine Entstehung, Kultur und Entwicklung von den Kreuzzügen des Deutschen Ordens bis zur vermutlich glorreichsten Zeit unter dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Otto Braun von 1920-1932. Dabei nimmt das Buch als fundierte Einführung viele Anleihen beim britischen Historiker Christopher Clark, der mit Preußen: Aufstieg und Niedergang 1600-1947 ein Standardwerk vorgelegt hat. Mit dem Beitrag "Diener auf dem Thron" und dem Interview "Bollwerk der Demokratie" kommt Clark allerdings auch selbst zu Wort. Auf den Seiten 101-103 findet man sogar Auszüge aus dem Politischen Testament Friedrich des Großen von 1752. Ein Titel den sich Friedrich II. vor allem durch die Schlesischen Kriege und den Siebenjährigen Krieg erworben hat, in denen es ihm gelang sich selbst gegen die Französisch-Österreichisch-Russischen Truppen durchzusetzen. Ergänzend finden sich über das Buch verteilt einige kurze Chroniken, die zusammenfassend noch einmal auf die Preußische Geschichte eingehen.
Fazit:
In groben Zügen, aber teils doch recht detailliert wird Preußens Geschichte fernab des Mythos nachgezeichnet - Als Einführung eindeutig gelungen.