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110 von 111 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Hervorragend, 23. März 2007
Christopher Clarks neues Buch über Preußen ist eine hervorragende Darstellung über Aufstieg und Niedergang Preußens zwischen 1600 und 1947. Er sieht Preußens Geschichte - im Gegensatz zu zahlreichen früheren britischen Historikern - nicht nur als Verhängnis an, welches zum Niedergang Deutschlands geführt habe (etwa im Vergleich zu Shirers monumentaler Studie zum Dritten Reich, die dessen Existenz auf das "preußische" und deutsche Erbe ziemlich undifferenziert zurückführt), sondern ist eine wohltuend differenzierte Darstellung, die nicht nur fesselnd geschrieben ist, sondern sich bemüht, Preußen vorurteilslos darzustellen und zu "erzählen".
Vergleichbar ist das umfangreiche Werk daher am ehesten mit dem - ebenfalls hervorragenden - Band von Sebastian Haffner: "Preußen ohne Legende" aus dem Jahre 1979. Christopher Clark erzählt Preußens Geschichte so "lesbar", dass sowohl Laien als auch Wissenschaftler gleichermaßen Zielgruppe sind. Ein vorzügliches Quellen- und Literaturverzeichnis rundet den gelungenen Band ab.
Preußens Höhepunkt sieht Clark in der Zeit zwischen 1713 und 1786, also den Regentschaften des "Soldatenkönigs" Friedrich Wilhelms I. und seines Sohnes, Friedrichs II. Auch das deutsche Kaiserreich wurde - vor allem mit der Vorrangstellung des Militärs - ein "erweitertes Preußen" mit dem Preußischen König als deutschem Kaiser. So bleibt deshalb zu fragen, ob der Titel des entsprechenden Kapitels: "In Deutschland aufgegangen" wirklich richtig gewählt wurde oder nicht der neu gegründete Staat von 1871 ein erweiteres Preußen-Deutschland gewesen ist, wie es der Autor auch eigentlich darstellt.
Die einzige Kritik, die ich an diesem fulminant erzählten und fesselnden Werk gefunden habe (und daher lediglich mit 4 Sternen bewerte) ist, dass die Sozialgeschichte eindeutig zu kurz kommt; der Schwerpunkt liegt auf der Ereignisgeschichte bzw. brilliant geschriebenen biographischen Essays. Natürlich werden auch die politischen Ideen (etwa der Pietismus) und die einzelnen Mächte im Land (Städte, Landadel) beschrieben. Die Auswirkungen der Industrialisierung kommen jedoch eindeutig zu kurz. Industrialisierung und die damit erzwungene Modernisierung waren wichtige Faktoren, die auch Preußen prägten - die preußischen Güter waren überschuldet und marode, der industriellen Konkurrenz nicht mehr "gewachsen" - und es ist bezeichnend, dass der letzte Anlass zum Sturz von Heinrich Brüning die von ihm gesehene Notwendigkeit gewesen ist, die großen Güter in Ostpreußen zu parzellieren und aufzuteilen, was ihm prompt in der Umgebung Hindenburgs als "Agrarbolschewismus" verübelt wurde.
Es sind - wie oben erwähnt - insbesondere die biographischen Portraits - von den Königen bis zu Politikern wie dem letzten preußischen Ministerpräsidenten in der Weimarer Republik, Braun und auch Hindenburgs, die das Buch lesenswert und interessant machen. Es ist dem Autor in jedem Fall gelungen, das "zwiespältige Bild" Preußens, welches eben nicht nur Aufklärung und Toleranz und die vielgelobten preußischen Tugenden, sondern eben auch durch Militarismus, Maßlosigkeit und auch Selbstüberschätzung (letzteres insbesondere unter Wilhelm II., dem letzten "deutschen" Kaiser) geprägt waren, aufzuzeigen. So ist eine insgesamt wohltuend differenzierte und gut lesbare Studie entstanden, die Haffners Werk und dem grundlegenden Preußen-Buch von Hans-Joachim Schoeps in keiner Weise nachsteht und sicherlich bald zum Standardwerk der Preußen-Werke zählen wird.
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25 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Kein preußischer Sonderweg, 3. Dezember 2007
Clark erzählt die etwa 350-jährige Geschichte Preußens auf "nur" 780 Buchseiten (ohne Anmerkungen), was unweigerlich zu einer gestrafften und fokussierten Darstellung nötigt. Diese Aufgabe bewältigte er meisterhaft - und vor allem neutral und ideologiefrei, was hierzulande kaum möglich erscheint und deshalb einem Angelsachsen vorbehalten bleiben muss.
Der australische Historiker räumt auf mit den offensichtlich konstruierten Zusammenhängen zwischen Preußentum und Nazismus, denn die Nazis beriefen sich zwar auf preußische Traditionen (allerdings nur auf diejenigen, die ins Bild passten), aber die Preußen waren unter den ranghöchsten NSDAP-Mitgliedern zahlenmäßig weit unterrepräsentiert, während im Widerstand insbesondere Mitglieder der traditionellen preußischen Eliten eine bedeutende Rolle spielten. Preußen stand für die Hoheit des Staates, der die Interessen der gesamten Zivilgesellschaft in sich aufnahm. Die Nazis wollten statt des Staates ein völkisches Gebilde.
Clark widerlegt auch die These, dass die Hitlerschen Angriffskriege in der Tradition einer ununterbrochenen Abfolge aggressiver Kriege Preußens stünden. Der Einmarsch Friedrichs II. in Schlesien gründete sich auf Erbstreitigkeiten mit dem Hause Habsburg sowie auf Rivalitäten mit Sachsen. Es drängt sich kein Vergleich mit Hitlers Überfall auf Polen auf. Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 entspann sich um die Deutsche Einheit, welche die Franzosen nicht zulassen wollten. Die Krisen um das Großherzogtum Luxemburg und die spanische Thronfolge beinhalteten zwar die Möglichkeit eines Krieges, er war von Bismarck aber nicht geplant. Frankreich wollte seine privilegierte Stellung in Europa nicht gefährden und erklärte den Krieg, weil es glaubte, ihn zu gewinnen.
Der vielgescholtene preußische Militarismus relativiert sich im Vergleich zu Frankreich und Großbritannien, deren militärische Klubs und Vereinigungen den preußischen Militärvereinen in nichts nachstanden. Interessant ist, dass die Friedensbewegung im Deutschen Reich einen so starken Zulauf hatte wie in keinem anderen Land. Man denke hierbei an eine Friedenskundgebung im September 1911 in Berlin mit 250.000 Teilnehmern, die im Treptower Park demonstrierten.
Preußen war kein exzessiv-revolutionärer Staat wie England und Frankreich, wo Könige geköpft wurden. Nach der - von vielen Historikern als mißglückt bezeichneten - Revolution von 1848/49 wurde Preußen immerhin ein konstitutioneller Staat mit einer liberalen Öffentlichkeit. Die Pressezensur wurde ersetzt durch ein nuancierteres Verfahren der Nachrichten- und Informationssteuerung, so dass nun - theoretisch - jeder Bürger das Recht auf freie Meinungsäußerung in der Presse besaß.
Nicht zu vergessen ist der Reformstaat Preußen, der untrennbar mit den Namen der Minister Hardenberg und Stein, dem "Turnvater Jahn", dem Gründer der Berliner Universität Wilhelm von Humboldt und dem Philosophen Hegel, um nur einige zu nennen, verbunden ist.
Dies sind nur wenige Beispiele und Aspekte aus dem grandiosen Werk Christopher Clarks. Um die ganze Geschichte zu erfahren, hilft nur eines: Unbedingt kaufen und lesen!
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8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Territoriale und andere historische Kuriositäten, 8. Oktober 2008
"Der preußische Sozialminister, Verzeihung, der brandenburgische Sozialminister Alwin Ziel (SPD) schlug gestern vor, das mit der geplanten Fusion von Berlin und Brandenburg entstehende neue Bundesland "Preußen" zu nennen...."
(Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15. Februar 2002)
Die in Inhalt und Umfang nahezu erschöpfenden, bisherigen Rezensionen sind, ungeachtet des Historikerstreites um Rolle und Bedeutung des Staates Preußen für Deutschland, insbesondere in Bezug auf den Nationalsozialismus, sowie anderer Pro- und Kontra-Argumente, um einige interessante Kuriositäten zu ergänzen.
Das Kerngebiet des künftigen Amalgam "Preußen" befand sich in der "Mittelmark", jenem Teil der späteren Mark Brandenburg, inmitten des Siedlungsgebietes der Wenden, des westslawischen Stammes der Heveller. Nahezu 200 Kilometer Luftlinie östlich davon entfernt, außerhalb des Gebietes des "Heiligen Römischen Reiches" entsteht im 13. Jahrhundert ein Staat von Rittermönchen, den Herren des Deutschen Ordens. Im 15. Jahrhundert gerät dieses, nicht nur aufgrund von Nachwuchsproblemen zu einem Anachronismus gewordene, geschrumpfte Territorium unter polnische Oberherrschaft. Als erbliches Herzogtum erhält es mit Preußen eine Bezeichnung, die auf die ursprüngliche Bevölkerung, die Prusai zurückgeht; also jenes baltischen Stammes, der, milde ausgedrückt, von den frommen, wie aggressiven Schwarzkreuzträgern und ihren Siedlern erst christianisiert und schließlich assimiliert wurde.
In der zweiten Hälfte des 16. Jh. wird das Herzogtum von dem mittlerweile zum Kurfürstentum avancierten Brandenburg als eine im Königreich Polen gelegene Exklave erworben. Nachdem sich Kurfürst Friedrich III. mit Rücksicht auf seinen Lehnsherrn, den König von Polen, zunächst zum "König in Preußen" krönen ließ, wenden sich seine Nachfolger nunmehr außenpolitischen Aufgaben zu. Während mit der Eroberung "Westpreußens" und des "Netzedistriktes" eine Landverbindung zum nunmehr Ostpreußen genannten Landesteil geschaffen wird, gerät auch das dort hineinreichende Bistum Ermland in den Besitz der jetzt als "Könige von Preußen" genannten Monarchen. Zwei weitere Teilungen lassen Polen von der Landkarte verschwinden und bescheren dem militaristischen Staatsgebilde die Provinzen "Neu-Ostpreußen" und "Südpreußen" mit der Stadt Warschau. Nach dem ersten Weltkrieg wurde Ostpreußen durch das wieder erstandene Polen erneut zu einer Exklave des mittlerweile führenden deutschen Teilstaates Preußen. Bei der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung (19.01.1919) erhielt die SPD (mit Ausnahme des Ermlandes, das mehrheitlich das Zentrum wählte) in Ostpreußen die absolute, bzw. relative Mehrheit.
Während bei der Wahl zum Deutschen Reichstag (6.11.1932) in weiten Teilen der ehemals sozialdemokratisch dominierten Wahlkreise die rechtskonservative "Deutschnationale Volkspartei" (DNVP) die Mehrheit gewinnt, blieb das katholisch geprägte Ermland in der Hand des Zentrums. Vier Jahre später stimmte mit Ausnahme des Ermlandes und einer kleinen sozialdemokratischen Insel das restliche Ostpreußen mehrheitlich für die NS-Partei, die nach dem Angriff auf Polen das "angegliederte Danzig-Westpreußen" in Hitlers "Großdeutsches Reich" zu integrieren versuchte.......
Durch Artikel I des vom alliierten Kontrollrat am 25. Februar 1947 erlassenen Gesetzes zur Auflösung des Staates Preußen, seine Zentralregierung und aller nachgeordneten Behörden, endet die Geschichte eines deutschen Teilstaates, der jedoch nie, die einheitliche Identität z. B. eines Bayern, Würtemberg oder Sachsen besaß.
Mit seinem "Preußen - Aufstieg und Niedergang" ist Christopher Clarks ein wissenschaftlich-objektives Standardwerk gelungen, das trotz der etwas zu kurz gekommenen "Sozialgesetzgebung & Sozialistenpolitik" Bismarcks mit 5 Amazonsternen zu bewerten, und eine Empfehlung für sein gerade (Oktober 2008) erschienenes zweites Werk "Wilhelm II: Die Herrschaft des letzten Deutschen Kaisers", ist.
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