Herbert Henck spielt diese Werke - es tut mir leid, dies sagen zu müssen - schlecht. Ich selber habe die zweite Sonate von Boulez einstudiert und kenne sie auswendig. Was bei dieser Aufnahme zunächst unangenehm auffällt, ist die große Anzahl falscher Töne. Herr Henck hat sich offenbar nicht die Mühe gemacht, die vielen Hilfslinien korrekt auszuzählen. Dann hat er auch die komplexen Rhythmen nicht korrekt ausgezählt; merhmals spielt er sogar Töne in der falschen Reihenfolge. Zum Hör-Vergleich empfehle ich die Pollini-Aufnahme, dort ist der Notentext nahezu perfekt ausgeführt (sofern das überhaupt möglich ist). Was aber noch mehr stört, sind interpretatorische Defizite. Die enormen klanglichen Kontraste sind bei Henck kümmerlich nivelliert, so daß die Kompromißlosigkeit und die spannende Vielfarbigkeit dieser Musik gar nicht zum Tragen kommt; man hört nur noch einen (viel zu einheitlichen) Haufen Töne. (Man ahnt z.B. nicht, daß der erste Satz so etwas wie zwei kontrastierende Themen hat). Henck begreift zudem keine Sinn-Zusammenhänge, Übergänge, Nahtstellen, Atem-Bögen und dergleichen. Der sapannende Gehalt dieser Musik, der einem fesselnden Roman vergleichbar ist, hat keine Chance, sich an den Hörer weiterzuvermitteln, weil Henck die vorhandenen Spannungs-Bögen und Sinn-Einheiten entstellt und die schroffen Gegensätze auf engem Raum glättet. An völlig falscher Stelle erhalten Phrasen bei ihm noch einen sinnlosen dynamischen und agogischen "Schweller". Hencks gesamte Interpretation scheint mehr auf Effekt-Hascherei ausgerichtet als auf sensible Annäherung an schwierige, gehaltvolle Musik. Im langsamen Satz der 2. Sonate ist Hencks Spiel von einem zähen, dick aufgetragenen Rubato gekennzeichnet, welches die wahren Ausdrucks-Momente verbirgt und künstliche hinzumischt. Genau das wollte Boulez vermeiden, wenn er im Vorwort schreibt: "absolut zu vermeiden sind, [...] was man 'expressive Nuancen' zu nennen pflegt". Wärmstens empfehlen kann ich jedem die Aufnahme von Maurizio Pollini, wo diese komplizierte Musik äußerst logisch dargestellt wird. Diese innere Logik, die sich dem Ohr und der Emotion erschließt, ist bei Herbert Henck auch nicht in Ansätzen zu finden. Zu loben ist, daß Henck die klangliche Sinnlichkeit einiger leisen Stellen mit angenehm schlichten Ton (was ein Lob unter Pianisten ist) darstellt. Aber ansonsten ging es mir beim Hören so, als erzähle mir jemand eine mir bekannte Geschichte sprachlich so undeutlich, daß ich kein Wort verstehe.