PRETENDERS ist ohne Übertreibung eines größten Alben der Rockgeschichte. "Wie eine Droge" wirkte das monumentale Debüt von Chrissie Hyndes Band 1980 auf einen begeisterten Pete Townshend. Und ist gleichzeitig auch das Vermächtnis der schon ein Album und zwei Jahre später tragisch zerbrochenen Gründungsformation.
Eigentlich ist alles an PRETENDERS umwerfend. Wo soll man beginnen? Bei "Brass In Pocket", berühmt nicht zuletzt wegen Scarlett Johanssons Karaoke-Performance in "Lost In Translation"? Mit dem von Grace Jones gecoverten eisigen "Private Life"? Oder doch mit dem denkwürdigen Gitarrensolo in "Tattooed Love Boys" und der groovigen Basslinie in "Mystery Achievement"? PRETENDERS ist alles gleichzeitig - und klingt doch wie sonst nichts.
Von Chris Thomas produziert, ist das Album purer Rock'n Roll, beginnend mit "Precious", gipfelnd im verschwitzten "The Wait" und endend in dem giftigen "Mystery Achievement". Dabei fehlt es der Platte nicht an Raffinesse: Vertrackte Metri (11/8 auf "The Phone Call", 7/8 in "Tattooed Love Boys"), clevere melodische Figuren ("Up The Neck") und klug gesetzte Overdubs federn intelligent die schwer pumpenden Basslinien von Pete Farndon und den knochentrockenen Drumbeat von Martin Chambers ab. Kurz: Beim ersten Hören von PRETENDERS klappt einem vor ungläubigem Staunen die Kinnlade runter.
Im Zentrum von PRETENDERS steht natürlich Chrissie Hyndes superbe Performance. Die "Prinzessin des Punk" hatte ungeachtet ihrer Liebe zu klassischen Popmelodien ("Stop Your Sobbing" ist ein Kinks-Cover) in ihren Texten häufiger böses als charmantes zu sagen. In James Honeyman-Scott fand Hynde einen kongenialen Partner, dessen von Understatement geprägter Sound häufig durch den Einsatz von Effektgeräten geprägt war. Der eigenwillige Glockenspiel-Sound in "Brass In Pocket" und "Kid" beeinflusste nicht zuletzt den "Jingle-Jangle", mit dem Smiths-Gitarrist Johnny Marr ein paar Jahre später reüssierte.
Die erweiterte Neuauflage von 2006 (Rhino) bietet neben einem schönen Booklet auf der Bonus-CD jede Menge hochkarätige Schmankerln. Neben einigen Demos (darunter die faszinierende Erstfassung ihres Countrysongs "Tequila"), Single-B-Seiten ("Porcelain", "Cuban Slide" u.a.) und Mitschnitte von BBC-Sessions und Liveauftritten, darunter das groovige ?-and-the-Mysterians-Cover "I Need Somebody". Diese Deluxe-Edition lohnt sich (wie jene von PRETENDERS II) auf jeden Fall, denn das auf der Bonus-CD versammelte Material ist selbst auf dem 4 CDs starken Boxset PIRATE RADIO großteils nicht enthalten.