Wer kennt nicht den 1964 erschienenen Song Oh, Pretty Woman von Roy Orbison, dem vermutlich einzigen Rocksänger mit Schmachtvibrato? Eine Generation später wurde unter der Regie von Garry Marshall das Lied zum Titel-Song eines der erfolgreichsten Filme der Geschichte. Darüber, wie hübsch Julia Roberts im Film war, kann man nicht diskutieren; an Donna Scoggins, dem Body Double von Julia Roberts, ist jedenfalls definitiv nichts auszusetzen.
"Pretty Woman" war 1990 der meistgesehene Film des Jahres und spielte seine Produktionskosten weltweit mehr als 30-mal ein. Die 2009 erschienene HD-Version gab Anlass, sich gut mit Taschentüchern auszustatten und die Cinderella-Story noch einmal anzuschauen.
Frustriert von seinen Frauen und dem ewigen Ringen um einen großen Deal gibt Investmentbanker Ed Lewis (Richard Gere, 40) sein Bestes, um den neuen Sportwagen seines Anwalts zu ruinieren und setzt noch eins drauf: Er gabelt am Hollywood-Boulevard spontan die vermutlich lächerlichste Bordsteinschwalbe auf, die je über die Sterne der Stars gestakelt ist: Aschen-Puttel pur. Wie so etwas in einer romantischen Komödie enden wird, weiß vermutlich jede Zuschauerin schon lange, bevor die Tränen des Glücks fließen.
Wer es durch den Anfang des Films geschafft hat, in welchem wirklich einiges hakelt und die Schauspieler gelegentlich ebenso verkrampft wirken wie die bemühten Späßchen des Drehbuchs, rutscht langsam, aber unweigerlich, mit Ed in die merkwürdige Erfahrung, der gebeugten und zappelnden Vivian mit den strohigen Haaren etwas abzugewinnen.
Tatsächlich schafft es Vivian (Julia Roberts, zarte 22) in der Mitte des Films mit Natürlichkeit und Spontaneität die Herzen zu gewinnen. Ohne Zweifel ist sie, die bis dahin vielleicht unerotischste Liebesdienerin der Weltgeschichte (außer denen, die verhungert sind), der ungeschliffene Stein, der dem Aschenputtel-Film den Glanz verleiht.
Wenn sie erst mal ohne Clownskostüm und Lackstiefel auftreten darf, wenn die Zuschauerinnen sich beim triumphalen Auftritt in der Edelboutique identifizieren dürfen, wenn die Roberts im bezaubernden Punktekleid beim Polo-Turnier wirklich mal wie eine Frau aussehen darf, wenn schließlich Ed das Statusdenken vergisst und - ganz edler Beschützer - dem Kompagnon, der die Ehre der Bordsteinschwalbe nicht respektiert, die Nase bricht, brechen auch die Dämme des Publikums.
Regisseur Garry Marshall vergisst dabei nie, dass eine Identifikationsfigur nicht perfekt sein darf. Mal gackert die Roberts kindisch mit ihrer Freundin, ständig zappelt und buckelt sie durch die Landschaft, die Garderobe sitzt mal mehr, mal weniger. Während Vivian in albernen Szenen zu überzeugen weiß, wirken "dramatische" Momente eher unbeholfen - somit unrealistisch und stören nicht das Wohlbefindensbad des Zielpublikums.
Weihnachtliche Gefühle vermittelt ergänzend der Hotel-Manager Thompson (Hector Elizondo, 53), dem es gelingt, mit seinen untadeligen Umgangsformen in solch unfassbaren Mengen Herzenswärme abzustrahlen, dass jeder Hollywood-Santa-Claus beschämt den roten Rock abgeben sollte.
Wenn der Ritter auf der weißen Stretchlimo endlich die Prinzessin aus der Burg befreit, erscheint die Dimension des Kitschbades wohl selbst den ansonsten durchaus nicht zimperlichen Machern bedenklich - ein brabbelnder Schwarzer läuft zum Abkühlen über die Straße und philosophiert Läppisches über Hollywood.
Nur wenigen Filmen ist es gegeben, die Spuren des Alterns nicht wahrnehmen zu lassen. Speziell in den ersten 20 Minuten erschrickt man schon ein bisschen, wie sehr sich Pretty Woman verändert hat. Das sind vor allem stilistische Fragen, die Garderobe - wenn man das so nennen mag - ätzt, Gags wirken zu bemüht, das Format (1,77:1) sieht man nicht mal mehr im "Tatort", und das Bild rauscht und wirkt oft trotz HD einfach unscharf. Auch der Ton, wenn schon stellar über "Die Reifeprüfung", könnte knackiger kommen. Nein, das Alter ist keine Entschuldigung. Es gibt wesentlich ältere Filme mit wesentlich besserer Technik, bei welchen die Macher die Gnade des überragenden Geschmacks besaßen, das Geschehen (fast) zeitlos zu gestalten.
So wird aus der x-ten Wiederholung vielleicht nicht das Fest, das man sich in guter Erinnerung erhoffte; aber für einen netten Filmabend zu zweit sind Julia Roberts und Richard Gere noch allemal gut, auch wenn jeder von ihnen glücklicherweise deutlich bessere Filme gedreht hat. Um bei einem der Film-Songs zu bleiben: It Must Have Been Love.
film-jury 4* A0417 29.9.2011r 11A Genre: Komödie | Romanze